Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1841)
- Article
- Ueber die Karaiten
- Date
- 1841-01-23
- Page
- Seite 31 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360147-2360152-2364669--1378-2364691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
31 daher durchweg verkümmerten, ja meistens völlig verschwanden -1). Nur im südlichen Lheile des europäischen Rußlands erging es ihnen besser, und sie erhielten sich hier, vermuthlich weil keine Talmudisten am Hofe des' Chans sie bekämpften. Datü- Chan soll nur vierzig kärntische Familien mitgebracht und hier auf einem Felsen in der Nähe des Standlagers (der Residenz) seines krim'schen Statthalters angesiedelt haben. Die Niederlassung, welche sie daselbst gründeten, nannten sie daher auch „Kürkiwli," d. h. „die vierzig Wirtschaften," welcher Name sich aber späterhin verlor,^ indem die Ansiedelung sich vergrößerte und zu einem Städtchen anwuchs, besonders als sich in jenem tatarischen Gouverneurs - Standlager die Hauptstadt eines eigenen unabhängigen Chans entwickelte. Die Tataren nannten diese Stadt „D sch u ffut-Kale," d. h. „Jndenstadt," und dieser Name ist auch zu den Russen und m unsere geographischen Bücher übergegangen, wogegen die Karaten, die nur die Talmudisten Dschuffut nennen, statt dessen blos „Kale" (Stadt) sagen. Bon diesem Dschuffut-Kalo aus, welches' sie als ihre Metropole verehren, haben sich nun die Karaiten in allerneuester Zeit unter dem duldsamen Schutze russischen Scepters wiederum auf eine höchst merkwürdige Weise fröhlich über viele südrussi'sche Städte verbreitet. Die jetzigen numerischen Verhältnisse ihrer Kolonieen sind folgende: Die ganze Stärke des Völkchens mag sich etwa auf 4000 Seelen belaufen, von denen sich Ln der obengenannten in neuerer Zeit durch Auswanderung etwas geschwächten Metropole wohl kaum noch 1500 befinden. Nach Dschuffut-Kal« hat E u p a t o r L a oder K o s l o f f in der Krim die größte Kolonie, — über 800 Seelen, unter denen zugleich die wohlhabendsten Männer des Stammes sich befinden, namentlich der jetzige Krösus der Karaiten, „Schima Bobowitsch," dessen Name weit und breit unter ihnen verehrt ist und der daher fast als das Haupt und der patriarchalische Vertreter des Stammes angesehen wird. Schima Bobowitsch ließ die tückischen Pferde aufkaufen, auf denen der Kaiser Nikolaus bei seinem letzten Besuche die krim'schen Gebirge bereiste, auch ließ er für ihn kostbare Teppiche und Pferdegeschirre aus Konftantinopel und Smyrna kommen. Nach Eupatoria hat Odessa die stärkste kara'ttische Kolonie mit 31 Familien und nahe an 200 Seelen. Zehn Familien in Theodosia, 25 Köpfe in Schktomer. Auch in Wilna und an anderen Orten Lithauens sollen einige sein, so wie ebenfalls in Nikolajew, Taganrog und Cherson. Außer Rußland befinden sich im südlichen Galizien zwei kleine Gemeinden, die sich des Schutzes der österreichischen Regierung erfreuen, in Konstantinopel 30 Familien, in Kahira über 200 Köpfe, in Jerusalem nur 4 Familien, in der Stadt Hit in Syrien aber wiederum 250 Seelen. Im Jahre 1837 waren zwei Kuraitm nach London und zwei nach Petersburg gereist. So viel von der Geschichte und Statistik dieses kleinen Völkchens, dessen Charakter und Sitten doch so eigenthümlich und ehrenwerth sind, daß die Karaiten überall, wo sie erscheinen, sich eines Namens erfreuen, dessen Ruf mit ihrer geringen Anzahl in gar keinem Verhältnisse steht. Ihr ganzes Aeußere sowohl als auch ihr ganzes Sein und Wesen ist eine 1) Mehre. Schriften, die sich in den Händen des gelehrten Dr. St..., Direktors der jüdischen Schule in Odessa, befinden, lassen keine andere Deutung zu, so z. B. ein Buch, auf dessen Titel zu lesen ist: „Geschrieben im Jahre der Erschaffung der Welt so und so, in der armen, von den Talmudisten gedrückten 'Gemeinde der Karaiten zu Warna." Mischung aus Tatarischem und Jüdischem, und es ist aus dieser Mischung gegen die gewöhnliche Reget etwas ganz Angenehmes und Erfreuliches hervorgegangen. Mit türkischer Ruhe und Gesetztheit, die ihren Brüdern, den Talmudisten, mehr als irgend einem Volke abgeht, verbinden sie den jüdischen Handelsgeist, und wahrend sie daher durchweg nur Kaufleute sind und sich überall in die Welt hinauswagen, versteigen sie sich doch mit ihren Planen nie in schwindelnde Höhen, und es fehlt ihnen völlig jene maßlose Speculationswuth eines großen Theiles der talmudischen Juden. Vielmehr drückt sich in dem ganzen Benehmen und Verhalten der Karaiten ein sittiges Maßhalten aus, das ihre Rede- und Haltungsweise immer in den Schranken des Anstandes erhält. Sie treiben ihren kleinen Handel mit orientalischen Manufaktur-Waaren, Spezereien und Tabak ohne Geräusch, wie vor Alters ihre Väter. Sowohl auf der einen Seite der Schacher- und Trödel-, als auf der anderen der große Wechsel-, Papiergeld- und Edelstein- Handel der Talmudisten ist den Karaiten unbekannt. Sie gelangen daher, still ihre Krämergeschäft treibend, auf der einen Seite nicht zu der Stufe von Reichthum, Einfluß und Gelehrsamkeit, den hier und' da Jene erreichen, auf der anderen r^eite aber sind sie auch weit davon entfernt, zu solcher Armut!) und solchem Elend herabzusinken, wie wir dies namentlich bei den talmudischen Juden in Polen wahrnehmen. Wegen ihrer geringen äußeren Bedeutsamkeit werden sie meistens auch von den mit ihnen zusammenlebenden Talmudisten verachtet, von denen selbst der Unbedeutendste ihnen Mangel an Genialität und Geistestiefe vorwirst, indem er dabei auf die gelehrten Gesetzausleger und die scharfsinnigen Philosophen seines Stammes hinweist. Dagegen antworten aber die Altgläubigen wieder: „Es fehlt uns gar nicht an sinnigem Verstände, und in allen unseren kleinen Kolonieen findet Ihr nicht einen einzigen Bettler und nicht eine schmuzige Seele." Hierzu trägt allerdings auch der gegenseitige Credit bei, den bereitwillig ein Karait dem anderen gewährt. Es betrachten sich die Karm'ten als eine Familie, wo Einer immer unbedingt dem Anderen hilft. „In den ungeheueren Extremen, die sich in der talmudischen Gemeinde offenbaren, von Steinreich und Bettelarm, von Kraßunwissend und Uebergelehrt," sagte mir ein Karait, „zeigt sich die Unmäßigkeit und Leidenschaftlichkeit ihres Geistes, wogegen darin, daß wir Alle unser anständiges Auskommen haben, Alle lesen und schreiben können, sich nur die Harmonie und Mäßigkeit — die Talmudisten sagen Mittelmäßigkeit — unseres Geistes zu offenbaren scheint." Die Deutschen und Russen in Odessa nennen auch die Karaiten, indem sie dem hebräischen Pluralis noch ihre eigene Plural-Endigung anhängen, „Karmmen." Bei den Ungebildeten ist dann dieses Lippen —m sogar in das Lippen — b übergegangen, und es unterhielt mich daher einmal eine lange Zeit ein dortiger Bürger von den Karaiben Odessas, von denen er mir allerlei Wunderdinge erzählte. Als ich ihn fragte, ob sie auch Menschenfleisch aßen, lachte er mich darüber eben so herzlich aus, wie ich ihn über seine Kara'wen. Was die Kleidung der Karaiten anlangt , so ist sie fast völlig tatarisch, in Odessa wie in der Krim. Nur die tatarische Mütze, den Kalpak, haben in Odessa wenigstens viele Männer mit einer europäischen Mütze vertauscht, wie man denn überhaupt bemerken kann, daß immer alle Revolutionen in der Kleidung zunächst mit einer Veränderung, der Hauptbedeckung beginnen-). 2) In Wien haben auch die spanisch-türkischen Juden ihre übrige Kleidung fast noch völlig unverändert beibehalten,