Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 2 (1841)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1841)
- Article
- Sind jüdische Schulanstalten Bedürfnis, und wie müssen solche beschaffen sein, ...
- Date
- 1841-01-02
- Page
- Seite 7 (sequence 2)
- Language
- German
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ben, eine besondere Richtung zu vertreten, und kann nur durch dieselbe dem allgemeinen Wohle förderlich werden. Was aber der Juden Beruf gewesen und noch sei, ist kaum nöthig zu sagen; er spricht sich in ihrer mehr denn dreitausendjahrigen Geschichte deutlich genug.aus. Sie sollen den festen Glauben an einen einigen, ewigen Gott und Schöpfer des Weltalls, und an dessen Offenbarung, ohne alle Deutung und Nebenbegriffe, durch Beweglichkeit im Innern lautern, durch Beharrlichkeit nach Außen kräftigen und erweitern. Sie sollen den Gott, nicht des Zornes, noch der weichlichen Sanftmuth, sondern den der Liebe und Gerechtigkeit predigen. Für diesen Beruf haben sie gelebt, gehandelt und gelitten. Sie haben ihre Aufgabe gegen das Heidenthum zum Thell erfüllt, und erfüllen sie noch gegen die kühnen Stürme einer hyperrationalen Philosophie. Ja man darf wohl sagen, das Judenthum hat noch die Aufgabe, dm Töchter-Religionen, welche neben einer vortrefflichen Moral, doch auch manche den Grundsätzen des Monotheismus widersprechende Dogmen haben, als Leiterin zum endlichen Ziele zu dienen. *) Diesen ihren Beruf aber können die Juden nicht erfüllen, wenn die große Idee, der Monotheismus, die Seele ihrer Religion, nicht auch von äußerlichen Gebräuchen, als Körper, umgeben ist, weil Begriff ohne That, wie Geist ohne Körper, für die Menschen etwas Lustiges ist, das ihm, ehe er es faßt, unter den Händen entschwindet. Die besondern Institutionen sollen daher nicht aufgehoben, sondern vom Geiste durchdrungen, und demselben dienstbar werden. Nun hat aber die tausendjährige Beobachtung vieler Vorschriften für das äussere Leben höchst segensreiche Wirkungen gehabt. Der strengen und stillen Feier der Sabbate und Festtage verdanken wir den bei den Juden vorherrschenden Sinn für Häuslichkeit und gemüthliches Familienleben; manche Regeln der Enthaltsamkeit, manche Beschränkungen im Genüsse, an denen sich des Vernünftlers Spott weidet, haben die Mäßigkeit, Nüchternheit und Keuschheit erzeugt, die selbst unsere Feinde uns zugestehen. Gerade die vielen, religiösen Vorschriften, die, nach dem schönen Ausspruche: U'tüü/ Dtt/h -vrP/ das ganze jüdische Leben durchdnngen, haben demselben eine höhere Weihe, eine geistigere Richtung gegeben. Ein solches Leben hat unsere Vorfahren gestärkt und erhoben,- daß sie in Zeiten der Verfolgung Ehre, Vermögen, Dasein einer großen Idee opferten, die sie vielleicht minderklar mit dem Verstände, aber desto wärmer mit dem Herzen erfaßten, wahrend die modernen Begriffsjuden, die jede Form als den Geist herabziehend von sich weisen, ihren religiösen Begriff rneist nach Umstanden und Verhältnissen trefflich zu modisiciren wissen, ihm aber nichts zu opfern vermögen. Wir können es uns nicht bergen, daß bei Vielen unter uns Materialismus, Leichtsinn, Kälte des Gemüths^ und viele daraus entspringende Fehler in dem Maaße zu nehmen, als die Verehrung der religiösen Gebräuche bei ihnen abnimmt. Keinesweges soll hier der Werkheiligkeit das Wort geredet werden; aber wahr ist es, sowie gedankenlose That ein entseelter Körper, so ist Begriff ohne Betätigung wesenloses Hirngespinnst. Beide lassen kalt, bleiben wirkungslos. Jenem Abstreifen aller Formen also, jener Farblosigkeit muß kräftig entgegen gearbeitet werden, wenn wir nicht für uns und die Welt die Be¬ 1) Dieses ist die messianische Idee, die Salvador in seinem neuesten Werke meisterhaft dargestellt und historisch entwickelt hat. ^6808 Christe et sa doctrine. 1837. Nach ihm soll das jüdische Volk der Messias werden, indem es sich selbst läuternd zugleich die andern Völker zu der höchsten Gotteüidee erheben soll. deutung verlieren, und die Resultate einer mehrtausendjähngen Geschichte vernichten wollen.-) Und weil die jüdische Lehre mit dem Leben im immer größere Collision tritt : so muß zwar crftere durch mögliche Reform mnerhalb des Judenthums ausführbar gemacht werden; aber andererseits ist es um so heiligere Pflicht, das Kind in zarter Jugend für dieselbe zu begeistern und durch Erziehung und Unterricht mit dem jüdischen Leben vertraut zu machen. Dies also ists gerade, was laut für die Errichtung und Unterhaltung jüdischer Schulen spricht. Dazu kommt noch der Umstand, daß durch gute jüdische Gemeindeschulen für die armen Kinder jüdischer Religion weit besser gesorgt ist, als wenn diese die christlichen Armenschulen besuchen, wo wegen der großen Anzahl der Schüler oft nicht allzuviel geleistet werden kann. Die Befürchtung aber, daß die gegenseitige Befreundung zwischen Juden und Christen durch jüdische Separatschulen gehemmt werde, ist bei weitem nicht so gegründet, als man wohl glauben möchte. Wahr ist cs, daß es mit den Vorurtheilen gegen die Juden wie mit andern beschaffen ist; das beste Mittel, sie auözurotten, ist den Gegenstand derselben genau ins 'Auge zu fassen und sich mit ihm zu befreunden. Allem daß dies nicht sowohl der gemeinschaftliche Unterricht, als ein vollkommen gemeinsames bürgerliches Leben bewerkstellige, werden Viele aus eigener Erfahrung bestätigen müssen. Man weiß, wie wenig Schulfreundschaften sagen wollen, wie selten sie sich tnr Leben fortsetzen; besonders wo die Lebensverhältnisse sie nur aufzulösen geeignet sind. Wie vielmehr Einheit und wie viel weniger Kastengeist müßte überhaupt herrschen, wenn das gemeinsame Kinderleben in der Schule wirklich so einflußreich >auf die Verbrüderung wäre. Dem ist aber nicht so. Denn was das unschuldige Kir.derherz noch nicht unterscheidet, das scheidet die vornrtheilvolle Schranke des Lebens. Weit besser und nachhaltiger wird die engere Verbrüderung durch Entwurzelung der Vorurtheile, durch eine reine, auf allgemeine Menschenliebe beruhende, Morallehre erzielt. Da aber leider so viele authentische Zeugnisse außer Zweifel Lassen, daß in vielen christlichen Lehranstalten die allgemeine Menschenliebe noch wenig gelehrt, den Vorurtheilm in die Hände gearbeitet wird, so dürfte ein gemeinschaftlicher Unterricht der jüdischen Kinder mit den christlichen gerade das Gegentheil des beabsichtigten Zweckes bewirken.1 * 3) Die Neckereien, denen das jüdische Kind in solchen Anstalten von Seiten dcr Lehrer ausgesetzt ist, würden statt Befreundung, Entfremdung seines Herzens zur Folge haben. Bei den Juden aber ist der Begriff von allgemeiner Menschenliebe, von Achtung gegen fremde Religion so weit gediehen, so verbreitet, daß hierüber wenig zu erinnern, vielmehr 2) Jede Gesellschaft, als Volks- oder als Religionsverein, ist nur so lange auf der Bahn zu ihrem vorgestcckten Ziele, hat also nur so lange Bedeutung, als sie die Basis ihres Ursprunges und ihrer historischen Entwickelung nicht verläßt. So bald sie ihr besonderes Streben außer 'Augen setzt, und nur nachahmt, verliert sie Wirkung und Bedeutung. In dem Ursprünge und der historischen Entwickelung des Judenthums aber zeigt sich das, zwar nicht politische, aber religiöse Sonderungsprincip. Die- Juden sollen durch äußere Enthaltungs¬ und Heiligungsregeln ihre innere Heiligung wahren und beurkundcn tfflhp ’UI D'JDD n:&ßö 'NN Elim Sie sollen dcr Welt sein, was der Priester seinem Volke. Mit Auflösung der zur Heiligung wirklich beitragenden äußern, religiösen Eigenthümlichkeiten, würde sich ihr ganzes Streben auflösen. 3) Diese Behauptung könnte nötigenfalls durch Beispiele bewiesen werden, die-aber defftr unterbleiben.