Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 50 (12.12.1840)
- Article
- Zur Geschichte der Homiletik
- Date
- 1840-12-12
- Page
- 781 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/8555529-9891396-9891467-2364311--1006-2364343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
781 Zur Geschichte der Homiletik v.I.Zt. Frankel. Grabe frühzeitig zuwanken", wonach Gcnugthuung fordern — ein moderner, gemilderter Ausdruck für das verpönten: Rache nehmen — zum Duell Hervorrufen, von Seiten der Religion gebilligt werden mußte. Das 7. Gebot „Du sollst nicht ehebrechen" wird mit dem vorigen, dem Mordverbote, in Zusammenhang gebracht; denn der Ehebrecher ist der Mörder der Ehre zweier Menschen oder Eines Ehepaares, und darum beweist der Verf. nicht nochmals besonders — indem er nach dem Midrasch darthut, der Ehebrecher verstößt mit der Einen Sünde gegen alle zehn Gebote — daß dieser Frevler einen Mord begehe, oder gegen n$m ib fehle, wie auch fySOn tb selbst natürlich übergangen worden mußte. Beim 8. Gebote „Du sollst nicht stehlen'^ last sich der Redner wieder auf Verletzung der Ehre ein, und erklärt Verlaumdung, Verkleinerung Heuchelei für einen Diebstahl; allein da schon beim Mordverbote davon gesprochen ward, so wäre hier eine Hinweisung auf die mannigfachen Arten des Betrügens, Taujchens und Hintergehcirs am rechten Orte gewesen. Das zehnte Gebot „Du sollst nicht begehren" wird zuerst passend auseinandergesetzt und oaun als Träger und Unifaffer aller zehn Gebote bezeichnet und erwiesen. In allen diesen Theilen wird das vorgesteckte Ziel nicht außer Augen gelassen, zu zeigen, wie durch jedes Gebot Israel zum Propheten der Völker geworden. Am Schlüsse erklärt der Vers, die ganzen zehn Gebote nach ihrer gegenseitigen Stellung auf den zwei Tafeln, so daß das erste mit dem fünften, das zweite mit dem sechsten u. s. f. in einen gewissen, innern Zusammenhang gebracht wird, um gleichsam die Verkettung und das Incincmderschlingen und -greifen aller zehn deutlicher herauszustellen- Diese Predigt enthält einen Schatz von frommen Belehrungen und reichhaltigen Gedanken, ihre Form ist streng homiletisch, wie ihr Inhalt wahrhaft theologisch; doch glauben wir, daß die vierfache, künstliche Zusammenstellung und Durchführung, ein Beweis der so oft gepriesenen Combinationsgabe des Vers., in einer Rede etwas gekünstelt erscheint, zu viel ist und des Guten zu viei bietet; denn {i7]8lv äyccv. — Zur zwölften, einer Trauugsrcde, ward der Text gewählt: Hose« 2, 21 1'NLNXI". wo die Werbindung Gottes mit Israel, gleich der Verbindung eines Brautpaares, durch Tugend, Liebe und Treue bezeichnet ist. Im Exordium wird auf das bevorstehende Pfingstfest, an welchem Gott zuerst den Bund mit Israel schloß, aufmerksam gemacht. Im ersten Theile wird die Tugend, als die Mutter der Hochachtung geschildert, und nach dieser Schilderung gezeigt, wie durch gegenseitige Achtung das zu trauende Paar glücklich sein kann. Im zweiten Theile wird an die Achtung Liebe gereiht, nicht jene Liebe, dem sumpfigen Boden der irdischen Neigung entstiegen; sondern die göttliche Flamme, deren Strahlen die Augen erleuchten. Im dritten Theile wird gezeigt, wie der Achtung und Liebe die Treue folgen muß, und wie die eheliche Treue und die Heiligkeit der Ehe mit der Heiligkeit des göttlichem Bundes zusammenhängt. Zum Schluß erklärt der Redner, er hätte deshalb den. Blick des Brautpaars auf den göttlichen Bund mir Israel gerichtet, weil nur der Gedanke an Dr. Holdheim'6 gottesdienstliche Vorträge. 782 Gott und feine Religion als Beschützer der Ehe bezeichnet werden kann. — Die Eintheilung und Durchführung dieser analytischen Rede, besonders aber die Peroratio, in welcher ein neues Moment angeführt wird, genügen den strengsten Anforderungen der Homiletik; reich an schönen Bildern ist vorzüglich dev zweite Theil. Doch schwerfällig und darum unverständlich ist S. 191 der große Satz „Es ist daher ganz natürlich" construirt. — Der zwölften, zum Jahresfeste dev Gründung des Jüdischen Hospitals gehaltenen Rede fehlt ein Text, ein Exordium und eine genaue Abtheilung — obwohl die Peroratio, einen neuen Umstand kurz hervorhebend, Lob verdient — wir können sie daher nicht Predigt, wohl aber Rede nennen« Mit Recht ruft der Redner unsere Altvordern aus ihrem Grabe hervor (204), welche durch Vermächtnisse jeglicher Art ein ewiges Denkmal sich setzten, und in dem Herzen so vieler Armen, Kranken und Waisen fortleben. Den frommen Sinn des Verf. bekundet S. 205 > wo gegen das Niederreißen und Zerstören mancher moderner Theologen angekämpft wird. — Bei einer vollständigen, unpartheiischen Recension, wo Lob und Tadel, Billigung und Rüge, wie Licht- und Schattenseiten, abwechselnd unsrem Gesichte vorgeführt werden, hegt der gebildete Leser die Hoffnung am Schlüsse ein allgemeines, von allen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten abstrahirtes Urtheil vorzufmden. Wir brauchten eigentlich rein Schluß-Judicium zu fallen. Denn unser vorgcsireckces Ziel war nicht eine Recension als solche der Oessenrlichkeit zu übergeben; sondern eine Recension als Deduction homiletischer Regeln; unsere Sache war's nicht, die Frage, wie sind diese Predigten, sondern die Frage, wie sollen unsere Predigten sein, zn beantworten. Und eben deshalb, daß wir in unserm kleinen Beitrage zur Jüdischen Homiletik aus diesen Vorträgen Regeln a posteriori zu ziehen uns bestrebten, und diese Vorträge als die geeignetsten erschienenen dazu fanden, müßten wir nicht minder eines Schluß - Judicii enthoben sein. Doch wollen wir, um auch hierin andern Recensenten nicht nachzustehen und von der einmal recipirten Sitte nicht abzuweichen, etwas Allgemeines über diese Reden hinzufügcn. Es waltet in diesen Predigten durchgängig ein frommer Geist, ein Geist, der nicht wahrnehmungslos auf die verschiedenen Gestaltungen in Israel schaut, ein Geist, der ebenso die jüdisch-theologischen Giganten in ihrem Ankämpfen gegen unsere Religion, gegen unfern Himmel, wie die schleichenden, kriechenden Zwerge in ihrem Versinken in Mysticismus und Sophismus strengprüfend betrachtet. Es zeigen sich in diesen Predigten Fundgruben der echtesten Perlen, der sinnreichsten, hagadischen Sentenzen, welche kunstreich, aber nicht gekünstelt, scharfsinnig, aber nicht spitzfindig , streng jüdisch, aber nicht mystisch auseinandergesetzt und erklärt werden. Die Auslegungen der Bibelverse sind nicht immer streng nach der wörtlichen Mbersetzung; sondern oft erst hineingetragen mit vielem Geist und Scharfsinn. Ein solches Hineintragen steht dem Prediger nicht nur frei, und könnte deshalb licentia homiletica heißen; sondern ward