Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1840)
- Article
- Stellung der Juden in der Grafschaft Venaissin
- Date
- 1840-12-12
- Page
- 390 (sequence 1)
- Language
- German
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390 Licht- «nd Schattenbildev aus der j ü d i s ch r n G § s ch i ch 11 d e r Gegenwart. Stellung der Juden in der Grafschaft Venaissin, vor und nach 1 789. (Nach dem Arch. Isr.) E r ft e r A r t i k e l. Es ist schwer, in Betreff des Zustandes der Juden in der Grafschaft Venaissin zu einerbestimmten Ansicht zu gelangen. Unsre Väter waren in diesem Lande öfters die'Zielscheibe solcher Quälereien , daß, so viel ich weiß, keiner von ihnen sich mit dem Aufzeichnen auch der kleinsten Begebenheit beschäftigt, daß reiner uns auch nur den geringsten Theil von Jahrbüchern hinterlaffen hat; zurückgehalten vom Aufzeichnen ohnstrektig durch die Befürchtung, sich noch größere Verfolgungen zuzuziehen, als die waren, welche man bereits über sie verhängte. Denn um rückst'chtlich der Schmähung, die man in diesen zu Rom gehörenden Landen über sie ausschüttete, treue Dokumente zu liefern, hätte man 'die tausend Schandthaten enthüllen müssen, die von ihren Feinden rücksichtlich ihrer verübt wurden. Das würde sie aber bei dem Geiste der regierenden Priester oder ihrer Legaten, die diese Provinz verwalteten, für immer zu Grunde gerichtet haben. Das israelitische Volk war, seiner Stellung nach, fast stets den grausamsten Verfolgungen ausgesetzt, sowohl hier als auch anderwärts. Sie hatten die verletzendsten Tyranneien zu dulden, die härteste Sklaverei; und ganz vor Kurzem noch gewahrten wir unsre unglücklichen Glaubensgenossen zu Damaskus als die Opfer einer infamen Verläumdung, die aus den gehässigsten Insinuationen hervorgegangen war. Die entsetzliche Erzählung der Martern, die sie haben erdulden müssen, erregt Abscheu; kaum wird die Nachwelt dieses scheußliche Drama glauben, das die Blatter der Geschichte des 19. Jahrhunderts besudelt, wo eine Bevölkerung friedlicher Menschen, größtcntheils geachtet, der empörendsten Verfolgung nicht entrinnen konnte, trotz der Anwesenheit der Consuln aller civilisirten Nationen. Die Geschichte des hebräischen Volkes ist ohne Widerspruch die rührendste Geschichte hinsichtlich ihrer tragischen Ausgänge. Nehmen wir die Juden von der egyptischen Epoche an bis auf unsere Tage; welche zum Theil einzigen Epochen von Größe, von Macht und Ruhm! und endlich treffen wir sie dem gehässigen Joche der Tyrannen und Unterdrücker, der flammenden Zuchtrurhe eines religiösen Fanatismus Preis gegeben. Oft in die äußersten Extreme geschleudert, beraubt, verwüstet, verbannt, gestoßen aus dem Baterlande, gleich Uebelthatern finden sie kaum in irgend einem Winkel der Erde eine Freistätte, die ihnen als Schutz gegen Räuber und ihre Feinde dienen könnte, schleppen sie hinter sich den Kummer und das Elend her. . Eben so haben sie durch ihr Ausharren und durch den Glauben an Gott und ihre Väter eine Periode von mehr als 3000 Jahren durchlebt, bisweilen durch ihre Talente und ihr Genie beinahe.den Gipfel socialer Herrlichkeit erreicht, sind manchmal wohl herabgekommen, haben sich doch auch wieder erhoben, die Stufenleiter der Welt hinauf- und herabsteigend, wie die Engel des Herrn die göttliche Leiter auf und abstiegm, die sich dem Jakob in dem Gefilde zu Betel zeigte. Unter der Herrschaft Adrians (135 n. Ehr.) '.wurden die Juden aus dem heiligen Lande verbannt. Gezwungen zur Flucht und genöthigt, in fremden Landen einen Platz zu einer neuen Heimath zu suchen, verbreiteten sie sich über alle Punkte der Erde, und unter denen, die sich nach Gallien flüchteten, pflanzten 10-—12 Familien ihre Penaten in der Stadt Carpentras (Carpentoracte), der alten Hauptstadt von Meminiens auf. — Seit undenklicher Zeit hat das jüdische Volk ein Etablissement in der Stadt Carpentras. Ehedem prakttcirten sie hier so gut wie die Christen als Aerzte, sie wurden in contraktliche Verhältnisse, sowohl öffentliche als privatliche gezogen; sie besaßen überdem Grund und Boden; allein in der Folge wurde ihnen dies alles durch die Priesierherrschaft geraubt und zwar auf das unterchänige Gesuch der Stande der Grafschaft Venaissin. *) So wurden sie nun von der Eifersucht, dem Aberglauben, dem Fanatismus in der Grafschaft verfolgt, gerade wie noch heut zu Tage die Eifersucht, der Aberglaube, der Fanatismus die Juden in andern Gegenden verfolgt. Unter der priesterlichen Herrschaft war die Gerechtigkeit den Juden versperrt; sie war für 'sie nicht da.1 2) Unselige Zeit! Epoche des Elends und banger Besorgniß, wo die Juden durch die härtesten Erpressungen, durch die größten Verfolgungen, durch die empörendste Sklaverei auf die betrübendste, unausgesetzteste Weise zu Boden gedrückt wurden. Die Juden der Grafschaft, Gegenstand des Hasses und der Böswilligkeit, wurden in .das schmutzigste Quartier der Städte eingezwängt, und nur dorr war ihnen erlaubt zu hausen. Man nannte dies Quartier die Juderei (mit verächtlichem Nebenbegriff), indem kaum der Name eines verpesteten Viehstalles, eines ewigen Gefängnisses 3) dafür genügend 1) Recueil de divers titres sur la ville de Carpeiitras, eine vorläufige Abhandlung. 2) Es ist unmöglich anzugeben, durch welche bewegende Ursachen die Juden der Grafschaft ihren ordentlichen Richtern entzogen wurden, wenngleich dieser Zustand unter der päpstlichen Herrschaft ins Leben trat. Man weiß, Beranger de Seguret, Kämmerer Papst Gregors X. und Probst der Marseiller Kirche, wurde abgesandt, allein in diesen Angelegenheiten zu entscheiden, deren Kenntnißnahme allen andern Obrigkeiten untersagt worden war durch ein Edikt, datirt vom 14. Aug. 1275, crusgeferH'gt unter Autorität B. Eugues', Probstes der Orange, und des Lieutenants von Beranger (Cottier, Notes histor. concernant les recteurs de Carpentras). 3) Man tritt in die Judenstadt durch ein großes Portal, das man des Abends nach Sonnenuntergang verschließt. Ein Thürhüter bewachte den Eingang; Niemand konnte ohne seine Erlaubniß heraustreten, und alle die, welche des Nachts außerhalb des Thores angetroffen wurden, mußten eine Geldbuße zahlen. Dies Portal existirt noch heut zu Tage in Avignon und Carpentras, allein die Thür ist ausgehoben worden. Wird es nicht endlich einmal Zeit, diese Ueberreste des Feudalismus, diese schmachvollen Erinnerungen einer Zeit der Barbarei und Sklaverei zu zerstrröen?