Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1840)
- Article
- Bericht des Dr. Goldscheider ...
- Date
- 1840-12-12
- Page
- 385 (sequence 1)
- Language
- German
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Berichte, Studien und Kritiken für Das Abonnement für ein Jahr ist 5 Lhlr. Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern und allen soliden Buchhandlungen auf ein Jahr. jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Dr. Julius Fürst. Von dieser. Zeitschrift erscheinen wöchentlich, das Literaturblatt mitgerechnet, zwei Bogen, und zwar an jedem Samstag regelmäßig. J|/© AHD, Leipzig, den 12. December 184®* Orient. (A lgier, Bericht des Dr. Goldscheider. Plan zur Errichtung zweier Schulen). — Deutschland (Wien, Cremieur daselbst. Danzig, jüd. Zustande daselbst. Lesezirkel. Elbing, Zuschrift von S. Aschenheim.' Leipzig, Bericht über das Arch. Jsr.). — Dänemark (K o p e n h a g e n , Wählbarkeit und Gottesdienst betr.). — Galizien (Lemberg, übereinen Plan zur Gründung eines Tempels). — Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart: Stellung der Juden in der Grafschaft Venaissin. — Ueber die Nabbinats-Centralschule zu Metz. — Personalchronik und Miscellen. — L.-B. d. Orients. Orient. Algier (Ftstzg. des Berichts von Dr. Goldscheider). Man wird genöthigt anzunehmen, daß das Ansehen, was im Allgemeinen alle Juden rücksichtlich ihrer Intelligenz genießen, so günstige Urlheile über sie erweckt, daß diese die Antipathie stets überwiegen, welche alle Muselmänner gegen sie im Herzen tragen. Diese Achtung vor der Geschicklichkeit steht so fest, daß sie sich selbst dem Herzen der Europäer eingeprägt hat, die den Juden gleiches Zutrauen schenken und sie zugleich mit derselben Geringachtung zu Boden halten. Man beachte nun die Wirkung davon! Don 1830 an rissen die Juden, gleichviel unter welcher Form, die Niederlagen und europäischen Etablissements an sich; die von ihnen auf die Feder bewanderten wurden Advokaten, Sachwalter, Notarien, Gerichtsvögte, bestallte Taxatoren; ihre Commis Negotianten und Kaufleute; ihre Marquers Wirthe und Victualienhändler; man trifft sie überall, aber man muß ihnen zugestehen, daß sie allerwegen ihre Dienste mit Ein sicht verwalten; wir sprechen: mit Einsicht, ohne der Gewissenhaftigkeit und der Treue Erwähnung zu thun; denn sie haben sich uns blos aus Berechnung in die Arme geworfen, da sie blos für sich selbst gewinnen wollten. Sie dienen uns grade so, wie sie den Türken dienten, nicht aber mit dem Verlangen, aus den weisen Einrichtungen und wirklichen Vortheilen unsrer Civilisation Nutzen zu ziehen. *) Kurz, der von ihnen genom- 1) Was findet man Wunderbares darin? Um die Civilisation zu lieben, muß man sie zu schätzen wissen; muß man darüber unterrichtet sein, was die Juden von Algier nicht sind. mene Gang seit nun bald sechs Jahren scheint auf diese Wohlthat gar nicht abgezweckt zu haben. Die jungen Juden haben unsre Tracht angenommen, sie haben sich bekleidet mit dem Hute, dem Hemde, der Cravatte, mit Strümpfen, Schuhen, Handschuhen und dem unzertrennlichen Spazierstöckchen. Alles das ist gepaart mit einem Dünkel und einer Unverschämtheit, die nichts gemein hat mit dem rücksichtsvollen und polirten Wesen, das der Umgang mit der Civilisation gibt. In dem Gemälde, das wir unfern Lesern schon vor Augen geführt haben, erinnern sie mit sehr treuen und kenntlilichen Farben an das väterliche Haus, aber sie verleugnen es oft, um des Abends, zuweilen des Nachts, ä la fraiujaise in die öffentlichen Etablissements und an lüderliche Orte zu gehen. Das sind die einzigen Dortheile, die sich die Juden von unsrer Civilisation zugeeignet haben, und die sind nicht eben hoch anzuschlagen. Die Schuld liegt sicherlich nicht an denen, die vorzüglich nur der schädlichen Seite unsrer socialen Einrichtungen gefolgt sind; sondern vielmehr an denen, die bei ihnen den cigenthümlichen Hang, eine gewisse Apparatur anzunehmen bemerkten, und diesen Hang nicht auf das Gute lenkten. Unter solchen Umständen sind die jungen Juden der schwachen Seite der Menschennatur gefolgt, dem, was auf Grund der lügnerischen Lockung des Vergnügens, die Vorzüge des Menschen zum Bösen hinführt. Und um die strenge Sprache der Wahrheit nicht zu verleugnen, so wollen wir, obwohl mit einem tiefen Gefühl des Schmerzes es aussprechen: daß die jungen Juden, wo sie als öffentliche oder Privatbeamte erscheinen, sich der Ungenirtheit des jugendlichen Alters nicht begeben haben, und aus jener entehrenden Stellung herauszutre- 50