Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1840-12-05 · Heft 49 (5.12.1840) · p. 384

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 49 (5.12.1840)
Article
Neueste Ministerialverfügungen in der preußischen Monarchie ...
Date
1840-12-05
Page
384 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360093-2360143-2364242--1185-2364276
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

384 der Bcralhung über die Interessen des Vaterlandes, der'Stadt, Gemeinde k. entweder gar nicht, oder nur zu sehr beschranktem Lheilc Mitwirken, ja man verstecktet uns nicht einmal die Ausübung vaterländischer Pflichten, und wenn sie auch nur als eine Oblast erscheinen, sobald nur die Gesinnung dabei concurrirt. Und warum? Weil man unscrn Ansichten noch nicht traut, unscrn orientalischen Geburtsschein nicht in Vergessenheit bringen kaun. Aber, wie gesagt, wir reden hier nicht von dem Volke, das uns oft hier und dort materieller Interessen willen zurückstößt, sondern von den Negierungen. In den Augen dieser müssen wir uns rechtfertigen, unsre Integrität beweisen. Wir -bekennen es frei, daß wir nicht zu den Unzufriedenen, nicht zu den Ungestümen gehören, welche alles mit einem Schlage verwirklicht sehen wollen. Ueberblicken wir nur das abgelaufcne Iahrzehent, so müssen wir uns sagen, daß in dieser Zeit für uns gar manches Heilbringende geschehen ist. Dies soll uns nicht in den Schlummer wiegen, dies soll uns nicht trösten mit dem leidigen Tröste, daß es sonst viel schlimmer gewesen sei. Es soll uns nur ermuthigen, soll uns hoffen lassen, soll unsre moralische Elastizität stählen. Wir hoffen! Wir hoffen auf die gänzliche Vollendung unsrer Emancipation , unsrer vollkommnen Gleichstellung mit den sibrigen Staatsbürgern und nicht allein in Preußen, sondern auf der ganzen, weiten europäischen Erde. Bürgern wir uns aber auch ein! Man verstehe uns recht, wir fordern deshalb noch keine Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, wir denken dabei nicht an Kleinigkeiten, wie den Genuß verbotener Speisen rc. dergleichen Dinge, Förmlichkeiten und kirchliche Sonderheiten existiren bei den Katholiken in Menge, ohne das dies ihre Einbürgerung unter den Protestanten hinderte. Nein, selbst abkommen müssen wir von der Idee, daß wir etwas Besonderes waren oder bilden, bürgerlichen Einrichtungen, welche ins Leben treten wollen, müssen wir nicht auf jeder Seite mit unserm religiösen Argwohne begegnen. Warum hat sich seit dem Aufleben der Emanzipationsfrage ein Riß gebildet in dem Iudenthume, den viele beklagen? O ich sage euch, er wird noch weiter klaffen mit der Zeit dieser Riß, und wenn dann die Altjuden ihre Ideen über Iudenthum nicht fahren lassen, so wird es ihnen gehen, wie den sogenannten Altlutheranern, die, weil die Zeit nicht auf 1517 stehen geblieben ist, ihre sehnsüchtigen Blicke über den Ocean schweifen lassen. Meint ihr, ihr wäret bei dem ungeheuren Umschwünge der Zeit nach Jahrhunderten noch dieselben geblieben, und wenn ihr auch die palästinensische Erde bewohntet? Wahrhaftig nicht! Auch wäre dies ein Unglück und ihr müßtet euch dann mit China vergleichen. Nein, die Zeit wechselt und wir folgen willig oder gezwungen den gewaltigen Bewegungen. Auch können wir ruhig dabei sein; denn das Ewige, das schon seit Jahrtausenden sich bewahrt hat als die Offenbarung des Göttlichen in der Menschenbrust, es wird auch fernerhin bestehen trotz des Zcitenwechselß und keine Emancipation, keine Europaisirung, kein Preußenthum wird es uns rauben oder rauben wollen. Aber gewiß müssen wir, jeder an-, seinem Theile, über uns wachen, das eine oder das andere müssen wir mit Bestimmtheit wollen, nicht Unterthanen der Staaten Europas können wir werden wollen, und zugleich ganz und gar Palästiner sein. Wir werden an das Ziel gelangen, nach dem wir streben , das wir durch unsre Religion erreichen wollen: ein Volk Gottes zu werden, zu sein und zu bleiben. Mit uns streben ja alle, die da athmen, nach gleichem Ziele. Immer mehr lernt man erkennen, das; der Wege dahin verschiedene führen, daß die Sprache, in welcher wir uns nach diesem Wege des Heils erkundigen, nur etwas Zufälliges ist, daß der religiöse Ton fortan keinen Unterschied zwischen Menschen und Menschen machen darf, daß einst in Bezug auf Streben und Zieleitle Heerde werden wird, deren treuer Hüter Gotr ist! Und in solcher Beziehung nehmen wir denn auch dm in jener oben erwähnten Ministerialverfügung gewählten Ausdruck auf, daß die Iuoenschaft nur erlaubte Privatgesellschaften zur Erreichung religiöser Zwecke bildeten. Verletzt uns zum Thcil auch das Wort: „erlaubt", weil cs unangenehme Erinnerungen weckt, so kann nur der an den Ausdruck Privatgesellschaften sich stoßen , der dabei an den Gegensatz: „herrschende Religion" denkt. Allein in der Praxis ist dieser Gegensatz glücklicher Weise aufgehoben und wenn auch noch nicht ganz rücksichllich des Judenthums, so doch rücksichtlich der übrigen christlichen Confessionen, und hinsichtlich des theoretischen Rechts stehen die Letztem in gleichem Verhältnisse mit dem Iudenthume, rücksichtlich der Praxis aber auf gleicher Stufe mit der sogenannten herrschenden Religion. Nur die katholische Kirche, da wo sie Staatsreligion ist, kann sich zu Folge ihrer Principien, noch Rechte Vorbehalten, der Geist der übrigen verzichtet in der Wirklichkeit aus diese Ansprüche. Staat und Staatsrecht wird immermehr an die Spitze der Völkerleitung treten, und sich in seinen Beschlüssen von den Ansichten eines consessionellen Bekenntnisses entbinden. Religion wird dann nur Privatsache sein. Dies ijt. die Zeit der völligen Emancipation! (Fortsetzung folgt.) P ersonalchronik mrd Miscellen. Aus dem O e ste rre ich sch e n. Wie sie in allen Zeitungen gelesen haben werden, ist unsre Censur durch ein L f. Handbillet gemildert worden. Wir geben uns gern der schönen Hoffnung hin, daß dies sich auch auf die ausländische hebräische Literatur erstrecken werde; allein hier ist es bisher weniger die Strenge des Censurgesetzes an sich gewesen, das die Einfuhr verboten hätte, als vielmehr der Geist der Buchdrucker und Buchhändler, welche die Negierung zum Verbot ausländischer Gebetbücher veranlaßten. Mögen diese doch endlich einmal den Eigennutz dem bessern Bewußtsein weichen lassen: * * * Nach einer brieflichen Mittheilung aus Wien ist Hr. Cremieux dort angekommen und mit ausgegezeichneter Achtung von der vornehmen Welt empfangen worden. —- * ck * Eine Cabmetsordre vom 26. Oct° in Preußen erklärt es für unzulässig, eine Synagoge und einen jüdischen Begrabrüßplatz zur Subhastation zu stellen, und daher auch nicht etwa wenn sie wegen einer Schuld der betreffenden Iudenschast speciell verpfändet oder verhypothekirt gewesen. (L. A. Z.) -Verlag von E. L. Fritzfche» Druck von I» H«. Nagel. *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.