Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1840)
- Article
- Stimme aus Berlin
- Date
- 1840-11-28
- Page
- 376 (sequence 3)
- Language
- German
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376 und noch ganz besonders in der neuesten Zeit geworden ist. Aber sagen wir es aufrichtig, die 'Wirkung steht m keinem VerlMniß zu den verwandten Kräften, und es ist nicht blos jüdischer Nationalstolz oder hypochondrische Misanthropre, wenn man von vielen Seiten her die Klage hört, daß Judenhaß und sein liebloses Gefolge, namentlich in unfern größern Städten, im Zunehmen begriffen seien. Weit entfernt jedoch, hier die Ursachen der Wirkungslosigkeit jener so reichlich verwandten Kräfte auseinander zu setzen, gehen wir vielmehr zu einem andern Punkte über, dessen Besprechung einiges Licht über jene Erscheinung verbreiten soll. Die Verbesserung der jüd. Verhältnisse wird von den meisten Stimmführern gar zu oft mit der Aufklärung der Juden verwechselt; ein Jrrthum, der lediglich aus dem Wahne von der absoluten Perfekribilitat des menschlichen Geschlechts durch Lehre und Unterricht, besteht. Wenn man Schule und Kirche organisirt, wenn man durch Unterricht im Lesen und Schreiben dem Juden Vehikel zu geistiger Erre-! gung-und Ausbildung an die Hand gegeben, wenn man dafür gesorgt hat, daß ihnen von Kindesbeinen an, rechte heilsame Ermahnungen, zu Frömmigkeit und guter.-Sitte beigebracht werden, so glaubt man sie für das ganze Leben, Wunder wie gut ausgerüstet zu haben. Man wähnt, daß ihr Verstand und ihr Gemüth anfänglich vom Schulmeister und späterhin, wenn es gar h o ch kommt, alle Sonnabend vom Rabbiner oder Prediger zügerichtet und zurechtgewiesen, sie hinlänglich befähige, sich in aller Roth und Last des Lebens zu recht zu finden und erträglich einzurichten. Wenn nun dies nicht allen gelingt, wenn viele, oder besser, die meisten, dabei geistig und leiblich zu Grunde gehen, und als Hilflose, oder wie mancher Staatsmann sich aus drückt, ungerathene Mitglieder des Gemeinwesens,-ihren Glaubensbrüdern und theilweise auch ihren andern Mitbürgern zur Last fallen, so tröstet man sich mit dem hergebrachten Gemeinplätze, daß eben menschliche Zustande und Einrichtungen niemals zu heilsamer Vollkommenheit gedeihen, und daß man sich begnügen müsse, wenn auch nur ein kleiner Theil der beabsichtigten Guten wirklich erreicht werde. Das ist eine schlechte Beruhigung, die noch überdies bei näherer Einsicht m die Zustände gänzlich verschwindet. Die Lehren und Eindrücke der Schuten und Predigt haften nicht, und können nicht haften, wenn draußen alle Verhältnisse des Lebens in schneidendem Widerspruch damit stehen; die Erhebung und Spannung der Seelenkräfte, kann nicht nachhaltig dauern, wenn schon in der nächsten Stunde die Noth und Dürftigkeit des Lebens, Sinn und Gemüth zusammenpreßt. Es gibt Geister, die dem Allen widerstehen , die sich im Kampfe mit Noth und Entbehrung stahlen, die sich dem Druck und Schmutz gemeiner Umgebung rein und frei entwinden. Diese aber sind die Ausnahme, und wenn wir uns ihrer freuen, so müssen wir zugleich mit doppelten Schmerze der unzähligen Seelen gedenken, die irn Bodensätze unseres gemischten Geseltschaftslebens zu Grunde gegangen sind. — Vergebens ist das Bemühen von Oben her mit den Strahlen geistigen Lichtes in diese Tiefen herabzuwirken, sie zu erleuchten und zu reinigen; diese himmlische Kraft verkörpert, sich schaffend und verschönernd nur in dem Stoffe, welcher ihr bereits , durch die innern Kräfte und Bewegungen der Erde eniporgehoben, zu Tage liegt. Darum wendet Euch, Ihr Beförderer und Organe, der Civilisation, zuvor an die irdischen Kräfte, lernt ihr Wirken kennen, und fördert es mit achtbarem Eifer; diese Kräfte bereiten und gestalten Euch den Ersten Boden, aus welchem der geistige Hauch und das himmlische Licht alle Form und Schönheit des Lebens hervorlockt. Sucht ' das materielle Wohl, die bürgerliche Stellung der Juden zu bessern. Welcher, eurer frommen christlichen Theologen, hatte nicht wohl hundertmal an dem Gleichniß Jesu von dem Säemann, der die Saat ausstreuete, und sielen die Körner manche auf den Stein, manche auf die Straße, manche in die Dornen, und ihrer etliche aus den fruchtbaren Boden, — welcher fromme christliche Theologe hätte nichtschon hundertfach daran gegrübelt und gedeutelt. Aber in ihrer unverbesserlichen spiritualistischen Befangenheit, deuten die Meisten jene Parabel lediglich auf die Zustände des menschlichen Geistes und Gemüthes, je nach seiner verschiedenen Empfänglichkeit-für das Wort Gottes, und finden des Redens kein Ende von den Juden verstockten Standhaftigkeit, von der leichtsinnigen Unachtsamkeit, und von der^ gläubig empfangenden Frömmigkeit. Ihr weisen Herren, jenes Gleichniß hat einen viel naher liegenden Sinn: das Wort Gottes verlangt, gleich den Saamenkorn, zum Wurzeln, einen materiell gesunden und fruchtbaren Boden. Es ist nicht unsere Sache, hier eine Meinung darüber auszusprechen, in wiefern der neueste christliche Pietismus seine Einwirkung auf die jüd. Zustände geübt, wir bedeuten euch, ihr um das Wohl der Juden Besorgten, um, daß wenn ihr einzig und allein, so zu sagen, an dem innern Juden bessert und ihr seinen äußern Zustand nicht günstiger zu gestalten trachtet, ihr immer nicht viel bewirken werdet. . Sagen wir es darum gerade heraus, wenn auch tausend und aber tausend kleingeistige Subordinationsmenschen und demuthsseli'ge Fromme und Frömmler daran Anstoß nehmen, —- um das Leben der Juden zu heben und zu erfrischen, um sie zu befähigen, daß sie mit offnem Sinn und bildsamer Thatigkeit, in gesunde, volksthümliche Bestrebungen und Schöpfungen eingehen, muß man sie, ohne alle Beschränkung als Bürger in den Staatskörper a u f n e h m e n und ihr materielles Wohl zu f ö r d e r u suchen. Doch wir müssen uns zusammen nehmen, denn unser Thema ist wirklich von der Art, daß sich dabei de omnibus rebus et quibusdam aliis sprechen läßt. Wir glauben aber in der That, daß von dem Standpunkte aus, welchen wir eingenommen haben, alle Mißhelligkeiten, Verwirrungen und Uebelstände, manche klägliche oder anstößige Erscheinung im Leben und in der Literatur der Juden sich nach ihrem Wie und Warum erklären läßt, und daß diese Erklärung für den ernsten Beobachter und Menschenfreund einleuchtender und beruhigender ausfallen muß, als das Klagen und Schelten derjenigen, die vom einseitigen Gesichtspunkte Wehe und Zerer schreien. — Und so haben wir uns denn der beseligenden Hoffnung hkngegeben, daß die Arbeit der deutschen Gegenwart, welche unverkennbar und mit stets zunehmender Rüstigkeit auf den Zweck hingeht, die materielle Basis, den konkreten Stoff für ein wahrhaft thatiges historisches Leben wieder zu gewinnen, auch das materielle Wohl der Juden sorgfältig berücksichtigen werde, daß die Wissenschaft, welche zur Erforschung und Wiedereinsetzung jedes Rechts berufen ist, ohne Rückhalt es aussprechen werde: die Juden sind leiblich und geistig emancipirr. Verlag von C. L. Fritzfche. Druck von I. H.Magel