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Der Orient · 1840-11-28 · Heft 48 (28.11.1840) · p. 375

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 48 (28.11.1840)
Article
Stimme aus Berlin
Date
1840-11-28
Page
375 (sequence 2)
Language
German
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375 bringen, und von diesem Punkte aus das Werk der Zukunft za prophezeien und vorzubereiten versteht. Die wahre Lhätigkn't des Geistes, die rechte ersprießliche Bewegung des Denkens ist diejenige, welche sich sofort Ln einer That, in einer konkreten Wahrheit verwirklicht, und daran ein neues Substrat für ihren geistigen Fortbestand, einen sichern Ausgangspunkt zu. weiterem Fortgange gewinnt. Ein Denken, welches keinen solchen konkreten Gewinn absetzt, welches lediglich an seiner eigenen Bewegung, im Abstrakten, Gefallen findet, ist ein allsgeartetes Denken, um es mit dem rechten Namen zu bezeichnen, ein Grübeln. Es ist seit langen Jahren in Deutschland vieles gegrübelt worden, und hat mit aller Gewalt für Gedachtes gelten wollen; allmalig, und besonders rasch seit Zwanzig Jahren, kommen wir von diesein vielbesprochenen Fehler zurück und die jüngere Welt gestaltete ihre Zeit mehr zu einer praktisch politischen. In dem Charakterbilde dieser sich uns entwickelnden Zeit ist cs ein erfreulich hervorstechender Zug, daß die Verbesserung unserer Zustände und die Entwickelung der höhern Kräfte unserer Civilisation immer klarer und entschiedener auf die Bedingung des materiellen Gedeihens zurückgeführt und auf eine solide materielle Basis gegründet wird. Die Einseitigkeit der materiellen Lebensansicht, die kein höheres Ziel rennt, als die möglichste Vervielfältigung der Habe und des Genusses, und welche in kaufmännischer Blindheit, geistige Potenzen, als etwas nicht unter Rubrik und Rechnung zu bringendes, anzuerkennen verschmäht, ist uns mit Recht verhaßt, und kläglich uwl unwürdig würde ein Leben uns drücken, welche keine höhern Müthen und Früchte der Gesinnung und That trüge. Fassen wir aber die Geschichten und Zustände des deutschen Volkes seit beinahe 200 Jahren ins Auge, so können wir es nicht übel finden, daß dessen Zustände, die gar zu lange in dem einen Extrem gelegen, eine Zeit lang zu dem andern hinübernngen. Wir freuen uns und finden es heilsam, daß der deutsche Sinn anfangt etwas weniger in sich, und etwas mehr in die Welt zu gehen; daß die Außenwelt nicht mehr blos als eine Grundlage für einen geistigen, luftigen Bau, für wissenschaftliche Reflexionen, für ethische und poetische Selbstentfaltung arigesprochen wird. Es ist ein Zeichen wiederkehrender Gesundheit, daß die Deutschen das alte Lob deutscher Genügsamkeit und Geduld nicht mehr in vollem Sinne verdienen, daß sie ailch für ihren Theil die Außenwelt sinnlich praktisch genießen Md beherrschen wollen, daß sie die hohe Königin Vernunft in ihren transcendentalen Ansprüchen beschränkt und ihr den nüchternen Rechenmeister Verstand als major doimis an die Seite gesetzt haben , damit die durchlauchtige Philosophie der Gemeine Hab und Gut nicht verschleudere. Ja, wenn es auf uns ankame, recht erwecken und stacheln möchten wir diesen Sinn im Volke und in dem Einzelnen, daß ein rechter nationaler Hunger entstünde nach physischer Gesundheit und Kraft, nach strotzender Wohlfahrt auf dem Acker und im Gewerbe, nach solider Wohlhäbigkeit in Haus und Hof, natürlich so, daß nicht ein Jeder als Egoist diese Güter für sich allein erstrebte, und sich um das Wohlergehen der andern nicht kümmerte, sondern daß jeder Deutsche in seiner Person einen Heinrich IV. im Kleinen vorstellte, der allen Bauern seines Reiches allsonutäglich ein Huhn im Topfe wünschte. Wenn nun in der heiligen Schrift eine Zeit geschildert wird, wo die Israeliten, das Volk Gottes, sein" verheißenes Land in Ruhe und Friede bewohnte, und von dem Segen seines Bodens zehrte, da heißt es: „Und saß ein Jeder daheim unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstocke." Der Verfasser dieses erinnert sich noch lebhaft aus seiner Jugend, wie ihn dieser Vers jedesmal freuete, und wie er sich davon ein freundliches Bild ^.voll Sonnenscheins und fruchtschwellenden Grüns ausmalte, dazwischen Menschengestalten, oder richtiger, um die ofsicielle und bürgerliche Sprache zu behalten, Judengestalten mit langen Barten und ernstzufriedenen Gesichtern, die vor der Thür ihrer Hütte Feigen naschen und Wem schlürfen. Unsere Jugendphantasie haben wir verlernt, wir denken uns jetzt unter dem Leben etwas Besseres und Edleres, wenn auch etwas Herberes und Mühsameres als eine Idylle; wir haben uns an sein künstlich-geschäftiges, lärmend-verwirrtes , staubig - heißes Treiben und Markten gewöhnt, daß es nicht anders sein kann, und dennoch, so oft uns bei heutigen Lebens - und Volkszuständen jener alte Bibelvers wieder einfällt, schneidet uns der Gegensatz ins Herz. Wo ist der Baum, der diesem Volke Schatten geben, wo ist die Wein-, rcbe, die sein enges Gemach lustig umranken, wo ist die fuße Frucht, woran es sich nach dem Schweiße seiner harten Arbeit laden, wo ist der würzige Trank, der sein Gemüth warmen und erheitern soll? Wie leben sie dahin in Noth verdumpst, von Arbeit gestumpft, des Gestern nicht gedenkend, das Heute als eine Last dahinschleppend, des Morgen sich nicht erfreuend! Gleichgiltig gegen Alles, außer, was den Bissen vor dem Munde schnellt oder schmälert, kennen sie nie die sreudigmuthige Erregung, mit der sich der Geist verlangend und ahnend dem Wahren und Gutenzuwendet; aus zu großer Qual, mit der sie noch im größten Theile Deutschlands gedrückt werden, erscheinen gar Viele von ihnen sich selbst verächtlich; sie würdigen sich nicht selbst, oder sie übertäuben den Weheruf ihrer gedrückten Seele, so sind sie elend in ihrer Nolb und abschreckend selbst in ihrer Freude. Mit einem Worte, sie werden zum Pöbel. Ihr Weisen unserer Zeit, ihr Volkslehrer und Staatsverbesserer, hier ist der Ort zu bewahren, was ihr vermöget. Werst ein Element in unsre Lebenszustande, schafft uns einen reinigenden Gährungsstoff, der diese trübe, schmutzige Hefe kläre, aufsauge, der sie in heilsamer, siedender Wallung von dem trägen Grunde emportreibe und abschäume. Machet, daß das glückliche Deutschland in künftigen Zeiten keinen Pöbel beherberge, und wenn euch die Ehre der Civilisatkon, für deren Organ und Beförderer ihr gelten wollt, wahrhaft am Herzen liegt, so sorgt dafür, daß. die Nachwelt sie nicht beschuldigen könne, nur in gewissen vornehmeren Sphären des Lebens, schimmernden Glanz und prahlenden Kraftaufwand befördert, in der Masse hingegen das Ebenbild Gottes verunstaltet und verunsäubert zu haben. Man kann nicht läugnen, daß in der neuesten Zeit die Bekümmerniß vieler Weisen und Menschenfreunde auf dieses krankhafte Element in unfern gesellschaftlichen Zuständen, auf dieses Leiden der niedriggestellten mosaischen Glaubensgenossen, wodurch dieselben auf eigenthümliche Weise sich ausbrldeten, gerichtet gewesen ist. In Frankreich hat man das Uebel zuerst und im größten Umfange empfunden, nachstdem in England und Holland; cs ist aber hier der Ort nicht, auf das einzugehen, was in diesen Ländern von Staatswegen und durch gemeinnütziges Wirken dafür und dagegen vorgekehrt, vorgeschlagen und ersonnen worden ist. Wir beschranken uns auf Deutschland, und können uns im Ganzen Glück wünschen, daß dieses Uebels um sich hergreifcnde Kraft immer mehr gelähmt wird, und daß, wenn ein Land in Europa mit Wahrscheinlichkeit hoffen darf, sich dieser Krankheit durch Maßregeln weiser und menschenfreundlicher Gesetzgebung ganz zu entledigen und sie schon im Keime auszurotten, Deutschland dieses Landest. Nirgends ist die Verbesserung der jüdischen Zustande ein Gegenstand so gewissenhafter und planmäßiger Fürsorge gewesen, als sie es in Deutschland war,

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