Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1840)
- Article
- Darmstadt: neue gesetzliche Bestimmungen und deren Beurtheilungen
- Date
- 1840-11-28
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 emem Lehrer noch besonders einen Schächter besorgen soll; allein diese Verlegenheiten stoßen immer noch nicht das Prinzip und den reinen Willen des Gesetzes um. Wenn die auf christliche Gemeinden-bezügliche Gesetzgebung verbittet andere Aemter und Stetten mit den Schulämtern z-u verbinden, wenn man in fast allen Staaten damit umgeht, dergleichen bisher mit dem Schulamte verbundene Nebenämter, z. B. Glöcknerdienst, Stadtschreiberei ic. davon abzulösen, wenn wir im Großherzogthume dasselbe Bestreben erblicken, oder theilweife schon ausgeführt sehen, so dürfen wir nicht wollen, daß man rücksschtlich jüdischer Verhältnisse von vorn herein ein Prinzip sanctionirt, das man andererseits einzureißm sich bestrebt. Ebenso wenig aber kann dem Staate zugemuthet werden, alle diejenigen Stetten zu dotiren, zu deren Dotation die betreffenden Gemeinden kein Geld haben, weil sonst dieser Anspruch an die Staatskassen sich ins Unendliche ausdehnen konnte. ' Wir können aber durchaus nicht einsehen, warum das Schächteramt gerade mit dem Schullehreramte verbunden sein muß, sondern sind der Meinung, daß sich in jeder Gemeinde gewiß ein zum Schachten befähigter Mann finden dürste, der das Geschäft für das kleine Abfindungsqnantum übernimmt, das man dem Lehrer als Zulage für die Uebernahme dieser Geschäftsvermehrung verwilligt haben würde. — Mehr Anstoß nahmen wir an dem letzten Paragraphen. Daß bei Besetzung von Lehrerstellen Inländer von den Ausländem einen Vorzug haben sollen, ist sehr billig, ist gerecht und weife; daß -die in Ermangelung befähigter Inländer anzustellenden Ausländer derselben Prüfung unterworfen sind, finden wir eben so natürlich; daß ein temporarer Aufenthalt von einigen Jahren im Großherzogthume dem Ausländer noch keine Ansprüche auf Heimathsangehörigkeit gibt, finden wir ebenfalls nicht unnatürlich oder tyrannisch; allein daß man dies hier ausdrücklich beizufügen sich gemüßigt gehalten hat, während man es in keinem andern derartigen Verhältnisse thut, überzeugt uns schmerzlich davon, daß wir noch immer als ein nothwendiges Uebel erscheinen, daß man uns als eine fatale Acquisttion betrachtet, rückstchtlich welcher man sich in jedem Falle pracaviren müsse. Das ist "es, was uns an dieser neuen Gesetzgebung schmerzlich berührt hat. G. Licht- .und Schattenbilder aus der jüdischen Geschichte der Gegenwart. Stimme aus Berlin, mitgetheilt von Jf o l o w i c Zm Laufe des vorigen und etwa im ersten Fünftel des gegenwärtigen Jahrhunderts gab es in Deutschland Philosophen, die aus ehrlicher und redlicher Überzeugung glaubten, ihre Wissenschaft, die Philosophie, sei zu einem unmittelbaren herrschenden Einfluß auf das praktische und materielle Leben berufen, und vorzüglich berechtigt, versittlichend, aufklarend und ordnend auf dasselbe einzuwirken. Von dem gravitätischen Freiherrn Ehrisii an von Wolfs an, dessen „vernünftige Gedanken" die possirtichste, philisterhafte Unbeholfenheit eines Bnchgelehrten und leider auch die armselige Seichtigkeit damaliger deutschen Lebens- und Geisteszustände beurkunden, bis auf Fichte 's „geschlossenen Handelsstaat" und „Reden an die deutsche Nation" hastet allen diesen Versuchen deutscher Philosophie, sich zur Norm praktischen und politischen Lebens aufzuwerfen, ein und derselbe Mangel an, sie sind nicht aus dem Leben, und darum auch nicht für das Leben, es sind Mißgeburten und Todtgeburten. Selbst die Ehrfurcht, die einem Charakter und Geiste, wie Fichte gebührt, kann uns nicht zum Zurückhalttn dieses Ausspruches bewegen: er ist ein geistiger Titan, der unter dem Drucke einer schwer lastenden Vergangenheit und Gegenwart begraben, Schaumblasen und Sandschollen in die Höhe schleudert. Seine derbe Kraft ist vor lauter Gedrungenheit nicht zu genießbarer Reife gelangt, und was er für Staat, Leben und Erziehung aus philosophischer Machtvollkommenheit anordnen wollte, darüber werden unsre Nachkommen eben so mitleidig und ungeduldig die Achseln zucken, als wir es heute über die Institutionen der alten Geistlichkeit thun. Seit jener Zeit ist die Philosophie in Deutschland in dem Maße bescheidener geworden, als sich neben ihr, durch den Frieden begünstigt, theils das praktische Leben in den mannigfachsten Bestrebungen und Richtungen, theils die Wissenschaft der Geschichte und der Natur gedeihlich und inhaltreich entwickelt hat. Die'Philosophen selbst haben eingesehen, daß eine Philosophie, welche alle gegenwärtige Zustände verläugnet, und sie für allzuschlecht und unvernünftig? erklärt, als daß sie daraus Bezug nehmen, oder sie zu ihrem Ausgangspunkte wählen könnten, Lächerlich ist, daß vielmehr die Philosophie sich gerade dadurch als eine wahre und wirksame bewahrt, wenn sie das wahrhaft Lebendige, das zu dauernder Entwickelung befähigte in und an der Gegenwart zu erkennen, zum Bewußsem zu