Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1840)
- Article
- Leipzig: die Huldigungsfeier von den Juden gefeiert in Breslau
- Date
- 1840-11-21
- Page
- 365 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360141-2364135--1137-2364162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
365 Leipzig, 6. Nov. Von allen Seiten her sind uns aus dem Umfange der preußischen Monarchie Nachrichten und Correspondenzen über die Feier des Geburts- und Huldigungstages Sr. Majestät des Königs zugegangen, welche zum Theil so umfangreich und ausführlich sind, daß wir sie unmöglich alle wörtlich aufnehmen können, und uns daher begnügen, sie in ein Bild zusammen zufaffen, was um so leichter gehen wird, da aller Wege dieselben Anstalten, nur mit geringer Abweichung ins Leben getreten sind. Im Allgemeinen muß es uns bei dem Ueberblicke freuen, zu bemerken, daß das Fest von den Juden in Mitten der Gesammtbevölkerung begangen worden ist, daß die Feier an den meisten Orten eine Gemeinschaftliche war und zwischen der Ausdrucksweise der christlichen und jüdischen Bevölkerung kein anderer Unterschied sich zeigte, als welcher zwischen den Christen des evangelischen Bekenntnisses und den Katholiken aufzusi'nden war. Im Osten, wie im Westen des Reiches sehen wir die Juden als einen Theil des städtischen Körpers betrachtet, mit demselben zugleich huldigend und ihre Gefühle kund gebend, und wo man sie von dieser Ehre ausschließen, aus dieser Stellung verdrängen will, da wissen sie sich ihren Platz zu erkämpfen. In der Regel schließen sich an diesen ersten und hauptsächlichen Act des ganzen Festes alsdann religiöse Feierlichkeiten, die nur da unterbleiben, wo auch die christliche Bevölkerung keinen besondern Festgottesdienst ansetzt, fröhliche Mahlzeiten, Einrichtung von Wohlthätigkeitsanstalten rc. beschließen das Ganze; aber die Früchte des -Festes sind dauernder als seine Freude. Sie befestigen hier das gemeinsame Band zwischen Christen und Juden, sie bringen dort das öffentliche Leben zum Bewußtsein, sie, verschaffen den Juden Gelegenheit, ihre Wünsche, ihre Bestrebungen? ihre vaterländischen Gefühle an den Tag zu legen. Schauen wir zuvörderst auf das obscure Schlesien, so begegnet uns allda das wenig Erfreuliche. Hier sorgt schon der obsture Dunkelnder aus blutigen Jahrhunderten vererbte Judenhaß, eine feile, vage Tagsliteratuc dafür, daß an kein Zusammenleben und Zusammenfühlen der Juden und Christen zu denken ist. So wie in Schlesiens Hauptstadt, Breslau an den alterthümlichen Mauern noch das vielfach verspritzte Judenblut zu kleben scheint, und den Fanatismus der Zetztzeit aufreizt wie den schnaubenden Stier, so daß der Name „Jude" und führe ihn auch der redlichste, der gelehrteste Mann, ein Brandmal auf seiner Stirne ist, was ihn auf das Strengste von den Christen sondert; so ist es überall, so weit Breslaus Einfluß , reicht, und wollten sich darum die Juden des Festes und ihres Königs freuen, so mußten sie es für sich thun. — Nur von hier aus. vernahmen wir daher auch den Aufruf Seitens der jüdischen Gemeindereprasentanten Oberschlesi'ens, am Huldigungstage in jeder Gemeinde, einen feierlichen Gottesdienst zu halten und dort dem Könige und Herrn unerschütterliche Treue, Gehorsam, Ehrfurcht und Liebe zugeloben, weil — setzt der Aufruf hinzu — unsre Religionsgefellschaft als solche keine öffentlich anerkannten Vertreter hat. Die Feier des Tages beschrankte sich darum zumeist auch auf den kirchlichen Charakter, war aber, um bei Breslau zu beginnen, nichts desto weniger erhebend und bedeutsam. Herr Dr. Geiger hatte durch seine Anordnungen es verstanden, dem Feste des 15. Oct. in der großen Synagoge eine heilige Weihe zu geben. Das von ihm verfaßte und selbst gesprochene hebr. Gebet, womit die schöne Feier begann, war einfach und erhaben, wie der Vortrag desselben und ergriff durch diese Tugenden. Nach demselben erfolgte der erste Theil eines Festgesanges, welcher von einem zahlreichen Sängerchore vorgetragen, des beabsichtigten Eindrucks nicht verfehlte. Hierauf betrat Herr Dr. Geiger die Kanzel. „Herr, Deiner Kraft freue sich der König, und Deiner Hilfe sei er sehr froh," dies waren die Anfangsworte seines Festyortrages, die zugleich das belebende Motiv des ganzen Vortrages blieben. Nur in der Kraft des Königs liegt unsre Kraft; denn er ist unser Schirm und Schild; dies setzte er trefflich auseinander, indem er auf Preußens Geschichte hinwies und einen beruhigenden Blick auf die Zukunft warf, „obwohl in der Ferne zürnend die Geschütze als Boten des Krieges sich entladen". Aber nicht bloß die sichtbare Kraft des Königs nach Außen diente ihm, den festlichen Jubel zu begründen, auch die Kraft nach Innen, die sich in Milde, Gerechtigkeit, Weisheit stärkt und entfaltet, und hier war es, wo der Redner in begeisterter Sprache dm wohlthätigen Einfluß von Preußens Herrschern auf die jüdischen Unterthanen nachwies und große Hoffnungen daran knüpfte; hier war es, wo er Worte der Bruderliebe und Begeisterung in die Herzen seiner Zuhörer ausgoß, wo er zu muthigem Streben, zu kräftigem Ringen nach Vorwärts aufforderte. Dabei wußte er lindern Balsam aus etwaigen Wunden zu träufeln und jeden umdüsterten Blick zu erhellen.*) Die zweite Abtheitrmg des Festgesanges beschloß die einfache, erhebende Feier. Nächst Breslau dürfen wir die Feier der kleinen münsierberger Gemeinde (etwa 40 Familien) schon deshalb nicht übersehen, weil sie in sehr zurückgedrängten Verhältnissen lebt, an keiner öffentlichen Vertretung, keinem öffentlichen Amte der Stadt Antheil hat, und noch obendrein von einem literarischen Pöbel, dessen Organ die Breslauer und schle- *) Die Rede Geigers ist bereits gedruckt unter dem vollständigen Titel: Festvortrag am Geburts- und Huldigungstage Sr. Majestät des Kör.rgs Friedrich Wilhelm IV. gehalten in der großen Synagoge zu Breslau am 15.'Oct. 1840. Von Dr. Abr. Geiger, zweitem Rabbiner in Breslau. (Bresl. 1840. Bei M. Friedlaader.)