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Der Orient · 1840-11-14 · 46 (14.11.1840) · p. 717

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Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
46 (14.11.1840)
Article
Die fortschreitende Entwickelung der Cultur der Juden in Deutschland
Date
1840-11-14
Page
717 (sequence 2)
Language
German
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t JL I ¥ iö |uu|u;itiuuut’ v^niwaTming uit vsiuou: oei; «^uum m «ajmr|a;iana wurde, ist der eigentliche religiöse Fortschritt der Gegenwart, und er verdient auch darum den Namen eines höheren, weil sich in der Person des Rabbiners gleichsam die historische Vergangenheit des Iudenthums zur Neugestaltung der Gegenwart herausbildete. — Je stärker aber dieser Fortschritt sich äußerte, desto mehr stellte sich das Bedürfniß einer strengwissenschaftlichen Behandlung des Judenthums heraus, desto mehr strebte man die Vergangenheit, als die objektive, mit der Gegenwart, der subjectiven Seite des Judenthums, in harmonischen Einklang zu bringen und den Faden ihrer Nothwendigkeit aufzusinden. Dabei überhörte man gleichgültig jene verzärtelten, sentimentalen religiösen Stimmen, die sich hin und wieder vernehmen ließen, und selbst „Zion" (religiöses Erbauungsblatt von Dr. Cohen. Berlin .1833 — 35) sprach dald „mich hat Gott verlassen". Gleiches Geschick traf das israel. Schul- und Predigtmagazin von Dr. L. Philippson (Magdeburg 1834 — 36), und indem nun die Sachen also standen, konnte cs nicht fehlen, daß mündig sich fühlende Männer auftraten, und mit klarer Einsicht und historischem Scharfblick unparteiisch die Angelegenheiten der Zeit darlegten, und die nothwendig gewordene organische Umgestaltung des Judenthums rücksichtslos aussprachen. Der Rabbiner Dr. Abr. Geiger that vorzüglich diesen Schritt durch seine im Jahre 1835 eröffnete „wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie", und fassen wir, was von ihm und seinen wackern Mitarbeitern und Amtsgenossen ausgesprochen worden, kurz zusam-. men, so ergiebt sich uns ungefähr folgendes: Der Glaube des Judenthums ist kein anderer, als der, welcher heldenmäßig jetzt die Welt beherrscht, nicht der selbstverleugnende eines mit sich selbst und den Dingen unbekannten Geschlechtes, sondern der, dem nur das Wahrheit sei, was Gott in allen Zeiten klar zu den Geschlechtern geredet, sie aber nicht fähig waren zu vernehmen; der Glaube an die unendliche Entwickelungsfahigkeit menschlicher Natur, an den Sieg der Tugend und das Unzulängliche der Erforschung und Einsicht in überirdischen Dingen. Um diesen Glauben rein und ungetrübt zu erhalten, ist es unsere heilige Pflicht, solchen Formen, Einkleidungen und Verhüttungen zu entsagen, die unfern Glauben und Verstand verwirren, oder zu müssigen Spielen uns verleiten können, ist es unsere Pflicht, die ächten, wahren Lehren der Bibel standhaft, treu und redlich zu erfüllen, und.alle Menschensatzung sorgfältig zu entfernen. Der- Glaube des Judenthums ist in der Gegenwart, wiewohl äußerlich anders gestaltet, doch innerlich ebenso stark und kräftig, wie der aller Zeiten; darum ist unter keiner Bedingung der Untergang des Judenthums zu befürchten; allein der Israelit soll nur das ehren, was geschrieben steht und durch das göttliche Bibelwort ausgesprochen worden. — Dadurch allein nähern wir uns immer mehr der reinen biblischen Lehre, veredeln ihr Wort m unserm Herzen, und fühlen Gott nicht minder in uns als jene, welche sich kindisch gebehrden und die Zeit in ihrer. Entwickelung zügeln und hemmen wollen. Damit aber der Tag nicht müssig vorübergehe, sondern die Veredelung Israels schaffe und bewirke, ist es Pflicht der Rabbiner und Religiorislehrcr, sich freundlich zu ihren Brüdern zu gesellen, sich ihnen gleichzustellen, und von ihrem Geiste aus die Arbeit zu beginnen, nicht aber zu träumen oder — frömmelnd sich zu entfernen. — Diese in ihrer schönsten Vollendung hervorgetretene Sinnesart erfuhr aber, je nachdem Unkunde, Leidenschaft, odee irgend eine andere unedle Triebfeder ihren innersten Gehalt zersetzte, nach verschiedenen Seiten hin verändernde Abstufungen und Trübungen. Denn Schmarotzerpflanzen, die um den göttlichen Baum der Erkenntniß sich gewunden, vermochten nicht die edle Nahrung aus dem Boden der Wissenschaft zu ziehen, und trieben giftige Früchte, deren Leib und Seele tödtender Säst man jedoch bald erkannte, und sie auch unlvillig von sich warf. — Doch ohne Bild; es trat eine Partei hervor, welche, die Fortschritte der Zeit hintenansetzend, auf eine eigene Weise Philosophen^ und Glaubensartikel, Traume und Forschungen durcheinandermischte, in das Gewand der heiligen Bücher kleidete und es der Welt als Israels Pflichten prophetisch offenbarte; ohne zu bedenken, daß solche Pflichten gleichsam in Fremdlingsgestalten für die Gegenwart einherwandeln, und nur mitleidig ausgenommen, oder kurz beherbergt, oder endlich verspottet zurückgewiesen werden. — Nicht aber war es diese Erscheinung allein, welche jene auf der Höhe der Zeit in und für Israel ausgegangene Sonne der achten Wissenschaft und Reinheit des Glaubens trübte; nein auch eine andere, viel plausibelere Ansicht suchte sich geltend zu machen, und die mächtig vordringenden Strahlen der Wissenschaft zu brechen. Es war dies eine im vornehmen Tone der Duldung redende, daß jene Pflichten und Ansichten zwar unmöglich in das gegenwärtige jüdische Leben einzuführen seien, wohl aber als lähmendes Gegengewicht immer willkommen wären gegen die Schnette des reflektirenden Gedanken und eine wohlthätige Erinnerung an so viel Ehrwürdiges und Heiliges, das wir unbedacht zurucklasscn — In wiefern diese Ansichten noch jetzt sich behaupten und durchkreuzen, darüber geben die gemeinnützig gewordenen jüdischen Zeitschriften am besten Aufschluß. Sei dem wie ihm wolle, im Ganzen und Großen haben die deutschen Juden ihren hohen und ehrenwerthen Beruf erfüllt; sie haben sich gekraftigt an der Wissenschaft und sind mit ihr zeitgemäß fortgeschritten; sie haben aufs deutlichste bewiesen, wie selbst ein Jahrhundert hindurch zertretender Stolz cs nicht vermag, das ursprüngliche und eigenthüwliche Leben einer Nation zu vernichten; sie haben durch die wissenschaftliche Gestaltung des Judenthums gezeigt, daß der reinste, ungetrübteste Quell der göttlichen Lehre sein Gebiet befruchte und alles störende Gestein zu Staub vernichte. — Wem aber ein wissenschaftlich gestaltetes Judenthum zu neumodisch und abentheuerlich dünkt, der spiele in seinem stolzen Wahne immer leichtfertig fort mit den alten Formen, er hintergehe immerhin sich und die Welt, er lasse gleichgültig das- Heilge, wie er es überkommen fortdaueui; Herz und Verstand ist nicht zugegen, sondern förmliche — Eitelkeit. 46

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