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Der Orient · 1840-11-07 · Heft 45 (7.11.1840) · p. 351

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 45 (7.11.1840)
Article
Die Judenschaft der Stadt Danzig
Date
1840-11-07
Page
351 (sequence 2)
Language
German
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351 in das Charakteristische derselben, und endlich auf den Einfluß den diese Forderung auf die zeitige Entwickelung übt, das hatte dem Herrn Anonymus wohl einfallen sollen. Es sind diese Punkte bereits vom Verfasser dieser Zeilen in einem andern Blatte behandelt worden, daher hier nur eine contourartige Zeichnung derselben. Danzig hat vermöge seiner Handelsbetriebsamkeit von jeher eine große Anzahl sJuden an sich gezogen. Da jedoch vor der französischen Occupation im Jahre 1807 die Niederlassung in der Stadt selbst nur einem sehr geringen Theil derselben, und zwar unter schwierigen Bedingungen verstattet ward, so mußte die übrige, größere Zahl sich auf die verschiedenen Vorstädte beschranken, und somit auch zu Gemeinden sich gestalten; dies das traurige Geschichtsmotiv für die fünf getrennten Körperschaften. Als jedoch mit der Regenerirung der Rechte auch das Recht der Juden auserstanden aus dem Sarkophag einer trüben, thränenwerthen Vergangenheit, da wurden auch den fremden Glaubensbrüdern die Lhore geöffnet, nicht wesentlich darum, weil außerhalb derselben die Vorstädte verschwanden durch der Franzosen Hand, sondern weil innerhalb derselben das Menschenrecht sichtbarer ward. Zu der städtischen Gemeinde zogen nun auch die vier vorstädtischen, und ohne räumliche Forderung bestanden nun auch in der Stadt die fünf Gemeinden nebeneinander; und das konnte nicht anders sein. Die Abweichung des Wohlstandes und für die damalige Zeit somit auch der Bildung; die Verschiedenheit der Gemeinde - Institutionen und teilweise auch der Erwerbsthatigkekt hatte einer jeden dieser fünf Gemeinden ein sichtliches Charakteristikum aufgedrückt, das sich merkwürdiger Weise noch heutigen .Tages nicht ganz verloren hat. In dieser wirklich charakteristischen Geschiedenheit rückten die fünf Gemeinden neben einander, und , es wäre für den damaligen Standpunkt der Dinge zu große Culturforderung gewesen, alle vorhandenen Partikularitaten, alle angestammten und eingebildeten Bevortheilungen zu überwinden und zu zerstören des Ganzen und der Einheit wegen. Diese Einheit fehlt noch heutigen Tages und wird auch wohl noch lange fehlen; und so sehr auch dadurch jeder Schritt vorwärts nur immer in parzieller Gestalt erscheint, was natürlich die- Bewegung langsam macht, so ist dennoch Danzig darüber kein Vorwurf zu machen. Diese Fraktion ist eine geschichtlich eingelebte und kann nur wieder durch ein neues Leben, durch eine innere, unbefangene Bildung ganz Eins werden. Gottlob, daß in Danzig schon hin und wieder die Idee eines solchen Einswerdens, auf die auch das redliche Bemühen des Dr. Bram stets hinwirkt, wenigstens als nothwendig äustaucht, und sollte es auch, wie kaum anders zu erwarten ist, über unsere Tage hinaus nur bei der Idee Einzelner bleiben, es ist immerhin ein tröstliches Zeichen wesenhasten Fortschritts, ein erfreuliches Aufblitzen echter humaner Bildung die nicht in sich selber, sondern erst im Ganzen das Ganze sieht. Traurig stände es freilich um jede Aussicht, wenn die Gesinnung des Herrn D —n die allgemeine wäre, der, beschränkt genug, bei Gelegenheit der Rabbinen von einer vornehmsten Gemeinde spricht. Nach Danzig dürfen seit der Erlangung des Staatsbürgerrechtes keine fremden Juden ziehen. Diese Institution ist vom Rathe der Stadt ausgegangen, und von den Juden, die sie vielleicht hatten verhindern können, wahrscheinlich aus commercietter Selbsiberückstchtigung unterstützt worden. Es machte sich das Unstatthafte einer solchen Beschränkung zuerst als sociales Hemmniß geltend, da nicht selten Eltern ihre Töchter der Fremde zuwenden mußten, während die Heimath der Ansiedelung fremder Bürger günstig und ersprießlich gewesen . war. Es sind spater Seitens der Juden vergebliche Anstrengungen für die Rückgangigkeit dieses Ediktes gemacht worden. Wichtiger aber ist die Reaction dieser Beschränkung, die sehr ungünstig auf die fortschreitende Entwickelung ist. Danzig blieb in seiner angestammten Herkömmlichkeit isolirt, und wo die Normalität der Zustände so wenig gestört wird durch irgend ein fremdes Element, da müßte die Bewegung wiederum eine langsame sein. Gleichwohl aber bewegen sich die Danziger Zustände in der neuesten Zeit gottlob schneller und selbstständiger, als man es in der Fremde glauben möchte. Seines Orts soll jeder'Punkt naher erörtert werden. Von der Rabbinats-Vertheilung schreitet unser Hr. D—n zur Beurteilung unseres Cultur- Status, wobei es ihm auf purer positiver Gelehrsamkeit abgesehen zu sein scheint. Danzig ist keine Stadt literarischer, namentlich literarisch.-belletristischer Reputation, und steht in dieser Beziehung in fast gar keinem Verhältnis; zu den deutschen Städten gleicher Einwohnerschaft. Das ist ein factischer Zustand, dessen bedingende Ursachen nicht in die Aufgabe dieser Zeilen hmeingehören. Es ist nicht zu leugnen, daß diese Stagnation auf dem eigentlichen Gebiete geistiger Selbstoffenbarung sich in vielfacher Beziehung spürbar macht; doch das ist eine geschichtliche Verschuldung, der die Gesammteinwohnerschaft Danzigs verfällt und nicht etwa blos die Danziger Juden. Sieht man aber auf den Sinn und auf die Stimmung für die gegenwärtigen Literaturbewegungen, so ist hierin wenigstens kein confessi'onelter Unterschied zu machen, und um bei den Juden zu bleiben, so muß ersreulichermaßen bezeugt werden, daß es' auch hier manche Seele giebt, welche die Zeit in dem besten Sinne dieses Wortes in allen ihren Bewegungen begleitet, und so zu dem Standpunkte absoluter Bildung hinaufsieht. Zugegeben, daß dieser Kreis ein recht sehr geringer ist; es ist der Kreis für diesen Standpunkt unter allen Menschen überhaupt ein sehr geringer. Selbst aber bei Herabstimmung dieses Maaßstabes auf das gewöhnliche Niveau allgemeiner Bildung muß gleichermaßen bezeugt werden, daß bereits bei einem großen Theile der jüdischen Kaufmannschaft und namentlich bei den Jüngern, neben der industriellen Richtung eine zeitgemäße humanistische Bildung Raum gewinnt. Wenigstens wird das- Bedürsniß einer Einigung dieser beiden Culturrichtungen auch hier immer fühlbarer, so daß bei dein bestimmten Niveau, bei gewissen Normalforderungen geblieben, kein vernünftiger und ehrlicher Mensch, insofern man nur die untersten Klaffen ausschließt, eine Spur von dem Zustande heraussinden würde, den Hr. D — n bezeichnet. Hr. D — n fährt fort und berichtet: Man habe allgemein das Unbequeme und Lästige des Ceremom'algesetzes zu fühlen angefangen; man habe öfters den Mangel eines ordentlichen Religionsunterrichts bedauert, und sogar das Unerquickliche des herkömmlichen Gottesdienstes beklagt. Hr. D — n hat hier die Wahrheit geschrieben, aber klug ist das nicht; denn all diese schönen Lebenszeichen widersprechen geradezu seinen früher» Angaben von unferm Kamschadalen-Zustände. Bei Gelegenheit des Dr. Bram, zu dessen Weurtheiter er sich aufwirst, bemerkt er: „Es habe sich die Idee einer Gemeindeschule, da dies Institut nach einjährigem Bestehen eingegangcn, als unzeitig erwiesen". Erstlich aber bestand die Schule zwei Jahre, für welche Zeit ein Jrrthum von einem Jahre eine Lüge ist, das überdies die Unzuverlässigkeit selbst rein sachlicher Angaben bekundet. Zweitens aber war die Idee einer Gemeindeschule eine recht sehr zeitige; es ist nämlich zeitig, daß die Religion als eine Grundanschauung unserer Seele in ihren successiven Offenbarungen stets analog sei der

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