Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1840)
- Article
- Leipzig: Schluß der Betrachtungen über die Damaskus-Geschichte
- Date
- 1840-11-07
- Page
- 346 (sequence 2)
- Language
- German
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346 .daß sie die Untersuchung unter ihren eignen Augen, unter den Augen der Welt ohne Partheilichkeit geführt wissen wollten. Wohl erkannte der Pascha die Gerechtigkeit ihrer Forderung, wohl fühlte er, welches himmelschreiende Unrecht den Juden zu Damaskus angethan worden war, denn sein Auge blickt scharf, aber er konnte seine französischen Freunde nicht brandmarken, obwohl sie sich in den Augen der Nationen durch den grausamen Streit selbst genug gebrandmarkt haben. Doch eben so wenig wollte er jetzt, wo die politischen Conjuntturen so schwan-. kend für ihn stehen sich eines Justizmordes schuldig machen, und er traf einen Mittelweg; er sprach das Wort Gnade aus. Wir wissen es, am 30. Aug. erließ er an Scherif Pascha den Befehl, die ganze Procedur aufzuheben und die verhafteten Juden in Freiheit zu setzen. Aber wir wissen auch, daß sich die Männer, welche einmal für Rechtfertigung der jüdischen Nation die Mission übernommen hatten, sich nicht beruhigten bei den Ausdrücken, in denen der Ferman abgefaßt war. Herr Cochelett wollte in das Schreiben des Pascha's das Wort Gnade einschwarzen und es war statt der spater gebrauchten Worte: „Freiheit und Ruhe" in dem Ferman die Rede von: „Gnade und Loslassung." Allein unsre Deputaten protestirten auf das Kräftigste gegen solche x Gnade und der Befehl wurde nach einigen Verhandlungen uwgeschrieben. Aber noch jetzt mögen sich die hochherzigen Männer dabei nicht beruhigen, denn die Organe der Presse, welche den französischen Einfluß auf die unglückliche Angelegenheit ins Licht zu stellen und rein zu waschen suchen, haben von Bestechung durch Geld gesprochen. Sie beabsichtigen darum, wo möglich im .Orient zu bleiben, um nach hoffentlicher Auflösung der dortigen Wirren, das finstere Trug- und Schandgewebe aufzüdecken. Pater Thomas, wie sich aus dem Tone der Berichte aus jenen Gegenden schließen läßt, soll gar nicht todt sein. Den in Freiheit Gesetzten kam die ganze muselmännische Bevölkerung von Damaskus freudig entgegen, sie im. Lichte der Freiheit zu begrüßen und begleitete sie bis zur Synagoge, in die sich die Armen, vom Tode Erlofeten begaben, um dort ihre Dankgebete zum Himmel zu senden. Alexandrien, 15. Septbr. Das Journal des Debats theilt folgendes Schreiben Cremieux's mit, das wir unfern Lesern, als Epilog des traurigen Schauspiels, nicht vorenthalten können. „Ich bin in der lebhaftesten Freude. Es schien mir nicht möglich, daß das unglückliche Ereigniß in Damaskus, noch eine Quelle wahrhafter Freude für mich werden sollte; aber wie kann ich anders, als mich der angenehmsten Bewegung hingeben, wenn ich das Schreiben von Merlato und das von Seid-Ali-Aga lese? Lesen Sie dieselben, mein theurer Freund und freuen Sie sich mit mir. Die großen Verbrecher sind unter dem einstimmigen Beifall der Muselmänner in Freiheit gesetzt worden. Die Muhammedaner, welche durch falsche Berichte in Europa als Wüthende dargestellt wurden, die bereit seien, das Quartier der Juden, der „Mörder" des Paters Thomas, zu demoliren, dieselben Muselmänner begleiteten in Masse die armen Freigelassenen. Sie folgten ihnen bis zum Tempel, wo sie in dankbarer Frömmigkeit für Mehmed-Ali und für alle ihre Beschützer beteten, ehe sie in ihren Wohnungen und in die Arme ihrer sie nicht erwartenden Familien zurückkehrten. Und diese Barbaren, die das Blut eines bejahrten und wohlthatigen Priesters trinken wollten, denken vor Allem zuerst an Gott und heben ihre mörderischen Hände gen Himmel! Diese Ungeheuer, die zwei wehrlose Menschen zerstückelt und sich mit der abscheulichsten Schandthat befleckt hatten, werden von einer großen Volkmenge wie im Triumphe'begleitet, die mit ihnen die höchste Gewalt segnet, die Gerechtigkeit gegen sie geübt und ihre Fesseln zerbrochen hat. „Es ist dies ein Tag der Freude füredle Seelen," heißt es in dem Schreiben Merlato's. Wissen Sie wohl, mein Freund, daß hier fünfzehn Personen sind, die einem schimpflichen Tode durch Henkershand oder dem unseligen Tode im Gefängnisse entgangen sind? Urtheilen Sie, die Sie oft Zeuge waren von meiner unermeßlichen Freude, wenn es meinem Worte gelang, einen Unglücklichen, der eines Kapital-Verbrechens angeklagt worden, vor den Geschwornen zu retten — urtheilen Sie von meiner Freude bei einem so ergreifenden, so volksthümlichen Schauspiel! Es waren da sieben Menschen, welche die Tortur verstümmelt hatte, zwei, die verschont geblieben, und sechs, die sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen hatten, und Alle sind heute frei, umgeben von ihren Frauen, ihren Kindern, ihren Brüdern, von denen sie seit sechs Monaten beweint wurden! Welch ein Wunder ist diese Rückkehr ins Leben! Wenigstens wird man doch nun nach dem Urtheile in Rhodus nach der triumphirenden Befreiung der Juden in Damaskus nicht mehr die abgeschmackte und barbarische Blut-Anklage gegen die Juden erheben. Leider hat die Tortur vier Schlachtopftr, zwei Angeklagte und zwei Zeugen getödtet! Wann wird man doch aufhören, aus das Geschrei fanatischer Barbaren unschuldiges Mur zu vergießen? Wir wollten von Mehmed Ali die Abschaffung der Tortur erlangen und wir würden sie erlangt haben. Auf den ersten Ruf Europa's befahl er den Verfolgern menschlich zu verfahren. Aber in diesem Augenblicke, wo er allein so vielen Feinden gegenüber steht, ist es bei seinem Atter genug, über die Verteidigung seiner Staaten zu wachen; für die Ausführung seiner Verbesserungen bedarf er des Friedens und der Ruhe. Er hat Alles gethan, was er konnte; er sagte: „Sie sollen frei sein!" Wie Vieles habe ich Ihnen bei meiner Rückkehr nach Frankreich zu erzählen. Konnte ich Ihnen heute von etwas Anderem als von Damaskus sprechen?"