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Der Orient · 1840-10-31 · Heft 44 (31.10.1840) · p. 342

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 44 (31.10.1840)
Article
Leipzig: über Emancipation der geistigen Interessen
Date
1840-10-31
Page
342 (sequence 2)
Language
German
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Volk ohne diese geistige Emancipation? Ohne die Erhebung des Gele hr (en - Standes in öffentliche und staatliche Wirksamkeit? Nichts als ein leerer Schatten, ein kärglich hingeworfenes Stück Brod, um daran das taube indifferente Leben zu fristen. Wir können hier und dort mit mehr oder weniger Einschränkung zu einem Handwerke greifen, um unser physisches Leben hinzubringen, wir dürfen uns der Kunst widmen, können das Bürgerrecht erlangen, einen eignen Heerd uns erwerben. Allein bis hierher und nicht weiter. Sobald es sich um Angelegenheiten der Gemeinde handelt, ist uns der Mund verschlossen, wir dürfen nicht in Dinge reden, die uns doch zugleich betheiligen, wir können kein städtisches Gemeindeamt verwalten, dürfen nicht öffentlich mitsprechen, wo es die heiligsten Angelegenheiten des Heerdes und des Vaterlandes gilt, wir haben mit zu thaten, aber nicht mit zu rächen, sondern werden bevormundet und auch das Thaten erleidet noch gewisse Einschränkungen; denn giebt es nicht noch Länder, wo uns sogar »nicht gestattet ist, für die heiligen Interessen des Vaterlandes die Waffen zu ergreifen? Und bei dem allen wirft man uns vor, daß wir keinen Gemeinsinn hattendaß wir uns nur um das liebe Ich kümmerten, daß der Grundzug des Juden reiner Egoismus sei! Warum laßt ihr uns nicht beweisen, daß eure Behauptungen ungegründet sind? Warum laßt ihr uns nicht durch die That darthun, daß wir uns darnach sehnen, für die Stadt und Gemeinde, für das Vaterland, für Fürst und Volk Herz, Gut, Blut und Leben hinzugeben , freudig und muthig auf den Schauplatz zu treten. Wer ist Schuld, wenn unsre Kräfte erschlaffen? Ihr, die ihr ihnen keine Uebung gestattet. Wer hatte es zu verantworten, wenn wir m Egoismus verkümmerten, in Abgeschlossenheit und starrer Scheidung untergingen? Ihr, die ihr eure Herzen, eure Augen von uns abwendet, die ihr die Säle eurer Öffentlichkeit vor uns verschließt, die ihr uns behandelt wie die Kinder, die, obwohl erwachsen, dennoch stets unter Vormundschaft gehalten werden. Ware es ein Wunder, wenn wir , gleich solchen Kindern, wünschten, des lästigen Joches ledig zu werden und uns hinaussehnen in die Freiheit, wie ihr uns vorwerft, daß wir nur stets des Messias hofften, der unser Reich im Lande der Vater wieder austichten sollte? Nein, wahrlich, ihr verlangt Großes von uns, mehr als menschliche Kräfte, mehr als menschliche Schwachheit zu bieten vermögen! Wir sollen gute Bürger sein, ohne Bürgerrecht zu haben. Wir sollen das Vaterland lieben, und dürfen esnicht beweisen. Wir sollenkeine abgeschlossene Kaste bilden, und werden doch zurückgedrängt. Wir sollen uns immer mehr ausbilden, und erhalten doch keine Gelegenheit, Kenntnisse anzuwenden. Was steht im Wege, daß wir nicht in Gemeindeangelegenheiten, nicht Gemeindeämter verwalten dürfen, da, wo wir doch Theil an der Gemeinde haben? Was hindert es, daß wir nicht auf Landtagen und Volksversammlungen zu Vertheidigern der Rechte, die man uns doch eingeräumt hat, gelassen werden können? Was ist dagegen, daß wir ein öffentliches Amt bekleiden zu können, daß wir wenigstens in den Gerichtssälen als Vertheidiger derer auftr^ten dürften, die sich uns anvertrauen wollten? Unsre Bildung? O wahrhaftig, deren haben wir uns nicht zu schämen! Unsre Klugheit und Einsicht in Verhältnisse? Sie wird von allen, auch den Feinden uns nicht abgesprochen. Unsre Ehrlichkeit und Treue? Nur der Pöbel hat den Namen Jude mit Untreue gebrandmarkt, nur die Unaufrichtigkeit, mit der wir früher behandelt worden sind, die moralische Wegwerfung, die wir erfahren mußten, konnte den Juden der untersten Klassen dieses Brandmal aufdrücken. Die Religion? — die Religion! Warum diese? Was liegt Unmoralisches in unserm Cultus, in unfern religiösen Begriffen? Haben wir nicht denselben ewigen, gerechten, gütigen, weisen Gott Vater, zu dem die Christen beten, bewegt nicht dasselbe Moralgesetz auch unser Leben: liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Wäre es. vielleicht, weil unsere Religion einige Dogmen weniger kennt, weil wir einige christliche Glaubenssätze nicht theilen? Saget selbst, ist von uns bis zu euch, ihr Protestanten, eine größere Stufe, als von euch bis zu den Katholiken? Und ihr Letzteren, habt ihr in den heiligsten Lebensfragen weniger mit uns gemein, als mit den Protestanten? Gab es nicht einmal eine Zeit, wo ihr uns für weniger, verblendet hieltet, als die Evangelischen? O wahrhaftig! wenn ihr das große Wort: „Es wird eine Heerde undein Hirt werden" nicht besser versteht, wie also, daß ihr meinet, es werden die. Millionen, die. über diese Erde schreiten, eines Tages einerlei Sinn, einerlei Ausdruck, einerlei Anschauung haben, so werdet ihr nie so glücklich sein, dieses Wort in Erfüllung gehen zu sehen. — Achtet nicht der Vorurtheile vergangener Jahrhunderte, die uns achteten und in der Unkenntniß unsrer theuersten Lebensfragen dennoch derselben willen verfolgten. Reißet aus euren Herzen den Argwohn gegen uns und bedenket, daß euer Glaube auf dem unfern fußt und daß etter Religionsstifter selbst erklärte, er sei nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Höret nicht auf das Geschrei derer, die uns verdächtigen, nicht auf das Geschrei der literarischen Marktschreier, welche die jüdischen Literaten, obwohl das Schriststetterthum zur. Zeit noch ihr einziger schmaler Bissen. Brod ist, aus . Eigennutz zu verdächtigen suchen, die gleich, dem Handwerkspöbel, nur darum gegen die Juden sprechen, weil sie sich beeinträchtigt glauben. Fasset Vertrauen zu ihnen als Menschen und Brüdern und bedenkt es, daß kein Mensch von Natur und seiner Geburt willen unfähig und unwürdig zur höchsten Erhebung fei. Lasset sie mit euch rathen:, lasset sie. unter euch wirken, .als Beschützer des Rechts, als Lehrer an. Schulen "und Universitäten, wie das erhabene sächsische Regentenhaus mit einem

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