Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1840)
- Article
- Oesterreichische Grenze: die Gemeinde in Teplitz
- Date
- 1840-10-31
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
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340 So wie nun das Leben nur aus dem Leben erkannt wird, eben so ist die Gemeinde selbst das Studium, dem sich der Geistliche zu unterwerfen hat; nach ihm muß er den Maßstab seines Fortschreitens nehmen, aus ihr heraus muß er seine Predigten entwerfen, wenn er reformatorisch wirken will; denn der isr. Theolog hat jederzeit eine zweifache Aufgabe, weshalb eben die jüdische Homiletik sich so schwierig herausstellt; er soll erstens erbauen und belehren, und zweitens reformiren, und wie er sich auch regen und wenden mag, immer wird er an diese' drei Pflichten erinnert. Hat er die erste Aufgabe gelöst, so bewundert man, wenn es hoch kommt, sein Rednertalent, löst er nur die zweite, so bespricht man seine Gelehrsamkeit, schenkt ihm aber selten ein aufmerksames Ohr, ja noch seltener die gehörige Anerkennung, und so bildet sich zwischen dem Redner und der Gemeinde eine Kluft, welche die Zeit nicht auszufüllen, sondern nur ein reines, logisches und vorsichtiges Denken zu beseitigen vermag. Dieser Vorsicht aber muß selber eine Vorsicht vorangehen und so sophistisch dies auch klingen mag, so ist es dennoch so. Er darf weder eine gewisse Aengstlichkeit zeigen, noch ein gewisses Nachahmen verrathen. So weit die subjective Seite des israelitischen Theologen. Von objectiver Seite stoßen wir wohl noch auf Schwierigkeiten, doch werden sie schon dadurch leichter, weil sie nicht allein getragen werden, und da meine ich den Unterricht in den isr. Schulen. Hier ist es die Pädagogik, die ihn regiert, und nach der er den Grund zu seinen wahren reformatorischen Ansichten legen muß. Hier muß er gleichsam an seiner Existenz zimmern, um sich des Wortes zu sichern, das von der Kanzel ihm entströmte, weil er eben die Jugend sich heranbilden und in ihr Herz den Grundstein zum Systeme einer ganzen Reform legen muß. Verabsäumt er dieses, so hat er sein geistliches Examen nicht überstanden und sein Wort trifft das Herz auch nicht, dem es sich einverleiben sollte. — Die öffentlichen Organe, um wieder auf das Obengenannte zurückzukommen, haben somit gleichsam den Wirkungskreis der isr. Seelenhirten zu beaufsichtigen, ihre Verbesserungen zu revidiren, fern von jeder Parteisucht dem Lobenswerten die öffentliche Anerkennung zu geben, und ebenso bei dem zu Tadelnden die öffentliche Stimme nicht zu scheuen; denn wo es sich um Gott und Wahrheit handelt, da darf nicht Privatinteresse berücksichtigt werden, da muß das freie Wort zur Freiheit übergehen, auf daß echtes Fortstreben und wahre Geistesentwickelung zum Heile der Menschheit erwachse. — Fragt man mich nun, wo ich eigentlich mit dieser Vorausschickung und breiten Erklärung hinauswill, so grenzt es vielleicht an Absurdität, wenn ich das theologische Leben einer kleinen Gemeinde zn zeichnen beabsichtigte, und dabei auf das allgemeine Leben der isr. Theologie überging, und ich komme in keine geringe Verlegenheit, wenn ich von einer Gemeinde wie der in Teplitz, logische Schlüsse für theologische Fragen ziehen wollte.' Aber das ist auch meine Absicht nicht, obschon einzelne Fakta dm Allgemeinen zum Nutzen sein könnten. Ich will nur. einen Gegenstand wie. den hervorheben, der, so vielfach er auch schon besprochen wurde, doch noch immer so wenig beachtet wird, so daß die Frage: wie man reformiren müsse, sich immer von selbst wiederholt. Diese Frage sollte nach meiner Meinung nicht sowohl rein wissenschaftlich, sondern auch dem Auditorio zugänglich behandelt werden, und wenn ich mich deutlicher erklären soll, so sollte der, der es mit der Reform treu meint, von der Kanzel herab seine Ansichten durch talmudische und überhaupt gründliche Belege geltend zu machen suchen; denn so lange das Volk sich selbst nicht bewußt wirb, so lange es nur von der Willkürlichkeit seines Geistlichen, oft geistlos gezwungen wird, von einem Extreme zum andern zu springen, so lange sieht es seine Religion nur als ein Absolutes an, nicht als ein dem Menschen natürliches, höheres Bewußtsein. Der Reform eine Grenze bestimmen, wäre eben so ungereimt, als dem Denken seine Grenze zu zeichnen. Die Gemeinde muß sonach reformirt werden aus sich heraus, und die Nüancirungen müssen sich nach und nach willenlos entwickeln, und die Gesetze des Denkens müssen als religiöse hervortreten, um sich selbst zu einem Systeme umzubilden. — Dieser Richtschnur zufolge. handelte der jetzt in Dresden als Oberrabbine fungirende Dr. Z. Frankel in seinem frühern Kreisrabbinate zu Teplitz. Der Sinn sowohl für einen verbesserten Gottesdienst, als für die geistige Ausbildung der Jugend, waren hier schon lange rege geworden, aber theils fehlte die Kraft, die für das Bessere hervorstrebenden Gedanken zu realisiren, theils auch ein Mann, der die geistigen Schäden und Gebrechen der Gemeinde mit einem tiefen Blicke durchschauen und Hand an jenes Bessere legen könnte. Erst mit dem Antritte Fr. bildeten sich die einzelnen Richtungen zu einem Ganzen und der junge, noch damals weniger bekannte Theolog verstand es, den Geist seines Amtes in seiner ganzen Fülle zu erfassen. Nicht von oben herunter, wie dies häufig geschieht, schnitzelte er sich Verbesserungen, sondern von unten herauf sollte das Bessere erstehen. Sein jugendliches Feuer, welches ihn zwar noch oft genug mit sich fortriß, begegnete aber auch zuerst der Jugend. Hier war der Boden, auf dem seine Pflanzungen beginnen sollten, dies war der Acker, der lange brach gelegen, und der jetzt emsig bearbeitet werden mußte, wenn für die Gemeinde ein goldnes Feld der Liebe und Wahrheit erblühen sollte. In dem kindlichen Gemüthe mußte das Höhere erweckt werden, wenn die Aufgabe, die in einem geistlichen Amte liegt, wahrhaft gelöst werden soll.- Mit der Realisirung einer wohlgeordneten Religions- und Elementarschule sollte die Bahn, seines Strebens gebrochen werden. "Zahlt man hierzu \ seine dem wahrhaften Judenthume entnommenen, tief;