Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 42 (17.10.1840)
- Article
- Rückblicke auf einige die Schrift: "Rabbinenwahl rc. rc.", betreffende, unschuldige Mißverständnisse
- Date
- 1840-10-17
- Page
- 660 (sequence 3)
- Language
- German
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661 UU/S Rückblicke v. Dr. Lowosrtz. Lire Rede seyn wie von einer wirklichen , gegebenen, und nie wird sie das Schattenreich des Abstrakten verlassend zur eoncrcten Lebensfülle gelangen. ' Die Bildung zunächst des deutschen Volkes und der germanischen Nationen, zugleich aber ihrem Ursprünge und Grundcharakter nach und in ihren wesentlichsten Zügen, die in Europa, in dem Welttheile der Civilifation vorwiegende, die allgemein europäische, ist eine christlich-germanische, d. i. eine unter dem Einflüsse des christlichen und germanischen Elements erfolgte Auffassung und Aneignung fremder, und Erzeugung selbstständig eigener Bildungsmomente: die unter dem Einflüsse des christlichen und germanischen Elements zu Stande gekommene Bildung. — Der Einfluß des christlichen Elements ist am Entschiedensten, und so weit er uns hier angeht, der des Glaubens an den einige n und h e iligen Gott, der Einfluß des Monotheismus, und der Nothwendigkeit darin begründeten und daraus hervorgehenden religiösen und ethischen Denk- und Gefühlsweise, im Gegensätze zu dem Polytheismus der klassischen, der griechisch-römischen, und der heidnisch-orientalischen Anschauung. Als germanisches Element ist hier vor Allem anzuerkennen die dem germanischen Charakter eigene Tiefe der Gedanken und Empfindungen und die Innigkeit und Reinheit besonders des religiösen Gefühls, die sittliche Strenge, die Gründlichkeit, und wahrhaft speculative Auffassung und Durchdringung des Gegebenen auf dem Gebiete der Forschung; daß man heute im christlichen Europa in Ansehung der Sclaven anders denkt als Aristoteles, und über das Verhältniß der Frauen anders als Plato, und überhaupt von dem hohern ethisch-religiösen Standpunkte aus, vieles Unangemessene -er klassischen Denkweise von sich abzuweisen vermag, ist zunächst das Werk des christlichen und germanischen Elements. (Der Hinblick auf die geschichtliche Bedeutung der germanischen Völker zur Zeit der Gründung christlich europäischer Zustände, so wie auf die wissenschaftliche Stellung Deutschlands und Englands und deren Einfluß auf das ganze übrige Europa rechtfertigen wohl hinreichend den andern Ländern gegenüber, die Bezeichung der allgemein europäischen Bildung als die christlich-germanische.) Allerdings macht in vielfacher Beziehung die clasffsche Bildung des griechisch-römischen Alterthums die Grundlage oer heutigen europäischen Bildung aus, aber nur zufolge einer, vom germanischchristlichen Standpunkte ausgehenden, richtigen Würdigung und Auffassung, Aneignung und Benutzung derselben; und wie denn überhaupt die Auffassung selbst fl nach den Individuen immer eine andere ist, so ist auch d-r Einfluß des Gegenstandes immer ein anderer und keineswegs etwa immer schon für sich ein adsolutgünstkger und ersprießlicher. (Man denke nur an den Sittlichkeit und Glauben zerstörenden Einfluß der neuerwachten altclassischen Studien im 14. und 15. Jahrhundert zumal an den italienischen Höfen). Wir aber theilen gern mit Herrn Dr. Holdheim, von dem wir hier mit voller Achtung scheiden, das etwaige Verdienst, in Folge der von ihm im Interesse der Wahrheit und iLimur oer ^uven m a>ou|u;uuiu* der wahren Aufklärung ausgegangenen, mit warmem Eifer ernst und würdig vertretenen und angeregten Widerspruche vielleicht zur nähern Verständigung über einige wichtige jüdischreligiöse Beziehungen hier einen geringen Beitrag geliefert zu haben. Im Uebrigen dürfte es andererseits Hrn. Dr. H., dem wissenschaftlichen Rabbinen, dem Menschenfreunde, dem warmen Freunde und Beförderer des jüdisch-religiösen Fortschritts, hier nur angenehm gewesen sein, zu erfahren, daß man sich nicht so weit verirren konnte, im Allgemeinen die Ausschließung wissenschaftlicher Rabbinen von der practifch-rabbinischen Wirksamkeit zu verlangen, noch weniger dieRabbinen von aller Zeitbildung auszuschließen und sie allein zu Tantalus-Qualen zu verurtheilen, den alfl en Erz ie hung spla n der Juden, in sein altes Recht einzusctzen, oder das ganze deutsche Iudcnthum wieder ins alte Geleise und auf den alten Standpunkt der vor Mendelssohnschen Zeit zurückzubringen, und wie sonst noch all das Unglück heißt, das Herr Dr. H. als Consequenzen unserer Ansicht wie ein drohendes schwarzes Ungewktter über unser unschuldiges Haupt zusammenzieht, oder wie das Schwert des Demokles über selbiges schweben laßt. Dr. Lowositz. Die fortschreitende Entwickelung der Cultur der Juden in Deutschland von Mendelssohn bis auf unsere Zeit. (Fortsetzung.) Zeitgemäß gebildete Rabbinen und Prediger nahmen besonders im südlichen Deutschland an Zahl zu, und lenkten durch eine große Anzahl gedruckter Predigten den Sinn -er Gemeinden wieder auf die Reorganisation des Iudenthums; sie benutzten weislich die bürgerliche Stellung der Juden, welche, nach Freiwerdung von der französischen Fremdherrschaft, in manchen deutschen Staaten Rückschritte, in manchen nur langsame Fortschritte machte, zur Weckung ausgezeichneter, von gläubigem Gemüthe und festem Vertrauen aus die Sache des Menschenrechts belebter Männer. — Ihr Streben und Mühen war nicht vergeblich. Im Innern der Synagoge erwachte ein besserer Geist, und mit Hintansetzung aller frühern Streitigkeiten, strebte man die Verbesserung des Iudenthums aus seinen ersten Quellen zu begründen; hier und da verlangte man nach dem System des Glaubens, seinem Grundzuge und dessen Entwickelung. Sorgsam wurde zwar jeder Streit vermieden , aber doch im Schooße der Gemeinden vorbereitet. Die in acher deutscher Wissenschaftlichkeit herangebildeten und mit fester religiöser Charakterstärke begabten Juden nahmen und weckten nun großes Interesse für ihre bürgerliche Gleichstellung, sie blickten wehmuthsvoll auf ihre nunmehrigen Verhältnisse und strebten mit aller Kraft, eine bessere Zukunft