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Der Orient · 1840-10-17 · Heft 42 (17.10.1840) · p. 327

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 42 (17.10.1840)
Article
Arad: Sendschreiben über die jüdische Cursiv-Schrift
Date
1840-10-17
Page
327 (sequence 3)
Language
German
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327 m der letzkverflossenen Vorzeit in noch größerem Umfange bestanden hat. Unsere Jugend entwickelt sich daher iw einer Zeit, wo sie bei ihrem Eintritt ins Leben noch manche Schriftlichkeit dieser Art übernehmen, und mit manchen Individuen in Verbindung treten wird, die ihrer Jugend das Jüdisch-Deutsch als Geschaftsschrist mitgenommen haben. Mag auch in manchen Gegenden die Humanität der öffentlichen Meinung im harmonischen Einklang mit der Toleranz des Gesetzes der Gleichstellung der Israeliten bereits jedes Hinderniß aus dem Wege geräumt haben, so kann doch nicht die ganze Generation , mit einem Male zur gänzlichen Lossagung von allem Werkehr mit ihren Stamm- und Glaubensgenossen den ■ Aufschwung nehmen; in den meisten Gegenden aber ist leider diese Möglichkeit selbst vom vertröstenden Ansprüche noch weit entfernt. Wir bedürfen einander um so mehr, jemehr wir aus einander angewiesen sind. Das jüdisch-dogmatische mmy, die mittelalterliche Solidarhaftung — sie haben sich nur modernisirt, um in der neuen Verfassung fortbestehen zu können. — Doch nicht die Anweisung auf künftige Brauchbarkeit muß der jüdischen Schrift das Wort sprechen > wie unsere Schulen größtentheils noch jetzt bestehen, ist sie schon für sie in manchem Stücke brauchbar. So lange nicht der ganze Hebräismus aus den Kinderschuten in die Seminarien übertragen werden kann, so lange nicht die Beförderer der Reaction, die wiederaufgenommene Interlinear - Methode so weit geführt, daß aller grammatische Unterricht erlöschen wird, so lange der auf Real-Effekt bedachte Lehrer den theoretisch - grammatischen Unterricht mit den angemessenen Uebungen wird unterstützen wollen, so lange wird auch die hebräische Schrift in unseren Schulen ihre Anhaltspunkte finden. Auch die öffentliche Meinung darf hier ihre Stimme gelten lassen. Soll die Gewalt der Hemmnisse, an denen jedes bessere Streben, zumal in unseren Verfassungen, nicht aus eigenem Hinzuthun noch vergrößert werden, so müssen wir jene Rücksichten, durch deren Beachtung der guten Sache kein Abbruch geschieht, auch dann mitnehmen, wenn sie nun von Vorurtheil und Befangenheit in Anspruch genommen werden. Die Zeit, in welcher der Mehrheit jüdischer Eltern die Unfähigkeit ihrer Kinder, ein jüdisches Zettelchen zu schreiben ganz gleichgültig sein mag, ist noch nicht da. Wohl aber ist noch immer die Möglichkeit vorhanden, daß die Zeloterie, Schmähsucht und Heuchelei an dieser plötzlichen Abstellung des Herkömmlichen, so wenig es mit der Wesentlichkeit des Judenthums in Verbindung steht, dennoch eine erwünschte Gelegenheit ergreifen wird, um uns abermals eine Absicht zum Eingriff ins Heiligthum aufzuhelfen. — Die Masse weiß einmal nur auf die Erscheinung einen Werth zu (egen. Versucht man es, ihr in Wort und Ausdruck das Wesen zu zeigen, so halt sie wieder von diesen nur den Klang statt der Bedeutung fest. Davon können uns leider die widerstreitenden Parteien unter uns täglich überzeugen. Man macht gewöhnlich den ängstlichen Anhängern der kleinlichen Ceremonie und überhäuften Asketik den Vorwurf, daß nur sie es wären, denen die Schale für den Kern gilt, die Form für das Wesen, die Materie für den Geist. Wenn aber nur sie diesen Vorwurf verdienen, woher kommt es, daß so viele ihrer Gegner, die sich einer gelautextereu Einsicht rühmen, mit der Abstreifung dieser Formen, so sehr zum Jndifferendismus neigen, daß die Spuren der Werthschätzung für das wesentlich Heilige kaum zu finden sind? Allein widerstreitende Parteien können noch immer im System befreundet sein, und mancher Jndifferentist steht noch mit dem Anhänger der Werkheiligkeit an Befangenheit und Kleinhensstnn im engen Geistesbund, indeß er ihm durch Lossagung von den jüdischen Erbtugenden der Selbstbeherrschung und Ergebenheit als Parthei entgegen tritt. Nicht Ideen und Theoreme, die Erfahrung muß in solchen Anliegenheiten die entscheidende Stimme führen. Diese aber kann hier höchstens eine woblberechnete Vorbereitung zur Möglichkeit einer dereinstigen allmäligen Aufhebung zugestehen; die Wagniß der plötzlichen Abstellung erscheint ihr von äußerster Bedenklichkeit. Selbst an dem Orte meiner gegenwärtigen Amtirung, einem Orte, der bei den Conftrvcmven des Landes beinahe im Verruf des Liberalismus steht, einem Orte, wo unser freimüthiger, weit gefeierter Rabbi, der Veteran A. Chor in, mit der Autorität des Amtes und der Würde seiner Persönlichkeit seit einem halben Jahrhundert die Waffenrüstung einer vielseitigen, gründlichen und scientiven Kenntniß des Judenthums zu einem unermüdeten Kampf gegen Vorurtheil, Aberglauben, Werkheiligkeit und Kleinheitssi'nn gebraucht, selbst an diesem Orte, welcher erst nach seiner überstandenen Gährungsperiode zur Werthschätzung für manche köstliche Herkömmlichkeit wiederkehren muß, welche während der Crisi's unter dem Bodensatz der sich aussondernden Unreinigkeit mitgerissen worden ist; selbst an diesem Orte und an einer Schule, die an unserem Deutschlehrer, Hrn. Ignaz Beck, einen der tüchtigsten Schreibemeister besitzt, mußten wir dennoch oft die Klage über Mangel an Fortgang im Schreiben nur darum hinnehmen, weil die Totalbeschäftigung der Schule dem Jüdisch-Schreiben üicht so viel Gelegenheit zur Abrundung gewähren, als der deutschen und lateinischen Schrift dargeboten ist. — Wohl zeigt uns auch die tägliche Erscheinung, daß die jüdische Schrift auch an minder bedeutenden Orten immer mehr aus dem Geschäftskreise verwiesen wird; wohl könnte der Jugeudunterricht bei uns weit mehr in die Verzweigungen des Lebens, und viel kräftiger in die Fächer des rein menschlichen Wissens' eingreifen, wenn er den ganzen Hebräismus nur für Lehrlinge von Beruf anweisen, oder wenigstens für das reifere Alter hinausschieben könnte; wohl kann sich unsere Zeit wenigstens so weit der Einlenkung in die Lichtbahn freuen, daß der Finsterniß, Verkehrtheit, Zeloterie und Lasterwrtth immer wenig Spielraum vergönnt bleiben wird. Allein eben darum, weil von der Sachlage an sich die zeitgemäße Wirkung mit begründeter Hoffnung erwartet werden kann, muß das vorschnelle Eingreifen in den natürlichen Lauf desto sorgsamer vermieden werden. Denn das Gewaltsame der Verbindung durch Laut und Zeichen, die einander ganz fremd sind, ist nicht so beispiellos, als der Abfasser der 'Aufforderung angiebt. Der hebräische Vibeltext mit griechischen Buchstaben an der Seite der Alexandrinischen Uebersetzung, und noch mehr die zahlreichen arabischen Schriften der Spanier in hebräischer Schrift, beweisen, daß nicht gerade der Schriftverkehr der Juden vor Ulphilas diese isolirte Weift hervorgebcacht haben muß. Was endlich das vorgewogenste Motiv des Aufforderers betrifft, daß wir vorzüglich darum die Abschaffung dieser Schrift betreiben sollen, weil dadurch eine Eigen-

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