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Der Orient · 1840-10-17 · Heft 42 (17.10.1840) · p. 326

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 42 (17.10.1840)
Article
Arad: Sendschreiben über die jüdische Cursiv-Schrift
Date
1840-10-17
Page
326 (sequence 2)
Language
German
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- 326 — pflanzten Jrrtkume anzuhangen; weil uns die tatmudische Ueberlieferung, die wir nicht minder als eine Quelle ansehen, die Thatsache anführt, daß der Verfasser des betreffenden Gebetes jüpn b'NW, m seiner Sterbestunde dem Vater des zweiten Gamliel erst seine Todesweise prophezeiht hat.^) Nicht nur über diese Einzelheit müssen wir den Verfasser des bemeldeten Aufsatzes um nähere Belehrung bitten; auch über die Art, wie er mit kritischen Augen die Bibel liest, sind wir in gleichem Bedarf. Der Ausdruck rten nu soll erst in der Zeit des Exils darum entstanden sein, weil man das Opferwesen als suspensibel betrachtet hat. Wie-sollen wir aber zu der Einführung dieses Ausdrucks die Suspension der Opfer hinzudenken, da er gerade in Beziehung zu diesen gebraucht wird N-ip» rfon nft •»ma o 'di vtan ran DTina^r? Eine Nachweisung dieser Art könnte uns auch über den von ihm an einem andern Octe^) gleichfalls gelegenheitlich hingeworstnen Wink über die nach mosaische Genesis des Versöhnungstages ins Klare bringen; da doch im Pentateuch die Feier dieses Tages noch einen außerordentlichen Anhaltspunkt hat, außer der Behandlung, die er in der Reihe der andern Feiertage genießt. — In Erwartung, daß uns der Verfasser über diese und ähnliche schwierige Punkte endlich die nöthige Aufklärung geben werde, lassen wir einstweilen den von ihm bereits aufgLnommenen Gegenstand des Gebet -Uebersetzens verschoben sein, und wenden uns zu dem viel früher angeregten Gegenstand, zum Jüdisch-Schreiben, welcher seit seiner Anfechtung (Nr. 104 des 2. Jahrg.), laut wiederholter Anzeige der Redaktion, mehrfache Anfrage, mehrfache Schutzrede, aber noch immer nicht die Gunst einer Veröffentlichung der zu seiner Beibehaltung eingelaufenen Motionen gefunden hat. Vermuthlich weil entweder die Verfechtung an sich, oder wenigstens die Art, wie sie geschehen, gegen sammtliche durch diesen Zeitraum aufgenommenen Artikel an Wichtigkeit weit zurücksteht. Uns scheint die Rechtfertigung dieses Gegenstandes wichtig genug. — Wenn die meisten Bestrebungen für höhere, reinmenschliche Zwecke nur bei einer genauem Rücksicht auf den Bedarf des praktischen Lebens gelingen können, so muß dieser Bedarf dem Jugendbildner zunächst vor Augen liegen. Hierüber kann uns der Buchstaben-Unterricht, welcher gemeinhin der Jugend als erste. Geistesnahrung dargeboten wird, einen sprechenden Beweis abgeben. Wohl ist die Buchstabenschrift, als Erfindung betrachtet-, der Triumph des menschlichen Sichtungsvermögens 3); doch die Natur des Kindes besitzt für jede Art des Wissens, sei es rationell oder empyrisch, weit mehr Neigung und Empfänglichkeit, als für die trockne Abstraktion einer an sich bedeutungslosen Vorkenntniß. Dennoch 1) Sota, 48b.: WO njnaO pjtt rirrri? 2) Vorbereitung zu unseres gefeierten Rabbi A. Ch o r i n's Ieled S ek un tm. 3) Dieses glaube ich auch m jener Stelle der rabbinischen Maximik ausgesprochen zu sehen, welche die Buchstabenschrift mit denjenigen Gegenständen in eine Reihe stellt, denen eine über der Kraft der Materie liegende Wirksamkeit inwohnt. (Abot 5. 6.) wird seit lange her der Jugendunterricht mit dem Buchstaben begonnen, und wird noch lange hin wenigstens im Allgemeinen so begonnen werden. Wir müssen unsre Jugend so schnell als möglich zu Buch und Schrift hinführen, weil alle Wissenschaft und Kenntniß in Bücher und Schriften medergelegt ist. — Dabei kann nicht geläugnet werden, daß bei der überschwenglichen Fülle des Schriftenthums und Vücherwesens, worin so unendlich viel Großes und Schönes gesagt, so viel Wahres und Gründliches bewiesen wird, dennoch, von der Zeit der griechischen Scholastik bis aus den vielbeliebten Stoicismus der römischen Kaiserzeit, und von dieser bis auf die transzendentale Subnlitat und die sich einschmeichelnde Gemüthsphilosophie unserer Decennien, die Erscheinung der Begriffsverworrenheit, des innern Selbstzerwürsnisses, des Mangels an bewahrten» Rechtsgefühl und beseligendem Wahrheitssinn nicht zu den verschwundenen, ja, leider zu den seltenen gehören. — Warum plagen wir dennoch uns selbst und unsre liebe Jugend mit der langweiligen Vorarbeit einer endlosen und noch mühsameren Beschäftigung, deren wohltharige Folgen noch immer nicht allgemein erwiesen sind? Wir plagen uns in unserem Berufe; denn mit allem was wir wollen, was wir sinnen und was wir vollbringen, sind wir von der höhern Weisheit angewiesen, nur wiederholte Belege zu liefern zu jenen Wahrheiten, deren Anwendung ewig wiederkehrt. Und ewig wiederkehrend ist die. Wahrheit, daß, wenn auch die Lebensrealität in der Handhabung für höhere Zwecke den Gefahren des Mißbrauches wie des Fehlgriffes unterworfen ist, dennoch dem Ideale des absolut Guten und Schönen nur so weit nahe gebracht < werden kann, als wir die Realität des Lebens dafür zu benutzen verstehen. Wie das allgemeine und vorherrschende Lebensbedürfniß bei allem möglichen und wirklichen Mißbrauch dennoch allgemein die vorgewogenste Aufmerksamkeit genießt, eben so giebt es zu verschiedenen Zeiten und in den besonderen Kreisen gewisse Partikulär- und Relations-Bedürfnisse, die bei geschickter Benutzung eben so sehr dem bessern Streben förderlich sein können, als sie ihm bei verweigerter Beachtung hemmend in den Weg treten. Daß die hebräische Eursiv-Schrift bei der Mehrzahl unserer Gemeinden nicht mehr als ein solcher Partikular- Bedarf gelten könne, wird schwerlich zu behaupten sein; aber gewiß ist, daß sie bei ihrer Einfachheit und ihren geringen Erfordernissen unter allen Specialbedürfnissen sich mit dem leichtesten Opfer an Zeit- und Kostenaufwand' absinden läßt. — Die hebräische Cursivschrift ist unserer Jugend noch gegenwärtig ein Bedarf für ihren nächsten Eintritt ins Leben. Denn der eben erst jetzt erschienene öffentliche Aufruf zu ihrer Abschaffung beweiset, daß sie bei der größeren Mehrheit besteht, und 4) Die alten Hebräer können bei aller Verbreitung der Schriftkenntm'ß unter der Menge dennoch als kein Büchervolk betrachtet werden; denn die Belehrung durchs lebende Wort, ja sogar durchs stummsprechende Symbol wird dem Buchstaben vorgezogen (Deut. 6. K. 7. 8. u. 9. V., dann 11. K., 18. 19 u. 20 33.)* Dafür hegt dort das gemeine Landweib eine Gesinnung großartiger Einfalt, zu der sich in moderner Zeit erst der idealste Charakter des idealsten deutschen Dramatikers ■ aufzuschwingen vermag. (Vergl. Don Carlos, 3. Akt, 18. i Auftr.: Ich genieße die Gesetze mit 2B.d. Kön. 4,13.)

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