Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1840)
- Article
- London: wunderliches und seltsames Memorandum ...
- Date
- 1840-10-17
- Page
- 324 (sequence 4)
- Language
- German
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324 Worte in die Welt hinausgehen - lassen, obwohl der Zeitungsschreiber, wenn er historische Data wiedergiebt, nicht befugt sein soll, das Gegebene entweder zu rechtfertigen oder abzuweisen. Der Wunsch nach Vereinigung Israels auf einer gemeinsamen Erde ist nicht neu. Er ist so alt als das Volk selbst seit seiner Zerstreuung, und ist jeder Zeit wenigstens da wieder aufgetaucht , wo die Last des Irdischen dem Herzen nicht alle Hoffnung geraubt, nicht alle religiösen Gefühle in Indifferentismus ausgelöst, 'Neu ist diese Sehnsucht erwacht in dem Drangen, 'Gebaren und dem Entwickelungsproccffe der Neuzeit. Große Kräfte haben sich in dem Leben der Völker entfaltet. Israel, mitten unter dem geistigen Drängen und Treiben, ist nicht zurückgeblieben, die eigne geweckte Kraft, die durch die Neuzeit erregten Hoffnungen, haben cs nach Vorwärts gestoßen, eine strebsame, rüstige, gebildete, hoffnungsreiche Jugend hat sich in seinem Schooße entfaltet und nun steht sie da im Bewußtsein ihrer Kraft, im Bewußtsein ihres Willens und stößt auf tausend Hindernisse. Ueberall, wo sie hingreifen will, weichen die Bilder der Hoffnung als Phantome zurück, überall, wo ihre Tätigkeit sich entfalten möchte, bedankt man sich ihrer Kräfte. Alles läßt sie fahren, sogar die Wissenschaft sagt sich von ihr los, und ehrenvergeffene Scribler haben den Namen „Iudenjunge" zum Brandmale für ein Schriftenthum erhoben, das hier mit Recht, dort mit Unrecht befehdet, den Juden aber eben so ungerecht wieder auf den Hals gebürdet wird. Aber das jetzige Geschlecht Israels, zu seiner Ehre sei cs gesagt, hat sich der Treulosigkeit gegen das väterliche Gesetz zu schämen begonnen, welche noch vor einigen Jahrzehnten zum Modetone gehörte, und sie wollen lieber als Märtyrer ihres Glaubens erscheinen, als Abtrünnige heißen. Wer mag ihnen da verdenken, wer es auffällig und sonderbar finden, wenn ihr Herz nach volklicher Selbstständigkeit und Einigung sich sehnt, wenn ihr Auge auf der Vergangenheit, auf dem Erbe und Lande der Vater mit sehnsüchtigen Blicken weilet? Wenn Ahnungen und Gefühle aus der Brust heraustauchen, die -zu Wünschen werden, welche sie wenigstens auf Augenblicke beseligen, und wenn sie dieselben auch ins Land der Träume verweisen müßten? Und müssen nicht gerade die neuesten Ereignisse, die jenes Land so weit in. den geschichtlichen Vordergrund treten lassen, noch mehr geeignet sein, die Beschäftigung mit solchen Wünschen und Träumen zu erklären? Ja, daß hier und dort bei der jüdischen Jugend der Wunsch rege geworden ist, ein Plätzchen auf der großen, weiten Erde zu besitzen, den sie ihr- Eigenthuw., ihr volkliches Eigenthum-.nennen könnten, das ist leicht zu verzeihen, leicht zu erklären, erklärlicher wenigstens, als wenn dieser Wunsch nie aufgetaucht wäre. Aber wir verweisen ihn leider in das Land frommer Wünsche, gemächlicher Träumereien. Aus der europäischen Politik wird uns kein Messias erscheinen, und überdem hoffen wir umsonst auf einen irdischen Helfer. Von der Coalition wenigstens, die das obige Memorandum predigt, sagen wir uns feierlichst los, denn es ist ein Hirngespinnst, aus Trug und Wahrheit zusammeugewebt, gelindest beurtheilt, ein Ideal, ohne die Hoffnung auf Verwirklichung. Der englische Protestantismus in seiner flammenden Feindseligkeit gegen die römische Kirche, in seiner eignen Leidenschaftlichkeit für seine Kirche, stellt sich als das Prinzip der Neuzeit hin, das als reiner Ausfluß aus dem Lebensquell des Gesetzes und Bundes Gottes mit Israel, nun in seiner jugendlichen Kraft den alten Stamm dankbar verklären und durch seine Lebenswärme und durch seine Kraft wieder aufrichten und selbstständig machen will. — Wir mögen nicht weiter eingehen auf eine Liefere AuseknanderseHung des oft englisch Gesagten, nach Belieben erklärten und Zusammengestellten. Wir wollen nicht untersuchen, wie viel der Haß gegen Rom an der Abfassung des Dokuments.Antheil hat, wie viel der Wunsch dabei thatkg gewesen -ist, durch die Verwirklichung einer jüdischen Republik auf Syriens Erde England daselbst Einfluß zir sichern und Frankreich zuvor zu kommen, wo längst schon sich Stimmen erhoben haben zur Gründung eines christlich morgenländischen Königreichs. Wir wollen uns nur an den guten Willen halten, und dankbar anerkennen, daß man uns auf syrischer Erde zur Selbstständigkeit verhelfen will. Selbstständigkeit? Auf wie - lange? Israeliten, ihr betrüget euch nicht mit dieser eiteln Hoffnung, ihr werdet eure Kräfte nicht für euer diesseitiges Wirken ertödtet. Lasset die Zukunft über eure Schicksale walten, ihr wünschet gewiß nur jetzt nicht dort eingekeilt zu werden, wo die Gährung noch nicht sagen läßt, was daraus hervorgchen mag; ihr möchtet sonst erdrückt, oder bald wieder . weggeschwemmt werden von dem syrischen Boden, Die zu jener Zeit, wo der erbarmungslose römische Riese über Afrika und Asien daher sich wälzte. Ohne von der Hoffnung zu lassen, verlaßt euch doch nicht auf die Hoffnung, haltet an der Gegenwart , greift ein, wo man euch die Hände nicht wegzieht, schafft, wo ihr schaffen könnt, ringt, kräftigt such, haltet zusammen, werdet thätkge, schaffende Bürger, und wahrhaftig, von Geschlecht zu Geschlecht wird es mit euch besser werden, und wie es dann auch komme, hier oder jensekt der Wüste werdet ihr ein Volk sein, das sich zu tragen, das sich zu leiten weiß, das der Selbstständigkeit würdig ist. Red. Deutschland. 2 Körrigsb evg, 27. Sptbr. Wie ich es versprochen fahre ich in meinem Berichte über die Huldigungsfeier in unserer Stadt fort. In meinem vorigen Schreiben habe ich bereits gesagt, daß dieser denkwürdige Tag durch Akte der Wohlthatigkeit begangen worden; einer dieser Akte war, daß sammtliche jüdische Arme in dem Hospital der Gemeinde gespeist wurden, da die jüdischen Armen an der allgemeinen Speisung der Armen keinen Antheil nehmen konnten. Daß auch dieses Mahl der Armen von Anreden und Toasten begleitet war, daß sich auch hier ein patriotischer Sinn offenbarte, wird Jeder leicht begreifen, der die Gesinnungen unserer Provinz kennt. — Es bleibt mir noch einen Vorfall zu erzählen übrig, der, in der Leipz. Allg. Zeitung schon entstellt, der Erwähnung und Berichtigung hier in diesem verbreitetem Blatte verdient. Die kleine jüdische Gemeinde zu Dirschau, zwischen Marienburg und Danzig, wurde von der Stadtbehörde von der Empfangsfeierlichkeit ausgeschlossen und alle Vorstellungen der Juden blieben fruchtlos, obgleich sie sich durchaus erbat, alle nur nöthigen Hilfsleistungen zur Festbereitirng mit Freuden mitzutragen. Wie oft in solchen kleinen Städten blieb Magistrat und Landrath hartnäckig bei feiner Ausschließung. Als der König Dirschau vorbei passiven sollte, versammelte sich eine jüdische Deputation mitten auf der Brücke und überreichte dem angekommenen König ein Huldigungsschreiben, worin auch über die Zurücksetzung Klage geführt wird. Dies Huldigungsschreiben lautet: