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Der Orient · 1840-09-26 · Heft 39 (26.9.1840) · p. 300

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 39 (26.9.1840)
Article
Berlin: hirtenloser Zustand der Gemeinde daselbst
Date
1840-09-26
Page
300 (sequence 3)
Language
German
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300 muß ich aber ganz besonders hervorheben,'es ist dies der Religionsunterricht. Um diesen steht es hier sehr schlimm, und wenn nicht hin und wieder mancher Jude, um einen Conflrmatiensschmaus für Verwandte und Bekannte zu geben, sich's einfallen ließe, seinen Sohn vom ersten besten in der Religion der Vater zwei und drei Wochen unterrichten zu lassen, wahrhaftig, man würde hierunter den Juden diesen Unterricht kaum dem Namen nach kennen. Wohl leitet Hr. Dr. Auerbach in der Gemeindeschule einen guten Unterricht in der Religion z aber der wie vielste Theil ist diese Schülerzahl von den tausenden schulfähigen jüdischen Kindern beiderlei Geschlechts? Ist nicht dies mit ein Hauptgrund, warum so viele hiesige Juden ihre Kinder ohne Weiteres in der frühesten Kindheit für die christliche Kirche taufen lassen? Denn die Mehrzahl der hiesigen Juden kann sich eben so wenig vom Christenthum, als vom Judenthum Nechenschaft geben. — Doch ich will hiervon aus Gründen schweigen, und mich lieber in die Synagoge begeben, wo doch seit einiger Zeit einige Verbesserungen eingetreten sind. Worin diese bestehen? weiß ich eigentlich nicht. Denn daß die Mizwotauction abgeschafft, das Plaudern beim Gebete durch einen Küster fortwährend untersagt wird, und daß der würdige Vorbeter seinen dreispitzigen Hut mit einem Barret und Tatar vertauscht und statt des profanen Singsangs einen sechsstimmigen Choralgesang zum Recitiren des Amen, Schema^und Ba'rachu eingeführl hat, ist wohl kein so. großes Verdienst, und hat noch keinem die Gebete, verständlicher, und ihm beim Lesen des JfclpD lilPNV Jp*© Dlp^ und der ellenlangen Pijutim Erbauung und Belehrung verschafft. Daher weiß auch ein großer Theil hiesiger Juden kaum vom Dasein einer Synagoge, und die meisten jüdischen Damen promeniren oder sind im Häuslichen beschäftigt während der sabbat- und festlichen Betstunden. Hart und grausam hat sich hier jener Spruch DJ? ipStf ]1in pfcG bewahrt, und es ist wohl die höchste Zeit, auf Mittel zu denken, diesem betrübenden Zustande abzuhelfen. Wohl weiß ich, daß schon mehrfach zur Abhilfe dieser Mißstande in öffentlichen Blättern aufgefordert worden, weiß daß die Herren jüdischen Vorsteher jene wohlmeinenden Stimmen ruhig, an ihrem Ohre vorübergehen ließen, und in ihrem ästhetischen Wohlbehagen, auch diesen meinen Worten kein Gehör schenken werden; allein zur Steuer der- Wahrheit und im Interesse der jüdischen Religion fühle ich mich aufgefordert, dieses Wort der Oeffentlichkeit zu übergeben, mag nun der Erfolg sein, welcher er wolle, ich habe mich meiner Pflicht erledigt. Um meinem Berichte zum Schlüsse noch den Stempel der Wahrheit aufzudrücken, will ich die geehrten Leser nur noch darauf aufmerksam machen, daß die hiesigen Juden die neueste jüdische Literatur und deren Träger, die jüdischen Journale kaum kennen und daher theilnahmlos gegen eine Judenverfolgung in Damask, sowie gegen ähnliche Gräuel, die selbst in civilisirten Ländern nur unter anderer Gestalt erscheinen, sich beweisen. Dr. Kleefeld. Posen, 2. Aug. Der unlängst verstorbene Gutsbesitzer Moses Alexander zu Neustadt bei Posen hat in seinem Testamente bestimmt: 1) daß unter die dortigen jüdischen Armen 20 Klafter Holz und 25 Thlr. vertheilt und mit diesen Spenden so lange alljährlich fortgefahren werden solle, als sein Nachlaß ungetheilt bliebe; 2) daß aus feinem Nachlasse 2000 Thlr. auf fein Gut Chociza hypothekarisch für die dortige jüdische Gemeinde eingetragen und die Zinsen davon zur Ausstattung armer jüdischer Mädchen des Orts verwendet werden sollen. (Pr. St. Z.) Bvombevg, 7. Aug. Durch die Bemühungen des ersten jüdischen Lehrers Wilcynski hat sich, nach dem Beispiele Gnesens, unter den Frauen der jüdischen Corporation zu Wittkowo (Kreises Gnesen) ein Verein gebildet, welcher zum Zweck hat, für die von den Mitgliedern beizusteuernden Beiträge am Sterbe-Tage Sr. Hochseligen Majestät arme Kinder zu bekleiden. (Pr. St. I.) Hnnnovev, 3. Sept. Mit Recht hat Ihre geehrte Zeitschrift in einigen Artikeln, welche die israelitischen Unterthanen des Königreichs Hannover betreffen, auf den schwankenden Zustand hingewiesen, der auch noch fernerhin, wenigstens für die nächste Zukunft unser Theil bleiben wird. Bei diesen eben nicht erhebenden Aussichten aber darf jedoch nicht unbeachtet bleiben, daß das innere Leben im Judenthume wirklich im Wachsthume begriffen ist, daß das gesellschaftliche Band immer mehr Individuen umschlingt, ,daß die Stellung unsers Volks bei der Masse immer mehr zum Bewußtsein kommt, daß die Menge fühlen lernt, sie müsse mit der Zeit fortschreiten, sich europäische Bildung und Praxis aneignen. Das erhebt. Der Jude ist sich bisher alles gewesen; er muß sich auch fortan alles sein, alles verdienen. Er muß und wird sich auch,, und wenn es noch Jahrzehente dauern sollte, seine sichre Stellung, die Anerkennung des Staates verdienen. — Bei uns geht hierin die Hauptstadt mit einem schönen Beispiele voran. Die Bildung erscheint hier nicht mehr wie sonst vereinzelt, sie theilt sich allen mit, wird Gemeingut. Als Mittelpunkt dieses gesteigerten Lebens erscheint für die Jugend die hiesige Religionsschule, für die Erwachsenen die Synagoge. Wir sagen mit Unrecht Schule und Synagoge, wir sollten vielmehr bemerken, Lehrer und Rabbiner; denn diese Männer sind es, welche beiden Instituten erst den Geist eingehaucht haben, der sie beseelt, die ihre Wirksamkeit auf die Gemeinde noch über beide Institute hinaus ausgedehnt haben. Herr Frensdorf, Oberlehrer der erwähnten Anstalt, ist ein Mann, der nicht allein seinen Beruf vollkommen ausfüllt, sondern über ihn hinaus noch vieles Gute wirkt, den Gemeindevorstand und einflußreiche Männer für seine" Anstalt und für die

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