Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1840)
- Article
- Berlin: hirtenloser Zustand der Gemeinde daselbst
- Date
- 1840-09-26
- Page
- 299 (sequence 2)
- Language
- German
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299 Man wende hiergegen nur ja nicht ein, daß die hiesigen Juden ja ihren Nabbinatsverweser haben; nun, ohne der Würde und dem edlen Charakter dieses sehr humanen .Mannes entgegen zutreten, behaupte ich geradezu, daß! unter ihm das Rabbinat verwest d. h. verfault, und daher die größten Uebel verbreitet. Denn die Funktionen; dieses Mannes, sind -keine anderen als die , .manchmal eine Frage über Käscher und -Teresa zu entscheiden,y und sodann manchem wandernden polnischen Juden das Aeugniß eines unbescholtenen Charakters zu geben» Sind ' nun durch diese Funktionen alle Bedürfnisse einer so großen Judenschaft befriedigt? Ist hierdurch auch nur das Geringste für ihre Belehrung und die religiöse Erziehung ihrer Kinder gethan? Nein, weiß ich, wird .jeder.antworten, aber auch bedeutsam hinzufügen, daß dafür anderweitig gesorgt sei, durch Prediger und Schulen gesorgt sei; nun so will ich denn auch hierüber offen und ohne Rückhalt referiren» Allerdings gibt es zwei jüdische Prediger, der eine Herr Dr. Auerbach und der andere S. Pleßner. Erste rer, genugsam bekannt durch seine guten homiletischen Leistungen ist im Ganzen darauf angewiesen, alle l4 Tage am Sabbat bei Frühgottesdienste im Horsale der jüdischen Gemeindeschule vor der Mehrzahl der 115 Schüler und etwa noch 50 Auditoren eine Predigt zu halten, und es bekleidet dieser wahrhafte Priester in der Wüste auch wohl nur deswegen dieses Amt, damit unter den hiesigen Juden nur noch die Idee für eine Predigt wach gehalten, und den Schülern der Gemeindeschule, deren Hebräisch- und Religionslehrer .er ist, die Sabbatfeier in ihrer religiösen Weihe vorgeführt werde. Letzterer, wohl nicht minder bekannt durch seine überraschenden Anmerkungen zu Predigten u. dergl., halt ebenfalls alle 14 Tage am Sabbat nach beendigtem Gottesdienste in einer verdumpften Stube .des sogenannten Bet ha-Midrasch vor einer handvollen altgläubigen, oder sich selbst fromm nennenden Juden, einen Dorttag, der die Erklärung einer Midrasch-Ale- .gorie und .einer dunkeln mystischen Scharstelle zu seinem Thema hat. Das ist Alles, was zur Erbauung und .Belehrung für Große und Kleine gethan wird. Ich frage nun, ist es nicht ein herzzerreißender Jammer, daß die hiesigen jüdischen Vorsteher diesem Elend so ruhig zu sehen, und ruhig und müßig ihre Hände in den Schooß legen? Ist es nicht unverzeihlich, wenn dieselben auch nicht Einen Schritt thun, um diesem traurigen Zustande ein Ende zu machen? Aber nein, ich klage die Herren Vorsteher umsonst an, ich beschuldige sie mit Unrecht, .denn sie debattiren ja vielfach bei ihren Sitzungen über die Aufnahme .eines zeitgemäßen Rabbiners.; ja sie dedattiren nicht nur, sondern suchen in der Thal einen solchen, nur können 'sie -ihn nicht finden. Wunderlich ..genug, daß sie ihn nicht finden -.können, während Breslau, Dresden, Prag, Schwerin in Meklenburg rc. .ihn ja finden konnten! — Siebt es denn nicht Männer genug in Israel, die außer ihrer Befähigung zu geschlichen Entscheidungen auch die Bildung der Zeit in sich ausgenommen, deren Interessen und Anforderungen zu würdigen und zu vertreten wissen? Ist denn Israel schon gar so verwaist, daß sich nicht Einer finden sollte, der den hiesigen Juden als Rabbi und Prediger vorstehen könnte? Und sollte sich wirklich kein so kraft- und geistvoller Mann finden, der es verstände und vermöchte, ganz allein die hiesigen jüdischen religiösen Mißstande zu bessern, was steht denn dem im Wege, daß die sperren Vorsteher darauf dächten, zwei oder drei junge lebenskräftige Gelehrte, theils als Prediger theils Rabbmatsassessoren zu engagiren, damit diese durch erbauliche Predigten und belehrenden Religionsunterricht., wieder den Sinn für Religion und Zudenthum wecken? Der Kostenaufwand kann sie doch wahrlich nicht davon abschrecken und zurückhalten, da die .hiesigen Juden doch reich genug sind, und wo es das kostbarste Kleinod des Menschen., die Religion gilt, da sollte doch gewiß der Goldstaub kein Gewicht haben. — Hier kann ich nicht umhin gleichzeitig auf noch einen Uebetstand aufmerksam zu machen, der von den Herren Vorstehern bisher ganz übersehen worden ist. Diese klagen, wie vermerkt., über den Mangel eines tüchtigen Mannes zum hiesigen Rabbiner: zugegeben dem wäre .also, an wem liegt anders die Schuld, als an ihnen selbst? Was thun sie denn für die Ausbildung jüdischer Theologen? Haben sie noch je von den 4 oder 5 hiesigen der jüdischen Theologie Beflissenen Notiz genommen? Ist es ihnen auch nur einmal in den Sinn gekommen, diese jungen Leute zu ihrem künftigen Berufe auszumuntern oder gar darin zu unterstützen? Ware es nicht recht und billig gewesen, -eine Religionsschule hier anzulegen, und die hiesigen Rabb.inatskandidaten —- mit Ausnahme der oben markirten — darin als Lehrer des reinen göttlichen Wortes fungiren zu lassen? Und wäre es nicht vollends im Interesse der hiesigen Juden, wenn sie ihren angehenden Theologen Gelegenheit böten, öffentliche Predigten zu halten-, damit diese wahre Priester und Verkündiger des göttlichen Wortes werden? Waren doch in dieser Beziehung unsere Attvorderm viel klüger und praktischer; sie wollten Rabbiner in ihrem Geiste haben-, und unterstützten darum ihre sogenannten Bachurirn mit Rath und Thai, damit diese nicht, wie die heutigen jungen Theologen, darauf.angewiesen wären, durch Schriftstellern oder Stunden geben ihr Leben kümmerlich zu fristen, und dabei gar zu verhungern. — Zn dieser Hinsicht sollten die hiesigen'jüdischen Vorsteher nur dem Beispiele ihrer christlichen Mitbrüder folgen, und in Wahrheit, sie hätten genug gethan! Noch könnte ich darauf aufmerksam machen, wie hier einiges Unkraut .von .Bachurim wuchert, und die wenige Nahrung, welche eine fromme Stiftung den jüdischen Theologie.Studirenden bietet, wegftißt; .allein-der Gegenstand ist zu unbedeutend -und verdient keine nähere .Erörterung. Einen anderen.-, -viel wichtigem -Umstand 39*