Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 35 (29.8.1840)
- Article
- Zur Geschichte der Homiletik
- Date
- 1840-08-29
- Page
- 557 (sequence 2)
- Language
- German
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557 Zur Geschichte der Homiletik von I. A. Frankel. 558 Heften und ganzen Büchern aus der Presse hervorgegangen, und werden noch alljährlich gedruckt, daß wohl endlich die Zeit herangekommen ist, gewisse Regeln der Homiletik vorn jüdischen Standpunkte aus aufzustellen, gewisse Normen aus Musterpredigten abzuleilten, und in ein geordnetes Ganze zusammenzutragen. Denn wie grammatische Regeln oder eine Grammatik nur aus einer schon gebildeten Sprache zu deduciren sind, wie der Grammatiker die Eigenheiten der Sprache vom Gebrauche, gleichsam a posteriori herleiten, zusammenstellen und mit dem Verstände prüfen und ordnen muß: so können Regeln der Homiletik oder eine Homiletik nur aus den besten Predigten selbst gezogen worden, so soll der Homiletiker die am meisten gebräuchliche, dem Volke eigenthümliche und in ihm begründete Art und Weise, Predigten abzufassen, prüfen, ordnen und als Norm aufstellen. Wir dürfen also nicht die schon ausgebildete Homiletik anderer Religionsbekenner zum Fundamente legen, und auf diesem ein Gebäude nach unserer Art errichten; denn wo das Fundament dem Gebäude unähnlich ist, und mit ihm nicht in Harmonie steht, da wird das Gebäude Zusammenstürzen, das Fundament mit sich fortreißen und einen Schutthaufen, ein wildes Chaos bilden. Nur einzelne Materialien, die für jedes Gebäude tauglich, einzelne Regeln, die allgemein und auf jede öffentliche Rede anwendbar sind, die können mit Nutzen und Erfolg herbeigeholt und gebraucht werden. Hierbei aber sind die heidnisch-weltlichen Redner Demosthenes und Isokrates, Cicero und Quintilian nicht minder, wie die christlich-theologischen Redner Reinhold, Teller, Schleiermacher und Theremin zu Rath zu ziehen. — Demnach müßte der Homiletiker sein Augenmerk hauptsächlich richten 1) auf die besten Predigten der besten jüdischen Prediger /xmb 2) auf das dem jüdischen Volke Eigenthümliche und Charakteristische; dann erst könnte er Regeln aufstellen, Zusammentragen und zu einem, systematischen Ganzen verarbeiten. Allein hier tritt uns eine andere Schwierigkeit entgegen, fast geeignet den ganzen Plan zu einer Homiletik umzustoßen; denn wir haben bekanntlich unter unseren Theologen ganze und halbe Mystiker,, wie ganze und Halbe Rationalisten, ferner ganze und halbe Orthodoxen, wie ganze und halbe Hetrrodoxen. Da nun die Subjektivität eines jeden heraustritt, sich objectivirt in den Predigten, welche natürlich unserer gemachten Classification ebenfalls verfallen: so werden wir die Frage aufstellen müssen, welches sind denn die besten jüdischen Predigten? Unsere Antwort ist einstweilen: keine der fahn en trag enden Theologen! Dennoch denken wir durch diese Negation zu etwas Positivem zu gelangen. Man beachte, wie schon früher bemerkt, das dem Judenthume Charakteristische, das ihm allein Angehörige und Zukommende, das ihm allein Gebotene oder Verbotene, man richte ferner den Blick auf die jüdische Geschichte seit dreitausend Jahren, und merke auf die historische .Entwickelung der geistlichen Reden, man erwäge endlich, wie diese Vorträge in den letzten Jahrhunderten gehalten wurden, und wie unser Volk an dieser Art von Vorträgen mit Leib und Seele hängt x); dann werden die mystischen, wie die reinrationalen Predigten vor. dem Forum der jüdischen Homiletik schwinden, und die echtjüdischen, in neuer, anmuthiger Form eingekleideten und logisch entwickelten und abgefaßten Vorträge leicht zu erkennen sein, und als Norm und Muster dienen können. Den Mystikern rufen wir zu: wir brauchen nicht inaudital den Rationalisten: wir wollen nicht novaj Wir wollen das Alte, Herkömmliche und Jüdische, so weit es unserer Bildung und unserer Zeit nicht entgegensteht, nicht widerstrebt und zuwiderläust. I. T h e i h Geschichtliche Entwickelung des geistlichen Vortrages. Ueber Gegenstände, worüber unzählige, dickbäuchige, mit Notizen angefüllte Bücher geschrieben, darf man nicht einmal eben so viele Zeilen sagen, sondern viel wenigere, sagt Jean Paul in seiner Vorschule der Acsthetik. Wenn also Raum und Zeit, das absolute Mönarchenpaar der Literatenwelt, die größte Kürze uns vorzuschreiben unterlassen hätte; so wären wir schon aus dem angeführten Grunde gezwungen gewesen, mit wenigen Worten die ganze Sache abzumachen; jetzt aber kommen Raum und Zeit, beide im spärlichsten Maße uns geboten, noch hindernd hinzu, wir dürfen demnach um so weniger hier eine vollkommene'Geschichte des religiösen Vortrages im Iudenthume geben; sondern müssen nothwendig auf die m unserem Jahrhunderte erschienenen jüdischen, geschichtlichen Werke verweisen. Die nach der Tyeilung des Reichs lebenden Propheten, von denen einige, nach Übereinstimmung aller Kritiker, 800 Jahre vor der gew. Zeitrechnung blühten, waren ebenfalls Volks- -Führer oder- Verführerje nachdem sie Gutes oder Schlechtes, Wahres oder Falsches dem Volke lehrten. Die guten Propheten (denn von den schlechten und falschen kam nichts auf die Nachwelt, weil mit den Schlechten das Schlechte verschwindet, und weil das Falsche und Sündhafte keine wirkliche Existenz hat) sprechen zu der abtrünnigen Masse, zu dem sündhaften Haufen in Bildern, Gleichnissen und Allegorien. -) Sie geben ihren Worten eine schöne Form, um sich eine große Anzahl Zuhörer zu verschaffen, sie kleideten ihre Gedanken in ein anmuthiges Gewand, um das der Sünde bloßgestellte Herz mit dem göttlichen Geiste zu erwärmen; sie geißelten die rohe Menge mit dem scharfen Stächet der kräftigen Rede, um die 1) Wenn wir in dieser Arbeit die Predigten gewissermaßen nach Art der Deraschot abgefaßt wünschen, so widersprechen wir uns nicht mit dem im Lit.-Blatt des Orients S. 203 über Pleßner's Consirmations - Redm gefälltem Urtheile; WbCQ wj; cDhnv 2) Man erinnere sich nur der schönen Stelle Jes. 5,1—-8, wo Jerusalems Bewohner einem Weinberge verglichen werden, ferner der Stellen Jes. 21, 1—12. 40,1 ff. 49,15 ff. Ier. 18, 2—18. 31,15-23. Ezech. 17,1 ff. 34,2 ff. Hosea 2, 18—23. Joel 2,12 ff. Amos 3,1 ff. 8,11 ff. 4,1-6. 6, IffL Habak. 2, 1—9 u. s. w.