Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1840)
- Article
- Erfolgte Schritte zu Gunsten der in Damaskus Verfolgten
- Date
- 1840-08-29
- Page
- 272 (sequence 3)
- Language
- German
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272 mehr um sich, als einerseits diese Tragödie schon nicht mehr vereinzelt dastand, sondern auch an andern Orten zumal in Nhodus, ähnliche Vorgänge sich gezeigt und mit Fanatismus ausgebeutet worden waren, als andererseits diese'Sache der Humanität und Menschlichkeit von dem französischen Cabinette mit cynischer Gleichgültigkeit desavouirt und so oberflächlich behandelt worden war, daß Hr. Thiers in der Deputirtenkammer nicht allein mit vornehmer Geringschätzung über die Angelegenheit sich verlauten ließ, sondern auch genug gethan zu haben vorgab, wenn er einen jungen, unerfahrnen, dem Consul zu Damaskus untergeordneten Mann aus dem Consulatspersonale zu Alexandrien dorthin geschickt hatte, um das Benehmen des erster» in der unseligen Angelegenheit zu controlliren. Ja selbst die Antwort des Königs Louis Philipp, die derselbe dem Viceprasidenten Cremieux bei Gelegenheit der Anrede desselben zur Feier seines Namenstages ertheilte und die dahin lautete: daß der König die angezogenen Angelegenheiten gar nicht kenne, gern jedoch erbötig sei zu helfen, wie weit sein Arm reiche, war nicht geeignet große Hoffnungen aus das Cabinet der Tuillerieen zu setzen. Um so mehr geschah von anderer Seite. Lauter und immer lauter schrie das englische Unterhaus für die Israeliten um Hilfe. Die niederländische Negierung ertheilte ihren Gesandten und Consuln zu Konstantinopel und Alexandrien Befehle, den Fanatismus im Orient zu steuern; der österreichische Consul zu Damaskus und der zu Alexandrien wirkten kräftig fort. Selbst die Negierung des Großherrn zu Konstantinopel fühlte sich gemäßigt, die Sache in Betracht zu ziehen, obgleich die Berathung von wenig Erfolg war, und Mehmed Ali mußte schon aus Politik auf alle mögliche Weise zu erkennen geben, daß es ihm um Gerechtigkeit zu thun sei, vorzüglich als der österreichische Generalconsul den Vorschlag that, den schwebenden Proceß, der nun wenigstens den Charakter der Marterverloren hatte, den Händen der türkischen Justiz zu entnehmen, und ihn einer Commission aus vier europäischen Consuln zu übergeben, welchen vier deutsche Criminalisten zur Herausstellung des Factums beigegeben werden sollten. Jetzt beschränkte sich die Teilnahme nicht mehr auf die israelitische Bevölkerung der verschiedenen Länder, sondern rein christliche Corporationen traten sogar für die unglücklichen Juden auf und dies um so mehr, als man den syrischen Christen den Vorwurf machen konnte, daß sie weit fanatischer gesinnt seien als die Türken, und da sie sich bei dieser Angelegenheit weit mehr betheiligt glaubten, als die Muselmänner. Wirklich lagen sie auch bcm französischen Consul jederzeit in den Ohren, ihre Sache gegen den allgemeinen Strom zu Ende zu führen, und was man von ihnen fürchtete, leuchtet daraus hervor, daß Mehemed Ali 800 Mann Truppen nach Damaskus sandte, um nöthigen Falls die Ruhe unter den dortigen Christen aufrecht zu erhalten. Zuerst unter den Christen als Corporation ergriff die im Orient befindliche Mission der Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden das Panier für letztere und höchst beachtenswert!) ist, was deshalb ein Herr Georg Wildon Pieritz im Jour-' nal de Smyrne berichtet: „In Jerusalem, wo ich mich als Commiffar der Gesellschaft rc. befand — heißt cs in dem Schreiben v. 16. Mai, — erhielt ich die Nachricht von den Vorfällen in Damaskus. Ich kann Ihnen nicht schildern, welchen Eindruck dieselbe auf die unwissende und abergläubische Bevölkerung dieses Landes machte. Die Wahrnehmung dieser Sachlage und Gemüthsverfaffung ergriff mich um so schmerzlicher, als ich überzeugt war, daß die bei dieser Gelegenheit gegen die Juden erhobene Beschuldigung auf falscher und absurder Voraussetzung beruhe; denn es ist durchaus ungegründet, daß die Juden bei irgend einem ihrer Religionsgcbräuche sich Christenblutes zu bedienen hätten. Obgleich ich jetzt ein Christ bin, so bin ich doch als Jude geboren und zum Rabbinen gebildet worden. Ich vermag es daher, aus Erfahrung darüber zu sprechen und muß hiermit die gegen die unglücklichen Schlachtopfer von Damaskus vorgebrachte Beschuldigung als ungerecht verwerfen. Bei der Mission, zu der ich gehöre, ward beschlossen, daß ich mich nach Damaskus begeben sollte, um daselbst, die Unterstützung der europäischen Consuln vorausgesetzt, nach meinem besten Wissen und Gewissen zu Gunsten der rabbinischen Gesetzgebung, die jeden Vlutverbrauch absolut verbietet, Zeugniß abzulegen, die Frage wegen des Mordes jedoch der weitern Entscheidung der mit Eifer betriebenen Untersuchung zu überlassen. Am 30. Marz kam ich in Damaskus an, das ich am 7. April wieder verlassen mußte, ohne meinen Zweck erreicht zu haben." — Nun berichtet der ehrliche Mann über die allbekannten Vorgänge und bestätigt uns leider auch, gleich Merlato, daß von Seiten einiger Consulate nicht das rechte und erforderliche zur Beilegung der Greuelfcenen geschehen sei. Doch that er für seinen Theil, was er nur thun konnte, er ließ sich durch den britischen General- Consul in Alexandrien dem Vicekönkge vorstellen, welchem er in Betreff der unseligen Angelegenheit eine Petition überreichte, die derselbe mit großer Aufmerksamkeit durchlas und worauf er versprach, den Proceß revidircn zu lassen. Von jetzt ab ward London recht eigentlich der Heerd der Humanitätsfrage und sogar Cremieux kam über den Kanal herüber, um hier, wo menschliches Wohl und Weh weit stärker zum Handeln trieb, wie in Frankreich, zu wirken und sich mit seinem Reisegefährten, Montesiore zu besprechen, der sich bereits bei seiner Königin beurlaubte und welchem ein königl. Dampsboot zur Uebersahrt nach Boulogne zur Verfügung gestellt ward. Dr. Löwe, derselbe von welchem die bekannten Briese aus dem Orient in der allgemeinen Judenzeitung 1839 herrühren, beschloß, die beiden Männer zu begleiten. Das erste was sie zu thun beschlossen, war, daß sie nach ihrer Ankunft im Oriente mehrere 1000 Pfd. als Prämien für diejenigen aussetzen wollten, welche zur Entdeckung der eigentlichen Mörder wesentlich beitrügen. Erhaben und feierlich aber klingen in unscrm Herzen zwei Schreiben wieder, die jetzt von den Rabbinen Herschel und Meldola an Montesiore gerichtet wurden, um den Mann, der sich zum Streiten für Israel rüstete, wo nöthkg, mit einer Waffe mehr auszurüsten und seinen moralischen Muth zu erhöhen. Sie sind wichtige Documente der sittlichen Kraft Israels und darum lassen wir sie hier folgen: Mein würdiger Freund! Bevor sie ihre wichtige und fromme Sendung antreten, möchte ich einige Worte an sie richten, die meine Amtspflicht mir abnöthigt und welche die .obwaltenden Umstände erheischen. Da es Ihnen natürlich durchaus bekannt ist, daß die Juden an dem schändlichen und blutigen Verbrechen, dessen man sie beschuldigt, keinen Theil haben können, so werden Sie leicht bei Ihrer zeitlichen Ehre und künftigen Seligkeit es verbürgen können, daß kein jüdischer Religionsgebrauch, der Menschenblut fordert, in Israel existirt oder je existkrt haben kann. (Fortsetzung folgt.) Verlag von C. L. Fritzfche. Druck von I. H. Nagel