Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1840)
- Article
- Tarnopol: Ereignisse
- Date
- 1840-08-22
- Page
- 261 (sequence 2)
- Language
- German
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261 einem Gefäße aufgefangen hatte. Obgleich die Grundlosigkeit dieser Klage einsehend, fand sich doch die Orts- Lehörde zu Tamow veranlaßt, den bezeichneten Diener um dem Gerüchte zu genügen einzuziehen. Als aber dieser Diener auch leiblich gezüchtigt wurde., damit er die verlangte vermeintliche Wahrheit eingestehen sollte, und als endlich auch eine reiche Zudenfrau eingezogen wurde, weil nach Aussage der Magd die That dort geschehen sein sollte, da erkannte erst die jüdische Gemeinde die Hilflosigkeit ihrer Stellung und bestrebte sich, in Lemberg beim Gubernium um strenge und schnelle Untersuchung anzuhalten. RapaPort, mit seinem Namensvetter Dr. Rapaport, und noch einige bedeutende große Männer suchten durch ihr Verwenden ein schnelleres Resultat herbeizuführen, so daß, Gott sei Dank, die Wahrheit siegte und die Urheber dieser Verlaumdung die strengste Züchtigung zu erwarten haben. Dieser Ausgang der Sache ist jetzt so eben erfolgt. Wenn nun aber schon das Auswandern Rapaport's nach Prag für uns ein Verlust ohne irgend einen Ersatz ist, so berührt ein Trauerruf über den Verlust eines andern bedeutsamen Mannes in Galizien uns so schmerzlich, daß wir in diesem Augenblicke unserem Schmerze keine Worte leihen können. Der gelehrte Nach man ha-Kohen Kroch mal aus Brody ist hier Freitag den 31. Juli unter geringen Leiden mit Tode abgegangen. Herr Kroch mal wurde in Brody den 7. Adar 1765 geboren, wo er auch die Grundlage zu seinen theologischen und philosophischen Studien gelegt und eine Zierde Galiziens und der beste Rathgeber der Heranwachsenden Jugend wurde, die er uneigennützig unterrichtete. In seinem 16. Jahre schon verband er sich nach der dortigen Sitte mit einer Lebensgefährtin aus Zolkiew, und die ununterbrochene Sorgenlosi'gkeit im Hause seines Schwiegervaters, wo er dreißig Jahre ohne Nahrungskummer verlebte, verschaffte ihm die Muße, sich den theologischen Forschungen, dann namentlich den philosophischen ganz hinzugeben. Er war der erste Galizier, der sich auch mit außerjüdischen Wiffenschaften beschäftigte, eine Schaar junger, strebsamer Männer um sich versammelte, um sie mit den raschen und jähen Fortschritten der germanischen Juden bekannt zu machen; seine Briefe, die von seinen Freunden fast mit zu großem Beifall ausgenommen wurden, findet man in der Sulamit, in der-Zesira und in dem Kerem Chemed abgedruckt, und die noch handschriftlichen Arbeiten über jüdische Religionsphilosophie sind wirklich höchst interessant. Eine körperliche Schwächlichkeit, ein beständiges Kränkeln erzeugte in ihm jene bei den Polen so höchst seltene Schüchternheit und Langsamkeit, daß er trotz der eindringlichsten Bitten seiner Jünger und Freunde sich nicht entschließen mochte, aus seinen zahlreichen Heften ein Ganzes zu bilden und dem Drucke zu übergeben. Vor einigen Jahren kam er hierher nach Tarnopol, um bei seiner Tochter und seinem Schwiegersöhne Dr. Hurwitz ruhig zu leben; hier be« gann er endlich an einem großen Werke, ähnlich dem More Nebuchim des Maimuni, zu arbeiten, oder er vereinigte vielmehr unter diesem Titel die weitschichtigsten Forschungen, die er durch sein ganzes Leben durchdacht und theilweise niedergeschrieben, als der Tod ihn mitten in seinen Arbeiten überraschte. Der größte fertige Theil dieses Werkes wird nach dem ausdrücklichen Wunsche des Verblichenen bald durch den Druck erscheinen. Tarnopol gleicht seit einiger Zeit einem durch Sturme des Herbstes entblätterten Baume, obgleich der milde Frühling erst im Anzuge zu sein schien; Josef Perl entführte uns der Tod, Herrn Rapaport zog deutsche Wissenschaftlichkeit weit von seinen fcühern Freunden in die Ferne, und den edeln Kco chmal raffte endlich auch der Todcsbote fort; all die Gedanken von einem Mittelpunkte galizischer Bildung der Juden, daß Tarnopol berufen zu sein schien, der Brennpunkt der jüdischen Wissenschaft in Galizien und der Aufklärung zu werden, um dereinst vielleicht wieder die milden Strahlen der Aufklärung durch ganz Galizien zu entsenden, alles dieses war nur ein phantastischer Traum, den eine wetternde Mitternacht verscheuchte. Erlauben Sie, daß ich von dieser Trauernachricht zu einer andern Mittheilung übergehe. Der sel. Josef Perl hinterließ eine treffliche mannigfaltige Bibliothek von circa 4000 Banden, worunter die kostbarsten und seltensten Werke sich finden; diese ausgezeichnete Bibliothek vermachte er der Schule, die er mit so vielen Aufopferungen und Mühen begründet hatte, und wahrlich, diese nun zum allgemeinen Gebrauch offene Sammlung ist eine bedeutende Erleichterung für viele unbemittelte Privatgelehrte, denen die Mittel zur eigenen Anschaffung nicht gegeben sind. Der Schulvorstand läßt hierdurch die ergebene Bitte an die jüdischen Schriftsteller ergehen, von ihren Werken hierher gefälligst durch die Wild'sche Buchhandlung in Lemberg je ein Exemplar senden zu wollen. — So eben habe ich das Manuskript zu dem fünften Bande des Kerem Chemed nach Prag an Hrn. Landau geschickt, der den Druck dieses Jahrbuches sehr beschleunigen wird; ich hoffe, daß er sich derselben Theilnahme als die frühem Jahrgänge erfreuen wird. Dieser Band wird 18 Briefe oder Abhandlungen enthalten: 1) Ueber eine alte dem Ibrahim Maimuni (Sohn des Maimonides) vindicirte Handschrift; über ihre Beschaffenheit und Abfassungszeit; ferner über die Eigentümlichkeit derjenigen jüdischen Gelehrten, die gegen Maimuni's More und Sefer Ha-M adda geschrieben, von Rapaport. 2) Eine Copie dieser Handschrift, von Luzzatto mitgetheilt, mit Anmerkungen unter dem Texte von Rapaport. 3) Noch einige Conjekturen überden Schreiber, von demselben. 4) Auslassungen in dem Psalter-Eommentar von Kim chi; 123 lexicalische Bemerkungen aus dem handschriftlichen Wurzelbuche Jb n-