Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1840)
- Article
- Historisch-statischer Bericht über die Juden in Franken ...
- Date
- 1840-08-15
- Page
- 256 (sequence 5)
- Language
- German
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256 die betreffenden Gemeinden unterhalten. Den Gemeinden steht auch das Besetzungsrecht der Schulstellen zu, jedoch spricht bei den Elementarschulen der Staat in sofern ein, als er von drei vorgeschlagenen Bewerbern die Wahl und Bestätigung des zu Creirenden sich Vorbehalten hat. Man muß es bekennen, daß in diesen Schulen, in dem Leben und Streben ihrer Lehrer, ein Geist weht, der mit vielen Hoffnungen erfüllt, für manches andere reich entschädigt. Die meisten dieser Lehrer huldigen dem Fortschritte und auf der Kreissynode des Jahres 1836 waren es gerade die Lehrer zumeist, welche viele jähe und auf dem Men hocken bleibende Rabbinen zu Corrcessionen zwangen und den Forderungen der Zeit nachzugeben nhthigten. Die meisten unter ihnen genießen des vollen Vertrauens ihrer Gemeinden und versöhnen durch ihr Wirken mit dem durch die Wirren und Streitigkeiten im Rabbinatswesen verletzten Gefühle. Ein unerquickliches Feld der Betrachtung, diese Rabbinatsangelegenheiten Baierns! Ein Feld, auf welchem wir der Jntrigue, den Umtrieben aller Art, dem Parteikampfe zwischen den Männern nach Vorwärts und denen nach Rückwärts, den mannichfachsten und widersprechendsten Regierungsbeschlüffen begegnen und verderblich auf ein Institut einwirken sehen, das die Seele des organischen Körpers der Israeliten sein soll. Hier begegnen wir der Jntrigue und den Machinationen ' aller Art, die strafbarste Simonie nicht ausgeschlossen, um bei Besetzung erledigter Rabbinate einen Mann einzuschmuggeln, welcher den jeweiligen in der Gemeinde gerade überwiegenden Prinzipien huldigt. Denn wir müssen uns hier und dort die Gemeinden oft noch recht gemischt denken, zumal wenn wir erwägen, daß der geordnete Unterricht, die Heranbildung der Gemeinde nicht viel über ein Decennium alt ist. Dort sehen wir zur Betrübniß aller derer, die es mit der Erziehung des Volkes und der Religion treu meinen, die Wiederbesetzung erledigter Rabbinate oft Jahre lang ausgesetzt, andererseits sogar die Regierung besorglich werden über die sich heranbildenden, reformatorischen Geist, der unter der Bekämpfung von Seiten der Alten und am Alten hangenden, als destructives Prinzip verdächtigt und durch einschränkende Gesetze und halbe Maßregeln medergehalten wird. Bis zum Jahre 1836 konnte auch hier die Hoffnung ohne beigemischte Besorgniß in der Brust jedes nach Vorwärts strebenden JsraelitenRaum gewinnen. Ja das Jahr 1836 versprach recht eigentlich der Anfangspunkt einer neuen Aera zu werden. Hier war es, wo sämmtliche Rabbinen nebst den Lehrern an Synagogen und Schulen in eine Kreissynode zusammentraten, sich über das Wohl und Weh ihrer Gemeinden, über die nothwendigen Reformen in Cultus und Leben zu berathen. Recht erfreuliche Resultate wurden erzielt. Die Schulmänner, wie schon erinnert, bildeten den Mittelpunkt der Reformer, selbst die alten, im Rabbinismus ergrauten und erstarrten Rabbinen gaben zu, oder wurden überstimmt. Selbst der Deputirte Fürth's, wo doch das neue Leben nur kärglich sich zugestalten vermocht hatte, stimmte für Reform des Cultus, und wenn nichts weiteres erzielt worden wäre, so war schon die neue Synagogenordnung, welche zu Stande kam, und die im vorigen Jahre die Allerhöchste Bestätigung, ja Gebietung erhielt, des Segens genug. Daneben hatte dieses Zusammentreten den wohltätigsten Einfluß auf Belebung der collegialischen Interessen. Der gesammte Kreis blieb fortan gleichsam im Rapport mit einander, und auch der Altaeschulte bemühte sich, nicht ganz hinter seiner Zeit zurück zu bleiben, während diese Regsamkeit für die jeweiligen Rabbinatscandidaten ein Antrieb ward, sich größtmöglichst heraus zu bilden. Die erledigten Rabbinate wurden in jener eifrigen Zeit kurz nach 1836 zumeist mit sehr tüchtigen Männern besetzt. Doch die unseligen Zerwürfnisse blieben nicht aus, sie entspannen sich in dem Schooße der Gemeinden, in denen sich unter dem Bildungsprocesse der Zeit verschiedene Elemente gestalteten. Die junge Welt schritt in Bildung und Forderungen immer weiter vorwärts, während die Alten nur um so schroffer und starrer zurücktraten. Die neue Synagogen-Ordnung ward unter andern der Zankapfel, den starren Formgläubigen ein Stein des Anstoßes, weil sie in ihr Gebete ausgeschlossen fanden, die sich auf die gute alte Zeit der Verfolgungen u. s. w. zurückdadirten, weil sie jetzt einem regelmäßigen Chorgesange sich unterwerfen sollten u. f. w. Es war zuförderst der Rabbine zu Schwabach, Abraham Wechsler, der gegen die neue Synagogen - Ordnung Oel ins Feuer goß, gegen deren Einführung protestirte, obwohl er auf der Kreissynode nicht dagegen gesprochen hatte, und an alle jüdische Cultgemeinden im Lande umhcrschrieb, um sie gegen die Einführung der erwähnten Ordnung einzunehmen. (Schluß foglt.) Persorralchromk und Miscellen. Am 4Z- Juni bt I. (22. des Siwan 5600) fand zu Warschau die feierliche Grundsteinlegung einer Synagoge für die Gemeinde des Stadtviertels vor dem eisernen Thore unter erhebender Feierlichkeit statt. — Der projectirte Neubau der Synagoge der deutschen Gemeinde daselbst steht noch immer blos auf dem Papier. Der Consistorialrath Neander (früher Jude), von einer berliner Buchhandlung aufgefordert, über die Blutangelegenheit in Damaskus sein Votum abzugeben, hat dies in einem Schreiben abgelehnt, welches erklärt, für das intellkgenre Deutschland sei eine Refutation der Anschuldigung nicht nöthig, aber bis in den Orient dringe seine Stimme nicht. —- Sollte es von Berlin weiter nach Syrien sein als von Paris und von Wien aus? Sancta simplicitas! In Wandsbeck bei Hamburg ward am 3. Juli die neugebaute Synagoge eingeweiht, Bekanntlich hat Hr. Isaak Hartwig aus Hamburg dieses Gotteshaus aus eignen Mitteln erbauen lassen und mit Recht führt es darum seinen Namen. Der Mann ist überhaupt ein großer Wohlthater, Altona verdankt ihm sein neues Gebäude für die Talmud-Schule und manche Gemeinde der Umgegend weiß von seiner Mildthätigkeit zu sagen. Für Gotteshäuser wird mehr gesorgt als für Gottesdienst, für die Schale mehr als für den Kern. Den russischen Juden ist durch Senatsukas vom | Juni verboten worden, die Einkünfte herrschaftlicher Güter, oder die von den Bauern zu leistenden Abgaben in Pacht oder Arrende zu nehmen. — Jedes Nebel hat auch sein Gutes! Somit giebt es eine Verlockung zur Wucherei und Betrügerei weniger! Wenn nur aber auch den armen Israeliten andere Nahrungsquellen eröffnet würden!! Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.