Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1840)
- Article
- Historisch-statischer Bericht über die Juden in Franken ...
- Date
- 1840-08-15
- Page
- 253 (sequence 2)
- Language
- German
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253 Baiern später hinzugekommenen Provinzen, zumal in Franken lebt. In Altbalern, dem ehemaligen Herzogthume, spätem Kurfürstenthume, sind wirklich auffallend wenige Juden zu Hause, wir zählen in Oberbaiern nur die Gemeinde zu München, in Niederbaiern sogar nur einzelne Familien und in der Oberpfalz treffen wir blos zu Regensburg, Sulzbach, Sulzbürg und Floß auf israelitische Gemeinden. Es ist, namentlich bei Gelegenheit der Volkszählung in Preußen, die -Bemerkung gemacht worden, daß dort die Mehrzahl der Juden in katholischen Landesantheilen wohnhaft sei, und daraus mit Ueberblick der europäischen Bevölkerung der etwas voreilige Schluß gezogen worden, daß die Juden überhaupt sich lieber in katholischen als protestantischen Landern angesiedelt zu haben schienen. Dieser Behauptung könnte unser Franken das directe Gegentheil Vorhalten, wenn sie nicht durch anderweitige Gründe schon in sich selbst zerfiele. Das protestantische Franken ist es hier, was den größten Theil der oben angegebenen 55,000 Israeliten beherbergt. Mit dieser Bemerkung wollen wir jedoch nicht etwa eine der obigen entgegengesetzte Ansicht aussprechen, vielmehr beruht, nach unserm Dafürhalten, das Schicksal der jüdisch-europäischen Bevölkerung auf ganz andern historischen Grundlagen und ist in der speciellen Entwicklung jedes Volkes und Stammes zu suchen, so daß sich keine allgemeine Regel feststellen laßt; und wenn einesteils der junge Protestantismus seiner Stellung und des Kampfes um sie willen höchst argwöhnisch war, wie wir aus den kryptocalvinistischen Streitigkeiten und den pietistischen Unruhen in seinem eignen Schooße wissen, so vergaß doch auch andererseits der Katholicismus nicht selten des Gebotes der Liebe, ja grade das Princip der alleinigen wahren Kirche regte gar oft den Fanatismus auf und Intoleranz wie Toleranz war von jeher bei Katholiken und Protestanten zu finden. Warum daher in Altbaiern das Iudenthum sich so wenig anzusiedeln vermochte, während es in Franken in großer Masse sich gestaltete, ist eine Frage, die sich nicht durch das religiöse Bekenntniß der Christen an sich beantworten laßt, so wenig wie an andern Orten und in andern Ländern, obwohl die Art und Weise, wie dieses Bekenntniß sich hier und dort verlebte, dazu beigetragen hat, hier die Israeliten zu begünstigen, dort zu entfernen. Doch diese Untersuchung soll vielleicht ein andermal Platz ergreifen, hier interessirt uns nur das Factum, daß Franken der von den Juden am meisten bevölkerte Antheil der baierschen Monarchie ist. Schon aus diesem einfachen Grunde muß uns diese Provinz vorzüglich leiten, wenn wir einen Blick auf das Leben der baierschen Israeliten werfen wollen, und sie ist es fast ausschließlich, in welcher wir Geschichte und Zusammenhang erblicken, denn außer dieser Provinz finden wir fast nur zerstreute jüdische Gemeinden, die früher unter dem Schutze oder Drucke verschiedener Fürsten und Herrn lebend, durch das Schicksal der napoleonischen Kriege im Jahre 1806 an die baiersche Krone kamen. Fast aus einem ähnlichen Grunde tritt auch die Provinz Mittelfranken unter den 3 Theilen Frankens tonangebend in den Vordergrund, und wird wenigstens stillschweigend unser hauptsächlichstes Augenmerk beanspruchen. Obgleich die damaligen und folgenden Jahre des Krieges, der Deutschland aussog, nicht eben günstig für die Gestaltung und Ausbildung des jüdischen Gemekndelebens waren, so war es doch schon ein großes Glück, in bedeutender Masse von nun an einem Scepter unterworfen zu sein, und noch dazu einem Scepter, das der damalige Wcltherrscher so sichtbarlich begünstigte, auf das seine Gesetzgebung so vielfach influirte. Indessen von großem Erfolge war dieser Einfluß denn doch nicht, die mittelalterlichen, barbarischen Institutionen blieben zum großen Theile in voller Geltung, ja es wirkte das unselige Dekret Napoleons vom 17. März 1808 auch auf diese Provinz zurück, vermöge welches der nur seinen Selbstzwecken huldigende Kaiser die französischen Israeliten vorläufig auf 10 Jahre der Gesetzesgleichheit entzog, und dies Gesetz galt auf unbestimmte Zeit in Baiern auch noch fort, als Frankreich nach Rückkunft der Bourbonen die für die jüdische Handelswelt besonders erschwerenden Bestimmungen aufhob. Solche Dinge aber, die wir als bekannt voraussetzen dürfen, treten der moralischen Entwicklung höchst hinderlich in den Weg. — Erst mit dem verhängnißvollem Jahre 1813, in welchem so manche deutsche Brust hoffnungsreich auszuathmcn begann, Hub auch für die baierschen Israeliten das Morgenroth einer neuen Aera an. Unter dem 10. Juni des erwähnten Jahres nämlich erschien ganz unerwartet das die Angelegenheiten der baierschen Jsraelieen ordnende Iud en reglem ent. Hier kommt nun wenigstens Gewißheit, Sicherheit, Ordnung in ihre Stellung. Sie erhalten Zutritt zu den meisten bürgerlichen Gewerben (in Unterfranken erst 1817); man dringt sogar darauf, durch Künste und Handwerke, durch den Betrieb des Ackerbaues u. s. w. ihr Leben zu ordnen. Dem Cultus wird Freiheit des Glaubens gesichert. Die Intelligenz und Moralität beabsichtigt ein, obwohl noch sehr im Allgemeinen gehaltenes Schulreglement zu haben. Jeder Gemeinde, die aus 50 Familien besteht, wird nachgelassen, in ein kirchliches Gemeindewesen zusammenzutreten, eine Synagoge zu bauen, einen Rabbinen anzustellen, eine eigene Schule einzurichten, so bald sie vorschriftmaßig gebildete und geprüfte Schullehrer anzustellen und zu unterhalten vermag. Im Falle aber des Unvermögens, diese Forderung zu befriedigen, wird den Israeliten wenigstens zur Pflicht gemacht, ihre Kinder in christliche Volksschulen zu senden. Von den anzustellenden Rabbinen wird gefordert, daß sie der deutschen Sprache mächtig und wissenschaftlich gebildet sein sollen. Leider hat diese Letztere Bestimmung gerade in Baiern im Vereine mit spatern Ministerialverfügungen, Zusätzen und Abänderungen, vielfache Streitigkeiten veranlaßt und zu den unseligen Rabbinatswirren der neuen Zeit die Hand geboten. — So viel auch jenes Edikt noch zu wünschen übrig ließ, so muß man doch zugeben, daß es für die damalige Zeit schon ein großer Act des Fortschrittes war, und daß dasselbe den Anfangspunkt in der Kulturgeschichte der Israeliten Baierns bildet. Daß dieser Akt der Gerechtigkeit, wodurch das 19. Jahrhundert wieder gut zu machen bemüht ist, was frühere Jahrhunderte an den Juden verschuldeten, noch nicht seine vollen Früchte tragt, daß sich das geistige Leben der Israeliten Baierns durchaus noch nicht zu der erheben will, die man von dort ab erwartete, daß wir noch in neuester Zeit die Auswanderungslust von zahlreichen jüdischen Familien nach dem freien Amerika so vorherrschend erblicken, das bewirkt, unsers Bedünkens, außer der sehr natürlichen Unstätigkeit, die in Entwicklungsperioden jedesmal Vorkommen muß, das hier und dort durchblickende Schwankende einzelner Bestimmungen, die Halbheit und das sich oft widersprechende von genommenen Maßregeln und anfänglich wie endlich die noch immer stattsindende Beschränkung des Handels, der Gewerbe und der Ansassigmachung feit dem oben erwähnten Edict vom 10. Juni 1813. Man betrachte § 12 jenes unseligen Edictes: „die Zahl der Iudenfamilien an den Orten, wo sie dermal bestehen, darf in der Regel nicht vermehrt werden, sie soll vielmehr nach und nach vermindert werden, wenn sie zu groß ist." Man hatte sie zusammen mit den übrigen Bestimmungen, gemäß welcher