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Der Orient · 1840-07-25 · Heft 30 (25.7.1840) · p. 232

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 30 (25.7.1840)
Article
Historische Entwickelung der jüdischen Bevölkerung und deren Ausbildung in Pommern
Date
1840-07-25
Page
232 (sequence 3)
Language
German
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232 in der Synagoge und in Betreff ceremonieller und ritueller Angelegenheiten sich äußern konnten, hätten schnell schwinden müssen, wenn nicht die Schächter oder Rabbi, gewöhnlich ganz unwissende, verderbte Menschen Q'lWü'ß C^JJTO Hin D^Djy aus Mangel an Thätigkeit und Beschäftigung das Feuer geschürt und immer mehr Zank und Streit angefacht hätten. Hier wollte man den Westpreußen nicht den Zutritt zur Synagoge, dem Gotteshause aller Völker (1 Kön. 8, 41), dort nicht den Gebrauch der Mikwe gewahren, hier wurde den christlichen Schlachtern untersagt, an die Westpreußen Kaschar-Fleisch zu -verkaufen, dort dem Schächter verboten, bei dieser irgend Etwas zu schlachten. Es entstanden Prozesse aus Prozessen, und nirgends wollte und durste ein Richter, unbekannt mit dem jüdischkirchlichen Recht, einschreiten und die Verwirrungen lösen. Nur die Zeit als beste Nichterin konnte den Wirren ein Ende machen, und es mußten fast drei Decennien, ein ganzes Menschenalter, vorübergehen, bevor die beiden Parteien, durch Aussterben der altern Schutzjuden und der Eingewanderten, wie durch gegenseitiges Verheirachen des jungem Geschlechts, in Eine bestehende Gemeinde sich vereinigen konnten. — Vergleichen wir nun, in Betreff der Juden, Pommern mit dm andern preußischen Provinzen, so zeigt sich hier etwas Charakteristisches, das in dieser Provinz selbst, in deren Lage, Boden und christlicher Bevölkerung zu suchen ist. Der Ostsee nahe gelegen, ist der Handel in Pommern, bei der jetzigen größeren jüdischen Bevölkerung, schon mehr nach dem Auslande gerichtet, wie z. B. von Stettin, Colberg, Rügenwalde 2c., Viele nach Hamburg, Kopenhagen und London Geschäfte machen, und machen müssen, da es ihnen in den meist kleinen Städten wohl schwer fallen dürfte zu einem Vermögen zu gelangen. Durch diesen Handel nach Außen entsteht in ihnen allerdings ein größerer, mercamilischer Speculationsgeisi; aber desto schwacher wird ihre Theilnahme an Kunst und Wissenschaft, desto geringer ihr Interesse für Judenthum und für jüdische Religion - das Reale ist ihnen Alles, die Idee, das Ideale Nichts. Ferner führt der fruchtbare Boden einen großen Theil zum Ackerbau, so daß selbst die reichsten Kaufleute Ländereien besitzen und bebauen; sie (egen mit Recht einen Werth darauf, viel vom Ackerbau zu verstehen, und mit demselben sich zu beschäftigen. Endlich ist's die .christliche Bevölkerung, ohne besondere Bildung, einfältig, aber bieder und treu, welche, indem sie den Juden zwar verbauert, aber auch bieder und redlich, besonders aber gastfreundfchaftlich macht, den biesi'gen jüdischen Bewohnern einen eigen- (hümlichen Charakter aufdrückt. Diese Momente üben zugleich einen Einfluß auf das religiöse Leben der Juden aus, sie sind meist orthodox, halten fest an das Alte und Herkömmliche, ohne sich von irgend einem heiligen Gebrauche Rechenschaft zu geben oder geben zu können; sie nehmen den durchreisenden, gewöhnlich polnischen Juden mit großer Gastfreundschaft auf, schätzen ihn besonders, wenn er ein Talmudist ist, oder nur als solcher reist, und lassen sich oft von dem Einen oder Andern bethören, er sei ein Jerufchalmi. — (Schl, f.) Personalchromk und Miseellen. Gegen Ende Juni wollte die jüdische Gemeinde in Berlin, wie es sich ziemt, eine Deputation an Se. Maj. den König Friedrich Wilhelm IV, absenden, oder hatte eigentlich absenden sollen; allein zum Leidwesen der Gemeinde mußte es beim Wollen und Sollen bleiben, da in Ermangelung der Deputirten die Deputation unmöglich war. Zuerst wollte man den Rabbinen der Berliner großen und intelligenten Gemeinde wählen, als man aber zufällig merkte, daß man gar keinen Rabbinen hat, wollte man wenigstens den für diese große Gemeinde angestellten Prediger dazu bestimmen, was aber leider wieder aufgegeben werden mußte. Denn man fand endlich auch, daß die sieben Tausend Seelen starke Gemeinde Berlins nicht einen einzigen Prediger angestellt hat. Wie ich höre, hat sich die Intelligenz der Gemeinde bei der Repräsentation so eben blos tu dem Reichthum verkörpert. — Am 7. Juli Morgens reiste Sir Moses Montefiore im Aufträge des schon erwähnten Vereins nach Damaskus. Dr. Löwe aus Schlesien, sein Hauslehrer, der ihn schon einmal nach Palästina begleitet hat, geht mit ihm auch dahin; wir werden jedenfalls interessante Mttheilungen erhalten. Bis jetzt war jede Untersuchung in der Damaskusangelegenheit aus Mangel an beglaubigten Facten fruchtlos. — Am 16. und 17. Juni fanden in Franks. a.M. die Wahlen der 9 Ergänzungsmänner des Gemeinde-Ausschusses statt, bei welcher Gelegenheit die Orthodoxen und die sog. Modernen um die Oberhand kämpften. Da der Kampf nur ein äußerer ist, da bei beiden die Bildung nur in Jndifferentismus und Charakterlosigkeit besteht, daß man Jotam's Ausspruch (Jud.9,20) auf die Parteien anwenden könnte, so ist selbst für die Gemeinde der Sieg der Modernen gleichgültig. Die Orthodoxen haben nach dem Bessern keine Sehnsucht mehr, die Modernen haben nie eine solche gehabt; die Erstern lassen das Judenthum gern so hinschleichen, wie es schleicht, nach ihrem Ausdrucke njn>, und sind also ein Nichts, die Letztern ärgern sich, daß es noch schleicht, und sind also noch, weniger als ein Garnichcs. — Den 14, März hat die k. sächsi- Kreisdirection in Dresden an die Stadtpolizeideputation den Beschluß zugeschickt, daß künftig jüdische Handelsreisende, wenn sie nur Proben führen, oder nur Ankäufe machen, sich etwas langer in Sachsen aufhalten dürfen. Welche Riesenschritte der Humanität! Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von % H. Nagel.

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