Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1840)
- Article
- Historische Entwickelung der jüdischen Bevölkerung und deren Ausbildung in Pommern
- Date
- 1840-07-25
- Page
- 231 (sequence 2)
- Language
- German
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231 Unberufene wagten es, auch unsere Journale mit Beschreibungen über Juden und jüdische Angelegenheiten in Pommern zu bereichern. Ob unsere Journale, die Tragerder Zeitgeschichte, durch ein solches zu allgemeines oder zu beschranktes Urtheilen bereichert worden sind, kann ein spateres Geschlecht bei der Darstellung unserer Zeitgeschichte am besten bemtheilen. Ich kann hier nur den Wunsch aussprechen, daß unsere Herren Redakteurs, wenn ein Funken Wahrheit in ihrem Herzen glimmt, bei der Ausnahme solcher Correspondenzen vorsichtig zu Werke gehen, und einen gewissen stoischen Charakter, wie Horaz in seinem nihiL ariiuirari und schon Pythagoras (stehe Plutarch: tzsq\ tov kkovslv) in dem ov ftavpecfctv, annehmen mögen, welcher eigentliche Stoicismus zugleich jenem noch größere und den Redakteuren anhangendem Nebel steuern würde, daß sie nämlich aus Freundschaft oder Zuneigung Lobhudeleien für den Einen und aus Haß oder persönlicher Abneigung Schmähungen und Beschimpfungen gegen den Bindern nicht so offenkundig, zur Schau stellten. Der gebildete Leser hat auch ein gewisses Urtheilsvermögen und Uctheil selbst, er weiß Schlacken von Gold zu unterscheiden, und steht nur mit Verachtung auf ein öffentliches Organ herab, das mit falschen Berichten, ungründlichen Recensionen, gewöhnlichen Lobeserhebungen und gemeinen Katzbalgereien angefüllt, weder etwas Wissenschaftliches, noch etwas politisch Richtiges und Wahres dem Publikum darbietet. Ich, ein Freund der Wahrheit und ein Feind solcher Berichterstattungen, entschloß mich nur auf besondere Veranlassung etwas Näheres über Pommerns jüdische Bewohner nützutheilen, welche Mittheilung also weder ganz allgemein noch auf einzelne Städte ganz beschränkt werden darf; sondern, nach dem daraus herzuleitenden Principe, das juste milieu bildend, eine geschichtliche Entwickelung der Zustande geben soll. Als noch Preußens jüdische Bewohner, von den bürgerlichen Rechten ausgeschlossen, unter dem Namen Schutzjuden in offenen Städten, nicht aber in Festungen wohnen durften, war die Zahl der Juden in Pommern so gering, daß sie selten durch sich allein ein gemein.- schaftliches Gebet (pM;, wozu doch zehn erwachsene Männer gehören, hätten verrichten können. Handel war ihr einziger Erwerb, und mußte es sein; denn das Ankäufen von Gütern, Ländereien, selbst von Häusern war ihnen eben so wenig wie das Betreiben irgend eines Gewerbes gestattet. Der Handel war nicht nach Außen gerichtet, sondern beschränkte sich bei der kleinen Anzahl von Kaufleuten, also bei der geringen Concurrenz, auf die jedesmalige Stadt, und dennoch waren die Juden nicht nur frei von Nahrungssorgen, sondern wurden auch wohlhabend, mitunter selbst reich. Später fanden sich viele von den angrenzenden Westpreußen, das mit jüdischen Handelsleuten überfüllt war, hier heimlich ein, kauften ihre Waaren von den dort wohnenden Juden, wurden von diesen deshalb geschützt, und lebten unter dem Schutze der Schutzjuden als Schützlinge der Geschützten. Das Jahr 1812, welches, reicher an Ereignissen, eingreifender in die Weltgeschichte, als manches Jahrhundert, das deutsche Volk zu Deutschen erhob, tödtete manche Mißgeburt der mittelalterlichen Zeit, löschte den Schutz von den Juden in Hinsicht des Wortes und der That, und gewahrte ihnen, den gewordenen Staatsbürgern gewisse Freiheiten und Rechte. Das war das große Werk Friedrich Wilhelm UL, unseres höchstseligen Königs! Doch da dies Staatsbürgerrecht auch den Bewohnern Westpreußens zu Theil ward, so benutzten viele, die früher nur heimlich und verborgen,> abhängig von der Gunst und dm Launen der Schutzjuden, in Pommern verweilen konnten, diese ihnen gestattete Freiheit, selbst in dessen. Städten sich ansässiig zu machen. Sie, die frühem Schützlinge und gleichsam Clienten, wurden zum Theil freie Bürger und sogar Concurrenten der schon langst dort wohnenden Schutzjuden, deren Schutz in der allgemeiner gewordenen Freiheit sich auflöste und annullirte. Dies gab natürlich zu Reibungen Anlaß; denn welcher Kaufmann hat sein Interesse nicht im Auge? welcher Mensch giebt gern die ihm gewährten Rechte auf, und gönnt seinem Nedenmenschrn Dortheile, die seinen eigenen Nachtheil unwillkürlich nach sich ziehen? Haben doch in der neuesten Zeit Gelehrte sogar öffentlich auf Freiheit gedrungen d. h. für sich, und gegen die Emancipation der Juden d. h. gegen ihre Nebenmenschen gesprochen! Wenn denkende Gelehrte einer solchen Jnconsequenz sich schuldig machen, so muß sie beschrankten Kaufleuten, geboren und erzogen im Materialismus, gewiß verziehen werden. Dennoch konnten diese Eingeborenen, trotz aller Ankämpfungen, das Ansiedeln der Fremden nicht verhindern, und indem sie ihre früheren Clienten als ihnen Gleichgestellte und Ebenbürtige neben sich sehen mußten, verwandelte sich ihr sonstiges Beschützen und Beschirmen der Untergebenen in einen Haß gegen die gleich freien Brüder. Ein solcher Haß, der natürlich zu offener Zwietracht sich gestaltete und die kleinste Gemeinde in zwei Parteien theilte, zeigte sich fast in allen Städten Pommerns. — Charakterisiren wir diese beiden Parteien nach ihren Individualitäten, so erscheinen beide gleich unwiffend und ungebildet, und hatten die Westpreußen, geboren und erzogen in großem Gemeinden, den Vorzug, das Judenthum in seiner äußerlichen Erscheinung, in seiner Ritual- und Ceremonial-Gesetzen besser zu. kennen, so waren die eigentlichen Pommern, gewöhnt an einem bessern, feinem Umgang, moderner und polirter .in ihrem Thun und Lassen, gefälliger und geschmeidiger in ihrem ganzen Benehmen; sie hatten sich in den kleinen Städten den dort üblichen hon ton gleichsam angeeignet, und wußten in einer größern Harmonie mit den Christen zu Leben. Selbst Haß, Brodneid und Zwietracht, die nur