Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1840)
- Article
- Breslau: Friedenthal, Günsburg, Francolm, die lit. Notabilitäten
- Date
- 1840-07-18
- Page
- 222 (sequence 2)
- Language
- German
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222 wie sein humaner Sinn, den er durch Wort -und That vielfach ausgesprochen hat, dafür bürgen, daß,er auch nach -fti-nem Aurücktritt von der öffentlichen Wirksamkeit, für Hie -Gemeinde nicht aufhörtn wird, derselben Geistund 'Herzzu weihen. Friedenthal ist ganz der Mann, -der Wirksamkeit in einer Gemeinde, er ist es vermöge seiner Erziehung, vermöge seiner Erfahrungen, die er unter vielfach wechselnden Schicksalen in der 'bewegten 'Zeit Napoleons zu machen hatte, vermöge seiner vielffachen, im regen Leben gesammelten, oder durch das *£eben char-akterisirten Kenntnisse. Die orthodoxe, fast -mystische Richtung, die -.er in früher Jugend erhielt, zumal weil man ihn zum Rabbinatscandidaten bestimmte, -hat in seinem Herzen, durch die Zeit und.ihren Umschwung gelautert, das Bessere, das-herrliche Theil hinterlassen, den ciefgcwurzelten, herzinnigere Glauben nämlich, der mir felsenfester Treue an der Religion der Vater hangt und-sie nicht hingibt für jenes -kosmopolitische 'Phantom der Neuzeit, das alles Religiöse auf. ein paar moralische Floskeln rednzirt. Seinezahlreichem Schriften sprechen dieses treue Festhalten an dem -Gesetze der Vater eben so innig, als klar-aus, --dennoch aber verstand -er gar wohl das Ewige von der Form zu sondern, gegen den Partikularismus anzukämpsen und die -Universalität des mosaischen Bekenntnisses herauszufühlen. -Er, der das -Motto -an - die Spitze seiner Schriften stellte: „Jeder Mensch hat sein Jdoi; Jedes Volk seinen Götzen. Die Menschheit hat nur Einen Gott!" er verstand es, auch durch Wort und That diesen-Satz zu beweisen, ohne das Charakteristische seines Volkes aufzugeben. Die Breslauer Gemeinde hat ihm viel zu verdanken, ohne ihn wäre vielleicht die Ordnung eines Familien-Verbandes nie zu Stande gekommen. Das jetzige Geschlecht muß ihm huldigen, denn er hat feine Bildung bewirkt, durch das Hervorrufen einer blühenden Elementarschule. Den Weisen hat er als Vorstand dieser Anstalt viele Thränen getrocknet, der Gesellschaft zur Reform des israelitischen Gemeinwesens war er Seele und Leben, der Cultus erhielt durch ihn neuen Schwung und Wurzel in dem Standpunkte der Zeit, Arme und Nothleidende erfreuten sich seiner Verwendung und der Begründung von Unterstützungsvereinen und in allem seinen Thun waltete immer derselbe Geist der Humanität, der die Zeit begreift, um klar und einig mit ihr zu werden, ohne die Selbstständigkeit des" Herzens und Glaubens aufzugebm. Sein Wort und seine That sind nöthig in solcher Zeit, wie die jetzige, möge ihm seine Bruderliebe (reiben, fernerhin seine Kraft der Gemeinde zu widmen, mit welcher er so-vielfach verwachsen ist. -Ein eben so h off-sin ungs r e ich e c für -die Gemeinde recht wohlthuendec Charakter begegnet uns in Dr. Karl Siegfried Gün s b u rg, auf den die Breslauer Gemeinde wohl sstolz sein darf. Günsburg hat eine, von Fciedenchal.ganz, verschiedene Earriere durchlaufen, aber in dem einen Punkte, der gerade Noth thut, treffen sich beide, nämlich in dem Eifer >für das Wohl ihrer Gemeinde. Günsburg hat die deutsche Gelehrtenbahn durchschritten, von seiner Jugenderziehung ist orientalischer Zuschnitt, cabbinische Gelehrsamkeit fern geblieben. Griechen und Römer sind seine Lehrer gewesen, die deutschen Humanitärsphilosophen sind seine Vorbilder geworden. Darum ward er ganz deutsch und seine Sehnsucht nach 'den Belehrungen eines Wolf, Spehiboif, Böckh, Fichte, Schleiermacher, .de Wette und Niebuhr gestattete es nicht, einem Rufe nach Cassel zu folgen, um dort in das westphalischisraelit. Consistorium einzutreten. Aber E. blieb dabei doch ein Israelit, nur ward er ein deutscher Jude, der nur für deutsches Leben wirken konnte, der nie den Anklang würde gesunden haben, den sich Friedenthal nn Italien , Frankreich und Polen, ohne Zuthun verschaffte, wenn auch ersterer wirklich darnach gestrebt hätte. Alle seine Schriften tragen oieseu eingebürgerten Charakter an sich, der nur die eine Sehnsucht kennt, sein Volkaus deutscher Erde zufrieden zu stellen, dasselbe -mit ihr und -diese mit demselben mehr und mehr zu befreunden. Deutscher Gottesdienst und deutsche Predigt war darum das Ideal das er 1816 schon zu Berlin verfolgte -und durch seine deutsche Wochenschrift: „Erbauungen^ vorbereitete. Es gelang ihm, sein Ideal zu verwirklichen und - mit Enthusiasmus trat ec dann neben Klep in der Synagoge auf, ermuntert und geachtet von einem Schleiermacher, Ritschl und andern christlichen berühmten Rednern. Als er 1819 wieder an den -Ort seiner Jugendbildung, nach Breslau, sich wandte, war es auch hier dasselbe Ideal, das er zu erreichen suchte und für das er gegen 400 der -gebildetsten israelitischen Familienvater entstammte. Allein was in Berlin möglich war, war es deshalb noch nicht in Breslau. Im Schooße der Gemeinde selbst bildete sich eine-hartnäckige Opposition, die die erhaltene Staatseclaubniß zur-Einführung deutschen Gottesdienstes zu hintertreiben wußte, darum wandte sich G. 1821 wenn auch nur temporär nach Wien, dort seinem Herzen zu genügen, und -wirklich hat er viel dazu beigetragen, daß dort, so wie in Prag, diese dem deutschen Leben und der Zeit angepaßte Form des Cultus, welche zur-Emporbildung des Volks wesentlich beiträgt,ffreudig erwachen konnte.— Güns b urg ist jetzt blos Privatmann in Breslau. Möge sein einiger, durchbildeter Geist zur Beruhigung der-Wogen beitragen, die jetzt wieder auf dem Meere des israelitischen Lebens brausen. Um das treffliche Kleeblatt vollzählig zu machen, müssen wir noch kürzlich-eines" Mannes erwähnen, der sich namentlich um das -künftige Geschlecht große Verdienste erwirbt; -es ist der Inspektor und Oberlehrer an der Königl. Wilhelmsschute zu Breslau, Dr. Isaak Assur F r a n co l m, welcher bereich seit länger als zwanzig I Jahren sich beinahe unausgesetzt der Erziehung .und Her-