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Der Orient · 1840-06-27 · Heft 26 (27.6.1840) · p. 203

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 26 (27.6.1840)
Article
Berlin: Urtheile Rießers in seinen jüdischen Briefen
Date
1840-06-27
Page
203 (sequence 3)
Language
German
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— 203 — die Geburt verliehen, das Recht des freien Gebrauchs ihrer Kräfte in den Bereichen des bürgerlichen Lebens ohne gewaltsame Hemmung, die freie Theilnahme an der Zhatigkelt Aller, die frohe Mitwirkung in dem Getriebe des öffentlichen Lebens, wo es ein solches gibt, — das Alles erscheint uns noch in dem Lichte eines hohen, idealen Zieles, das keine Rast gestattet. Sv unerfreulich diese Lage äußerlich für uns ist, mit so gerechtem und ernstem Unwillen gar Mancher von uns den Raub des Theuersten empfindet, was dem Manne durch menschliche Willkühr geraubt werden kann, den einer angemessenen Wirksamkeit / so ist doch für alle Die, welche den Kampf gegen das Unrecht aufnehmen und ihn als ihre Sache betrachten, innerhalb etne genügende Entschädigung vorhanden, unv sie besitzen in ihm das trefflichste Gegengift gegen die Ansteckung jener modernen Zerrissenheit in ihren verschiedenen Aeußerungen. Sieh Dich um in dem Kreise Derer, die unter mancher Entsagung ihr Leben den Gesammt-Bestrebungen der Juden in unfern Tagen widmen, sei as lehrend und bildend nach innen, sei es streitend für das versagte Recht nach außen, sei es durch die Achtung gebietende Ausdauer, mit der sie die ihren Leistungen gebührende Stellung entbehren oder erringen! Du wirst bei ihnen einen ernsten, aber heiteren, einen ^strebenden, aber in seinem Streben geistig befriedigten Sinn finden, eben so weit entfernt von der spöttelnden, blasirten Frivolität der Einen, wie von den melancholischen Grimassen der Andern: zwei Richtungen, oder besser Manieren, die beide mehrfach von gedankem losen Kritikern den Juden aufgebürdet worden sind, die übrigens beide, so verschieden sie sich in ihren Aeusserungen ausnehmen, derselben Quelle des Mangels an wahrem und thäligem Mitgefühl und an einer daraus fließenden festen Lebensrichtung mir zu entsprießen scheinen. Gerade die entgegengesetzten Erscheinungen wirst Du in dem Kreise von Männern finden, die, zum Theil selbst in den bescheidensten Wirkungskreisen, im Sinne des Judenthums und für das geistige Wohl seiner Bekenner mit Warme thatig sind. — Ich habe mich überzeugt, daß der Kampf gegen eine bestimmte Unbill der That oder der Gesinnung, wenn er ein offener, ausgesprochener, rüstiger ist, weit entfernt, das Gemüth zu erbittern, es heilt und beruhigt; daß der Zorn, der hier rege wird, ein gesunder, kräftiger ist, der die Brust hebt und reinigt. Was das Mark des Lebens vergällen und vergiften würde, das wäre ein verhaltener Grimm, der sich hervorzutreten scheute, eine Empfindlichkeit, die zu feig wäre, um die Schmach jämmerlicher Vorurtheile auf die, die sie hegen, zurückzuwaizen und die den Gram darüber, wie einen geheimen Wurm , am Herzen nagen ließe. Die schlaffe Duldung des Unrechts und des Hasses tobtet, der Widerstand belebt. Was aber heutzutage noch verderblicher in manchen Gemüthern wühlt, und wovon wir Gottlob! unberührtbleiben, das ist eine vage, gegenstandlose Unzufriedenheit, die an Allem zerrt und mäkelt, der nichts recht genug ist, um es mit Wärme zu lieben, und auch wieder nichts schlecht genug, um es mit Nachdruck und Aufopferung zu bekämpfen. Die wenigen Tropfen Bitterkeit, die unserem Wesen belgemischt sind, die haben ihre noch begrenzte Richtung gegen Unrecht, Haß und Lüge und gehen über diese festen Schranken nicht hinaus. Wir hassen nichts als den Haß; wir ringen mit Abscheu nur gegen Lüge und Unrecht. Wir sind gewohnt, im Gegensätze zu diesen feindlichen Mächten, jeden Funken von Recht, Liebe und Wahrheit, wo er auch glimme, nur um so warmer zu fühlen, und in unser Gemürh auszunehmen. Man hat uns in neuerer Zeit wieder mit vieler Herbheit den Vorwurf der Einseitigkeit gemacht, gegen den sich noch mancherlei einwenden ließe. Doch ich gebe es zu, wir sind einseitig; aber wir sind es nur in dem, was wir hassen; an Vielseitigkeit in dem, was wir lieben, glauben wir Keinem nachzustehen. Der würde unser Streben nicht begreifen und. nicht ahnen, wenn ec es auch zu theilen wähnte, dem die innige Theilnahme daran nicht zugleich das Mitgefühl für alles Menschliche schärfte und erhöhte, weit entfernt, es abzustumpfen. Wenn uns der besondere Kampf, den wir gegen, Haß und.Unrecht auszukämpfen haben, um ein Lächeln freudigen Antheils an dem Glücke Anderer, um eine Thräne des Mitleids mit dem Leide eines menschlichen Wesens, um ein jauchzendes Frohlocken über einen Fortschritt menschlichen Glückes, menschlicher Bildung und Freiheit ärmer machte, wenn er nicht vielmehr unsere Sympctthieen für alles Gute, unsere Empfänglichkeit für. alle Liebe nährte und anfeuerte, so würde all' unser Rerthlos sein. Aber so ist es nicht. Die allgemeinste Erfahrung lehrt, daß die Theilnahme an unseren bestimmten Bestrebungen mit der an allem menschlichen Guten und Edlen in den Gemüthern unserer Glaubensgenossen keinesweges in umgekehttem Verhaltniß steht, daß vielmehr die eine mit der anderen, in der Brust der Einzelnen wie in dem Geiste der Gesammtheit, stets wachst und fallt. (Schluß folgt.) Rußland. Russische Grenze, Juni. (Forts.) 3) Zur Verwaltung der außerhalb der Städte und Flecken befindlichen Post-Stationen, wenn solche bei Licitationen an Juden kommen und sich auf denselben Christen befinden, soll den Juden zur Pflicht gemacht werden, sich einen .Bevollmächtigten aus der Zahl der Christen zu wählen. 4) Ländereien zur Ansiedelung und zum Ackerbau in den Gouvernements Witepsk und Mohilew als Eigenthum an sich zu bringen, oder in Pacht zu nehmen, soll Juden nur gestattet werden, wenn solche Ländereien von gutsherblichen und Krons-Dörfern wenigstens drei Werst

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