Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1840)
- Article
- Berlin: Urtheile Rießers in seinen jüdischen Briefen
- Date
- 1840-06-27
- Page
- 202 (sequence 2)
- Language
- German
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unfern biblisches Schriften geübt hätte. Die Einen haben nicht genug Gemeinheit und Niedrigkeit der Motive heneinzutragen gewußt, und haben mit Begierde den Inhalt von Büchern, welche Jahrtausende als heilig gegolten haben, verdreht, um daraus Schmähungen gegen die heutigen Juden zu schöpfen; Andere haben das ganze System für ein Gewebe von Lug und Trug erklärt; wieder Andere, was wohl das Aeußerste des Unsinns sein dürfte, haben gar das Judenthum des Sensualismus beschuldigt. Die an solche Ausfälle Gewöhnten konnten freilich durch die Angriffe Heine's in keinen sehr heftigen Zorn versetzt werden. Seine große Anklage gegen das Judenthum ist die des Spiritualismus, den wir von ganzem Herzen als dessen Wesen anerkennen. Wenn ihm dieser Spiritualismus, in dem ec die Quelle des Christenthums sucht, nicht gefallt, desto schlimmer für ihn! Wir aber haben keinen Grund, uns deshalb gegen ihn zur Wehr zu setzen. Bei so vielen Feinden, die unserem Glauben Falsches und Gehässiges unterschieben, um ihn zu schmähen, können wir nicht allzu ergrimmt über den Einen sein, der wenigstens den wahren Character desselben richtig bezeichnet, wenn er auch, seiner persönlichen Gesinnung nach, viel Bitterkeit darüber ausläßt. — Eine ähnliche Bewandmß hat es mit den Spöttereien Heine's über die Persönlichkeit der Juden. In den gewöhnlichen Zerrdildern, wie sie der Haß -— zumal in einigen beliebten dramatischen Produtten — zum Besten gegeben hat, wetteifert die Dummheit ihrer Schöpfer um den Vorrang mit deren Bosheit. Sie sind etwa so entstanden) daß man Alles, was man an Gemeinheit zusammenzutragen wußte, anhäufte und das so gewonnene Bild durch Namen und Jargon als einen Juden zu erkennen gab. Solche Fratzen ohne einen Schatten von Wahrheit, Individualität, und daher auch ohne alle achte Komik, verletzen nicht das moralische Gefühl, da sie nicht treffen, aber das ästhetische; sie erregen keine Empfindlichkeit, aber sie erregen Eckel. Zu solchen Productionen freilich war Heine, wenn auch nicht zu wohlwollend, doch zu geistreich, wenn auch nicht zu viel Jude, doch viel zu viel Dichter. Der leiseste Hauch von Poesie, anch von komischer, verträgt sich mit so stupider Bosheit nicht; dem bloßen Haß ist die Muse noch nie hold gewesen. — Sehen wir auf diejenigen unter uns, deren Gemüth mehr der Vergangenheit zugewendet ist, so werden wir leicht begreifen, daß Die nicht geneigt sind, des Idealen zu spotten, die sich in ein Leben versenken, das Jahrtausende lang durch eine Idee gehoben und getragen und über Drang und Verfolgung emporgehalten worden. Jedoch ist diese Gemüthsstimmung im Abnehmendste würde daher allein nicht mehr genügen, um alle Seelen vor dem Einflüsse kalter, frivoler, erschlaffender Aeitrichtungen zu bewahren. Aber um so mehr sind ernste, warme, beseligende Hoffnungen der Zukunft zugewendet, in den Herzen lebendig geworden.^ Jene unsichere und unbehagliche Stimmung aber, die wie ein krankhafter Hauch manche geistige Erscheinungen unserer Zeit durchweht, ist nicht ein Erzeugnis der Entbehrung, sondern des Ueberdrusses, nicht der unerfüllt gebliebenen Hoffnung, sondern der Enttäuschung über ihren Gegenstand. Das Streben nach dem Vermißtendas uns in dem idealen Glanze unserer Wünsche aus der Zukunft entgegenleuchtet, erhält die Herzen jung und warm; das äußerlich erreichte Ziel, wenn es hinter dem Innern Sehnen zucückbleibt, wenn es den Glanz der Hoffnungen Lügen straft, — das ist es, was abspannt, altern macht und erkältet. Ein bestimmtes Wollen, auf ein festes, klar erkanntes Ziel gerichtet , dessen Bedeutung die Anstrengung aller Kräfte fordert, erhält den innern Sinn frisch und mit selber einig; Schlaffheit des Willens, Mangel an Streben, Abwesenheit eines Zieles, Unklarheit über das zu erringende Gut, an dessen Werth man irre geworden, — die machen welk und zerrissen. Uns ist der Geist der neuen Zeit die Ecfüllnng gerechtrr Ansprüche noch schuldig; und da diese keine überspannten und überschwenglichen, sondern ganz einfache und natürliche sind, so vertrauen wir auch fest auf ihn, daß er uns Wort halten werde, wenn wir ihm und uns nicht untreu werden. Die erhabenen Ideen der Duldung, der Gewissensfreiheit, der Humanität , die vor mehr als einem Jahrhundert durch die edelsten Geister Deutschlands verkündet worden, werden heutzutage von Manchen schon wie abgenutzte Gemeinplätze angesehen, weil, wie recht und billig und erfreulich, zu den .anfangs einsamen Stimmen jener großen Geister eine zahlreiche Schaar kleiner Geister den Chor gebildet hat; und ich kenne manchen Publicisten, der seit 30 Jahren keinen liefern Gedanken, als dm, daß jene Ideen leicht feien, gehabt hat. Aber im Leben ist trotz dem im Sinne dieser Ideen noch unendlich viel zu wirken und zu dienen und zu dulden übrig. Wem das Herz bei ihrem Klange noch höher schlagt, der braucht sich keinen Augenblick nach einem Inhalte für sein Streben umzufehen, der hat nicht nöthig, weder, wie die Einen, sich aus Bruchstücken von Einrichtungen der Vorzeit ein abentheuerliches Ziel künstlich zusammensetzen, noch, wie Andere es der Originalität ihres Geistes schuldig zu sein glauben, über jede Schranke hinauszugehen und eine erträumte Umwälzung der Elemente der menschlichen Gesellschaft zu verkünden. Was uns angeht, so haben wir noch viel von der Verwirklichung jener einfachen, im Geiste langst klar angeschnitten Ideen zu erwarten, was durch keine Umwälzung, sondern nur durch ein? natürliche und vernunftgemäße Entwickelung bedingt ist, und nur mit dem völligen Stillstände sich nicht verträgt. Es ist da noch genug für uns zu thun, um manches Leben auszufüllen, genug, um nicht in schlaffen Ueberdruß oder in hohle Träumereien uns zu verlieren. Was vielen Millionen