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Der Orient · 1840-05-30 · Heft 22 (30.5.1840) · p. 172

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 22 (30.5.1840)
Article
Pesth: Stellung der Juden in Ungarn
Date
1840-05-30
Page
172 (sequence 3)
Language
German
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172 die recht eigentlichen Repräsentanten der magyarischen Ritterlichkeit, ihrer ganzen Stellung und Erziehung zu Folge, verwandt der europäischen Eivilisation, übten entweder von jeher die Tugend der Humanität gegen die Angehörigen ihrer Herrschaft auf eine uneigennützige und uneingeschränkte Weise, oder, wo auch diese höhere Idee sie nicht leitete, so doch der leicht verzeihliche Stolz und Eigennutz, ihre Herrschaft so blühend und stark zu machen, als nur möglich. Natürlich daß auch die höchst regsamen Juden in den Verband gezogen, in diesem Interesse verwendet wurden. Was kümmert es den Magnaten, was ein Einwohner seines Gebietes glaubt, nach welchen Gesetzen er sein Leben regelt? Wenn der Grundherr nur thatige, betriebsame und rechtschaffene Einwohner auf seinem Territorio fand, die sein Gebiet zu heben, durch Kunstfleiß und Betriebsamkeit Ruhm, Glanz und Wohlhabenheit zu verbreiten wußten. Da finden wir den Juden nun nicht als den Letzten, der sich regt, um durch Fleiß und Betriebsamkeit sich eine Stellung zu verdienen; denn er weiß wohl, daß er auf keine andere Weise Rechte beanspruchen darf, als wenn er sich welche erwirbt und erkämpft. Die Zusammensetzung der Städte ist hierin dem Juden schon nicht so günstig, denn hier streben gewisse Corporationen mit ihren Handwerksinteressen gegen sie und ihre Bestrebungen an, und nehmen ihr Staatsrecht in Anspruch, um die Juden in die von demselben ihnen angewiesenen Schranken zurückzudrängen, damit , sie in ihren eigenen leiblichen Interessen nicht beeinträchtigt werden. Wirklich gehört auch hier, wir wollen uns dies nicht verhehlen, mehr Selbstverleugnung, mehr Aufgeben der eignen Interessen dazu, um. hier eine Gleichstellung eintreten zu lassen, als im ersten Falle, und wo wir darum in Städten ein Entgegenkommen der Bevölkerung finden, müssen wir dies doppelt anerkennen. — Wir bemerkten, um mit den weniger erfreulichen Erscheinungen zu beginnen, daß die Unduldsamkeit gegen die Juden vorzüglich von den Städten deutschen Ursprungs, oder wo wenigstens das deutsche Element vorherrschend war, ausging. Daher einst die Vertreibungs- und Beschimpfungsgeschichte zu Preßburg, die wir in der Einleitung erwähnt haben, daher die einstige Ausstoßung der Juden aus den königlichen Freistädten z. B. Tyrnau und Stuhl weißenburg, in denen von der Zeit Kolomanns I. an, die Unduldsamkeit so weit ging, daß es den Juden bei Todesstrafe verpönt war, das städtische Weichbild zu betreten. Hier hatte auch die Humanität keine Macht über Me harten Aussprüche einer barbarischen Zeit, und es mußte der Ernst der erleuchteten Regierung Josephs H. dazwischen treten, um 1786 den harten Machtspruch außer Kraft zu setzen. Natürlich krankt darum auch hier die Freiheit noch an mancher stattft'ndenden Beschränkung, und wer erwägt, wie schwer es der Welt ist, sich von dem Althergebrachten loszureißen, auch wenn er den Mißklang mit der Neuzeit wahrnimmt, wird dies sehr erklärlich finden. In Tyrnau z.B. ist daher auch die jüdische Gemeinde seit jener Zeit ihrer Befreiung nur bis zu circa 30 Familien herangewachsen; denn sie konnte sich nur spärlich vermehren, da keiner jüdischen Jungfrau gestattet ist, ihren Bräutigam in die Stadt zu ziehen und eine neue Familie zu bilden. Auch waren die gemachten Concessionen nie so lockend, daß an ein Herbeiströmen der jüdischen Bevölkerung zu denken gewesen wäre. Das man in jedem Stadttheile seine Wohnung suchen konnte, war am Ende die gewichtigste Freiheit, die gar sehr durch die Einschränkung auf den Handel litt, der sogar nur unter der Beschränkung gestattet wurde, keine Handlung öffnen zu dürfen. Hatte darum nicht die Aussicht auf die Theilnahme an dem nicht unbedeutenden Woll- und Manufakturenhandel der Stadt Juden dorthin gezogen, sie würden das freiere Leben an andern Orten nie mit diesen Beschränkungen vertauscht haben. (Fortsetz. folgt.) Rußland. Petersburg. Nach einer im Bulletin scientifique der Petersburger Akademie enthaltenen Uebersicht leben in 1/ (westlichen und südlichen) Gouvernements des russischen Kaiserstaates 1,054,349 Juden beiderlei Geschlechts. Da die Gesammtbevölkerung in diesen Provinzen, 16,238,600 Seelen beträgt, so ergiebt - dies ein Verhältniß wie 1 : 15,41; d. h. es machen die Juden etwa 6| Proc. der gesammten Bevölkerung dieser Landestheile aus, wahrend in den übrigen Landestheilen (mit Ausnahme von Sibirien) keine Juden sich aufhalten. Nur in Transkaukasien leben noch unter etwa zwei Millionen Einwohnern 10,482 Juden. Im Gouvernement Volhynien befinden sich verhältnißmäßig die meisten Juden, indem ihre Zahl dort unter 1,314,100 Einwohnern 195,030 beträgt und sich also zur Gesammtbevölkerung wie 1; 9,74 verhalt. Es folgen demnächst Bialystock (1 : 6,95), Grodno, Minsk, Mohilew, Podolien und Wilna, wo das Verhältniß wie 1 : 10 ist. Im Königreiche Polen ist das Verhältniß wie 1 : 9,^, indem sich unter 4,358,509 Einwohnern 453,646 Juden finden. In der Stadt Warschau ist ungefähr jeder vierte Einwohner mosaischen Glaubens (36,390 unter 139,671)» Dem Ackerbau hat sich bisher erst ein verhaltnißmäßig sehr kleiner Theil gewidmet. Verlag von C. S; Fritz sch e. Druck von I. H. Nagel.

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