Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1840)
- Article
- Pesth: Stellung der Juden in Ungarn
- Date
- 1840-05-30
- Page
- 171 (sequence 2)
- Language
- German
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171 freien und schönen Institutionen des allgemeinen Menschenthums nieder, gründen ein consesstonelles Recht, dessen Grundlage das Unrecht gegen Juden wird, so daß wir am Ende eines Zeitraums, der wenigstens ein Viectelhundert Menschengeschlechter verschlungen har, dastehen und uns nur nach einem Theile der Glückseligkeit sehnen, die das goldene Zeitalter der in der natürlichen Kindlichkeit begriffenen Europäischen Eivilisation den ungarn'schen Juden gewahrte. Doch wie gesagt, nur der erste Ueberblick trübt unser Gemüth. Wer sich in der Weltgeschichte an das Große und Ganze halt, wird auch hier sich leicht beruhigen, wird auf die Trümmer des anscheinenden Unglücks die gewisse Zuversicht auf die einstige Erlösung gründen. Wem es endlich klar geworden ist, daß die Menschheit ihrem idealen Begriffe nach fortschreitet, dem kann es auch nicht auffallen, wenn die Völker nicht in dem Stande der Unschuld, in jenem goldenen Zeitalter der Kindlichkeit und Naivität verharrten, wo das Mein und Dein noch so wenig geschieden erscheint, wo Stand, Stellung, Gesinnung noch gar nicht in die Waagschale der Behandlung geworfen wird. Das Mittelalter machte sich als die Jünglingszeit der europäischen Bevölkerung kund, die Leidenschaften erwachten in ihrer ganzen Gluth, die Menschheit theilte sich in Liebe und Haß, von bewußtloser Verträglichkeit neben einander war eben so wenig die Rede wie von Unparteilichkeit. Aber es muß, wie im Leben der Einzelnen, so im Leben der Völker den Jahren der Männlichkeit, wo Kraft und Vernunft wieder in das Gleichgewicht sich setzten, nothwendig die Zeit vorangehen, wo die Kraft übersprudelt und die Vernunft übertäubt, sonst siecht die Kraft unter der Altklugheit und das Mark des Lebens vertrocknet unter frühreifer Berechnung. Auch Ungarn verlebte die mittelalterliche Zeit seines idealen Flegelthums, aber es verlebte sie höchst naturgemäß. Die Kraft des Volksjünglings sprudelte mächtig über, sie verletzte, sie that weh, jedoch nur in ihrer übermüthigen Unbesonnenheit, in ihrer verkehrten Begeisterung. Aber der freie, ungebändigte Volksgeist erstarkte zugleich unter dem mächtigen Wuchern der Kraft und rankte sich üppig an ihr empor, bis er derselben zu Haupten wuchs und einen durchaus freien Volkslörper erzeugte, der nichts weiß von Argwohn, weil seiner Kraft Niemand gewachsen ist, der den Haß nicht kennt, weil ihn, den Kräftigen Niemand beleidigen kann, der die Mißgunst verachtet, weil die freie, gesegnete Erde für alle Brots die Fülle hat, weil Kraft, Muth und Wohlhabenheit eine gewisse Glückseligkeit durch die Adern des Volkscörpers strömt, und jede kleinliche Berechnung außer dem Spiele läßt. Darum wird uns auch des Erfreulichen genug begegnen, obgleich wir zuvörderst die Zeit von der Verallgemeiner-ung des Rechts zu durchlaufen haben, obgleich wir einen Blick in die Periode werfen wollen, wo die Juden der Gnade und Gunst ihrer christlichen Brüder anheimfallen. Es ist das gesunde ungarische Volksleben, das uns hier auf keine misanthropischen Launen eines abgezehrten Geschlechts stoßen lassen wird; es ist dieses gesunde und kräftige Leben mit seiner ganzen Ritterlichkeit, wo uns der natürliche Sinn die daraus hecvorgegangene Humanität als Gesetz begegnen und so ziemlich allgemein die Stelle einer über alle sich erstreckenden milden Staatsgesetzgebung vertreten wird. In dieser Hinsicht kommen uns in Ungarn bei weiten beruhigendere und tröstendere Momente entgegen, als in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Ja es bestätigt es die Geschichte, daß da, wo in Ungarn in dem Juden der Mensch beleidigt wurde, grade das nicht-magyarische Element sich geltend machte, daß, wie z. B. in den königl. Freistädten, deutsche und französische Einsiüsse hervortreten, und die Verletzung bewirkten. Der Franzose, der Deutsche, der Italiener und Spanier haßte den Juden, er verfolgte ihn aus Grundsätzen, deren nähere Erörterung nicht hierher gehört. Der Ungar beleidigte nur aus Uebermuth, oder weil der Ton der Zeit, Sitte und Gewohnheit oder das Beispiel dazu die Hand boten, aber nie aus Grundsatz. Seine Beleidigung des Rechtszustandes war darum auch nicht permanent, nie allgemein und kaum irgendwo von jener entehrenden Art und Weife begleitet, die, wie in Deutschland, sogar eigne Halsgerichtsstätten für die Juden erfand. Von Beschimpfungen, wie das deutsche „Hep, hep," weiß kein Ungar etwas. Dahin, wo wie in Ungarn das Volk auf seine ritterliche, unantastbare Kraft pochend, kein Argwohn, keine Mißgunst aufkam, strömten die Bedrängten aller Nationen und das gesegnete Magyarenland, das an der Grenze so ganz verschiedener Völkerschaften liegt, wurde gar bald das Asyl der von anderwärts Vertriebenen jedes Glaubens. Heiden, Zigeuner, Juden fanden Platz auf seiner gastlichen Erde, Schutz unter den rapfern Schwertern des Volkes und die Mischung der verschiedenen Anwohner des Landes aller Stamme und Bekenntnisse wurde endlich so manchfaltig und groß, daß es als ein Wunder erscheinen würde, wenn wir von einer ausschließenden Verfolgung der Juden hören sollten. Verschaffte diese Erziehung des magyarischen Volks den Juden Duldung, bildete der ganze Zusammenfluß der Bevölkerung eine natürliche Nichtbeachtung der Juden als Juden heraus, so gestattete endlich die Zusammensetzung des magyarischen Staatskörpers sogar eine Erhebung des jüdischen Volkes zugleich mit der übrigen Bevölkerung. Der magyarische Staat, aus lauter einzelnen Herrschaften zusammengesetzt, deren Gebieter auf dem eignen Territorium fast unumschränkte Gewalt genießen, zählt eben so viele kleine Reiche, als Burgen und Städte und ist m dieser Zusammensetzung einer Ausbildung -der Nation bis herab in die kleinsten Flecken äußerst günstig. Die Magnaten und Herren,