Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1840)
- Article
- Algier: die Juden unter den Franzosen
- Date
- 1840-05-02
- Page
- 134 (sequence 2)
- Language
- German
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134 errichteten erstere doch in -Hoffnung auf Erfolg Mädchenschulen, die, wie sie einmal in's Leben getreten waren, von den Juden dankbar- und fast ausschließlich, benutzt, wurden. Die Einrichtung ist freilich noch neu, denn es entstand die erste Mädchenschule erst zu Anfänge des Jahres 1838 in der Drei-Farben-Straße, allein schon jetzt lassen sich die segensreichen- Folgen davon ahnen, da alsbald nach Einrichtnng derselben belief sich die Zahl der jüdischen Schülerinnen auf 70, die im Lesen, Schreiben, Rechnen, Nähen und Sticken Unterricht erhielten und gar bald das Lob vielen Talents und Eifers davon trugen. — Von dieser Seite nun. muß dem folgenden Geschlechts eine große Umwandelung kommen, die. um fa weniger in ihrem ganzen Umfange zu berechn em ist,, als die französischen Schulen französischeuropäische Bildung zu verallgemeinern suchen. Die Juden werden auch hierin der übrigen Bevölkerung den Rang ablaufen, denn ganz abgesehen von der natürlichen Trägheit der Moslemen, heißt sie schon der Haß gegen die Franzosen die dargebotenen Bildungsmittel verschmähen, und ehe eine vollkommne Aussöhnung der moslemischen Bevölkerung mit der factischen Regierung zu- Stande kommt, werden die Juden um ein großes Voraus'geeilt fein und wie früher, so auch in Zukunft, praponodriren. Schon jetzt-zeigen viele die Annäherung an europäische Sitte und Gewohnheit sogar im Aeußern, und namentlich die Vornehmen und Reichen, auf welche das' französische Regiment weit unmittelbarer wirkt, präfentiren sich in europäischer Tracht, während die Aecmevn noch den ' altnationalen Barr tragen und wie die Mauren mit Jacke und Beinkleider gekleidet erscheinen. Aberdie schwarze Plattmütze, die sonst den Stamm Israels vor der bevorzugten Moslemen unterscheiden mußte, ist verschwunden, und wenn auch der verhaßte Turban nicht an ihre Stelle getreten ist, so hat die Kopfbedeckung doch in Farbe-und Zuschnitt Veränderung erlitten, daß sie nicht mehr wie früher als aufgedrücktes Brandmal erscheint. — Wesentlichen Einfluß auf ihre europäische Umbildung äußerte übrigens die große- Fahb der übersiedelten europäischen Juden und es dürfte wohl kaum ein Menschenalter vorübergehen, so wirdman die Eingebornen von d.en Eingewanderten nicht mehr scheiden können. Ja sie haben selbst in ihrem Aeußern so wenig Morgenlandisches, daß sie ihre frühere europäische Abstammung kaum? verläugnen können, und daß sogar die-französischen und deutschen Juden ein weit südlicheres' Gepräge an sich haben. Hat nun, um dies-schließlich zw wiederholen-, die Verletzung manches'hergebrachtenbei den Arabern und Mauren böses Mut gegendie Franzosen verursacht und die letztem darumg'enöthigt, ihre ganze Hoffnung auf die Juden zu setzen, so. sehen, wir diese im Gegenlheilbei dem Haffe der Moslemen. gegen, sie sich ganz an die Franzosen anschließen, und ihnen manchfache Auszeichnung^ gewähren; erblicken wir sie zu Agenten, Geschäftsträgern und Vermittlern verwandelt, und zwar in dem Grade, daß sie der öffentlichen Kritik' sogar ausgesetzt erscheinen, wie der jüngst verstorbene, vielfach angeseindete Ben-Durand; gewahren wir die Leitung der Gemeindeverwaltung und der Gerechtigkeitspflege noch wie früher in den Händen jüdischer Beamten und erblicken wir an der Spitze der Gemeinde Männer, wie den ehrwürdigen, thatigen und . umsichtigen Obberrabbinen, Abraham Belays, der sogar im Frühlinge 1839 eine Reise nach Paris unternahm ' und zu Gunsten seines Volkes an den König sich wandte. Und so geht auch in dieser Ecke der Erde für die Juden eine neue Sonne der Hoffnung aus und wenn nicht die Zukunft weitere, verderbliche Streiche ihnen; aufbewahrt hat, so wird die dortige jüdische Bevölkerung in Kurzem, manchen andern Staaten vorauseilen. Deutschland. 385 £ «nt, 16. April. Der Oberrabbine von Smyrna, Hr. Pinkas de Segura, hat in seinem und der dortigen israelitischen Gemeinde Namen nachstehenden Aufruf in das Echo de l'Ocient einrücken lassen: „Die Ereignisse zu Rhodus und Damaskus haben zu Unordnungen und Tätlichkeiten gegen die Israeliten in Smyrna Anlaß gegeben. Der Unterzeichnete und die israelitische Nation, die er präsentirt, wollen keineswegs einige ihrer Glaubensgenossen, ob deren Haupte der Verdacht des von den Journalen gemeldeten Verbrechens schwebt, -von der Schuld freisprechen, wohl, wissend,- daß es überall und' bei allen Völkern Leute giebt, die fähig sind Böses zu thun; sie erkennen demzufolge an, daß ausschließend' den competenten Richtern zusteht, , die Instruktion des Verbrechens und die Bestrafung des Verbrechers weiter zu verfolgen. Die Pflicht des Unterzeichneten, indem ec gegen die ohne Zweifel unverdiente Verfolgung seiner Glaubensgenossen, in Smyrna sich erhebt, besteht darin, nicht blos den Behörden, sondern Allen, und Jedem zu beweisen, daß die ganz und gar aus die Bibel gegründete israelitische Religion ein Beweggrund irgend eines Verbrechens, und namentlich nicht dasbei den Ereignissen von Rhodus und Damaskus erwähnten Mordes seinkann, und daß nie ein mehr aus der Lust gegriffenes und grundloseres Vorurtheil der Leichtgläubigkeit des gemeinen Volkes sich bemächtigt hat, alsdasjenige ist, welches behauptet, daß sich die Juden des Ehristenblutes bei ihrer Osterfeier bedienen. Alle Religionsübungen der Israeliten sind aus dem alten Testament geschöpft; giebt es aber in diesemheiligen von-Juden und Christen gleich verehrten Buche, eine einzige Stelle, welche derlei Unthaten, derlei Opfer vorschriebe? Nein, wahrlich nicht; und im Dekalog verbietet der Allmächtige streng den Todschlag, und die Wohlthat dieses Verbotes beschrankt -sich nicht auf die