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Der Orient · 1840-04-25 · Heft 17 (25.4.1840) · p. 129

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 17 (25.4.1840)
Article
Cassel: Verfall der religiösen Zustände
Date
1840-04-25
Page
129 (sequence 2)
Language
German
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129 Judenthums, ohne bte geringste Kenntniß des Hebräischen und des Talmuds, ohne die Spur einer wissenschaftlichen Bildung, dennoch einen fast mittelalterlichen Fanatismus bis zur Absurdität heuchelt, der im Keime schon jedes Fortschreiten auf dem Gebiete des Cultus hemmt. Den Rabbi Romann freilich muß ick hier namentlich ausnehmen, obgleich er beim Rabbinate betheiligt ist; denn dieser ist, wenn man von der Kenntniß des Hebräischen und des Talmuds, wenn man Wissenschaft des Judenthums und einer wahrhaften ^Frömmigkeit absieht, ein modern gebildeter Mann, sehr vertraut mit der französischen Sprache, und tragt eine Brille, die er, um sein Gewissen nicht zu belasten, sich am Sabbat Nachträgen laßt von einem Christen. Doch kann ich dieses nicht verbürgen. Auch den hochgebildeten Vorstand und dessen gelehrten Secretar Dr. Pinhas muß ich namentlich ausnehmen; diese haben mit der größten Gewissenhaftigkeit über zehn Jahre die Wahl des Rabbinats überlegt, und zwar nicht, wie einige Böswillige behaupten, um das Geld zu ersparen oder lieber unter Nepoten zu vertheilen, sondern lediglich um an den jungen und modern gebildeten Rabbi Romann, der eine Brille tragt, eine für die Gemeinde höchst werthvolle Aquisition zu machen. Und trotz dieser so herrlichen Aquisüion an Herrn Rabbi Romann, der auch Dr. ist und eine Brille tragt, trotz der zehnjährigen alle Geduld in Anspruch nehmenden Überlegung, während welcher Zeit die gelehrtesten Bewerber genarrt worden sind, trotz det geistreichen und tief durchdachten Einrichtung des Rabbi Romann, daß Jeder nach einem erhaltenen Mi-Sche-Derach noch einen mit drei Namen machen zu lassen die unbeschränkte Freiheit hat, erweckt doch unser Rabbinat und der ganze Cultuszustand die trübseligsten Gedanken. Um ein Bild unserer Cuttuszustände zu geben möge hier folgender Bericht aus dem Monatsblatt: „der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts," einen Platz finden, da er sehr genau diese Seite unserer Zustande berichtet, obgleich wir die Tendenz dieses Blattes im Uebrigen nicht immer theilen. „Sie kennen unser glückliches Land. Es hat auch uns glücklich gemacht, hat uns zu freien Bürgern und gleichen Mitgenossen des Staats erhoben. Mit diesem Glücke, mit der Erlangung so theuerer Güter traten auch unsere höhern Bestrebungen frischer und kräftiger hervor. „Wir müssen desjenigen, was uns als Menschen geworden, uns auch als Israeliten würdig zeigen. Der Knechtssinn und der Separatismus asiatischer Rabbinen muß aus dem Leben freier Menschen schwinden!" So riefen sich alle Gutgesinnten zu und erwarteten von der vollständigen Besetzung des Landrabbinats eine kräftige, wohlthuende Reform, eine Reform, die den wahren Geist der mosaischen Lehre wieder in den Gemüthern erwecken, die dem Gottesdienste eine zeitgemäße Gestalt und der Jugend einen solchen Unterricht in ihrer Religion geben werde, der sie wieder an ihren erhabenen Inhalt fesselt. Leider aber sind unsere Erwartungen nicht in Erfüllung gegangen, und die starre Anhänglichkeit unseres geistlichen Oberhauptes an dem, nur im knechtischen Formendienste sich bewegenden und jede edlere Entfaltung der Kräfte hemmenden Rabbimsmus muß auch jede Aussicht auf Vesserwerden Niederhalten. So hat in uns die Einweihungsfeier der neuen Casseler Synagoge nur sehr gemischte Empfindungen hervocbringen können. Wir haben uns gefreut, daß dieser Bau, welcher so prachtvoll ausgefallen, und in Beziehung auf Kunst kaum etwas zu wünschen übrig laßt, endlich vollendet worden. Wir haben uns gefreut, daß dabei auch die Auszeichnung eines Israeliten in den göttlichen Werken der Kunst hervor trat, indem eben ein Ars chitekt unseres Glaubens, Namens Rosengarten, es war, der den ganzen Bau geleitet hatte. Aber bedeutend herabgestimmt ist unsere Freude geworden durch den Gedanken, daß in dieses schöne Gotteshaus kein erhebender Gottesdienst ein treten werde > und es war recht verdrießlich, daß gerade bei der Feier selbst diese Besorgniß aufs Neue in uns erregt wurde. Halten sie nicht dagegen, was die öffentlichen Blatter rühmen, daß ein großer Theil des Gottesdienstes in deutscher Sprache statt gefunden, und daß die Männer zum Theil mit unbedecktem Haupte ihm beigewohnt. Das Erstere ist nicht wahr und Letzteres geschah aus falscher Schaam gegen die vielen anwesenden Christen. Wir Israeliten, die wir hier scharfer sahen, sind auf mancherlei Weise in unfern bessern Empfindungen gestört worden. So störten uns gerade die vielen hebräischen Gebete und Psalmen, welche die meisten von uns nicht verstanden. So störte uns der alte Chasans-Ton, welchen der Vorsänger bei den Wechselgesängen durchbticken ließ, und uns verstimmte der gräßlich frivole Gesang, mit welchem er das Hodu. vortrug. Vermehrt wurde aber diese Verstimmung, als der Herr Landcabbiner in seiner Rede uns warnte, nicht von dem Glauben und den Gebräuchen der Väter abzusallen, indem die Vernunft uns leicht tauscht und die Religion, welche unsere Väter beglückte, auch uns beglücken könnte! Hören Sie's! Die Vernunft täuscht leicht, und nur die des Herrn Landrabbiners und der frühem geisteigenen Rabbinen trügt nicht. Damit har man also uns schon ziemlich deutlich gesagt, was wir zu erwarten haben, und es bewährte sich dieses auch bald bei dem Gottesdienste in dem neuen Gebethause. Die Verbesserungen, welche da vorgenommen wurden, sind kaum der Rede werth. „ Choralgesang und etwas mehr Ruhe und Ordnung als sonst, das ist Alles. An deutsche Gebete, oder auch nur an Abschaffung einiger Kinot, Selichot, Pijutim 2c., welche selbst der frommsinnige Dr. Wolf m C open Hagen entfernt hat, ist nicht zu denken. Welcher Unfug noch

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