Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1840)
- Article
- Damaskus: über die mittelalterliche Blutbeschuldigung
- Date
- 1840-04-25
- Page
- 128 (sequence 4)
- Language
- German
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128 verbrannt. Wenige Tage nach dieser Hekatombe fand man beim Aufthauen die drei Leichen in einem See; die Unglücklichen waren unter dem Eis ertrunken. Und dabei beruft man sich zweifelsohne auf das Gestandniß der Schuldigen, auf die Rechtschaffenheit der Richter. Aber die Geständnisse sind durch die Tortur erpreßt, aber die Richter lassen das Gesetz in seiner ganzen Harte vollziehen. Ihre Rechtschaffenheit erblickt in diesen schrecklichen Martern das „gesetzliche" Mittel zur Aufklärung der Wahrheit." — So sprachen Manasse und Mendelssohn, diese beiden Sterne des jüdischen Glaubens. Und als sie die Reinheit dieser Religion, der ersten, der einzigen, die 4000 Zahre lang nur Einen Gott verehrte, erwiesen hatten, sagte Manasse: „Wenn alles bisher Gesagte noch nicht hinreichtdie. infame Absurdität dieser Anklagen zu erweisen, wohlan, so nehme ich in dieser schrecklichen Lage meine Zuflucht zu dem Eide, den der Ewige, 2. Buch' Moses Eap. 22, vorgeschrieben hat. Ich schwöre daher bei dem höchsten Gotte, dem Schöpfer .des Himmels und der Erde, welcher sein Gesetz dem Volk Israel offenbart hat, ich schwöre in meinem Namen und im Namen von ganz Israel, daß ich nie bis auf diesen Tag einen solchen Gebrauch in unserer Gottesverehrung gesehen habe, daß sich nie, weder in dem geschriebenen noch in dem mündlichen Gesetze, weder in den Vorschriften unserer Lehrer, noch in der Ueberlieferung oder in einer Gewohnheit irgend eine ähnliche Anordnung gefunden; daß sie nie ausgeübt oder versucht wurde/ daß ich nie eine solche Gotteslästerung, eine solche Scheußlichkeit aus dem Mund eines Jaden gehört, in einem Buch oder einer Schrift gelesen habe. Und wenn ich lüge, so mögen sich alle im 3. Most und im Deuteronom ausgesprochenen Flüche über mich ergießen, ich mag nie dem Segen und den Trost Zions sehen, noch an der Auferstehung der Todten Theil nehmen!" Und Mendelssohn, begeistert durch diese herrlichen Worte, fügte hinzu: „Den schrecklichen Reinigungseid, den Manasse in seinem und in ganz Israels Namen 'geleistet, ich wiederhole ihn heute mit reinem Gewissen. Und ich beschwöre heute alle Juden, die auf dem ganzen Umkreise der Erde zerstreut sind, in unfern Schulen, in unfern Lectionen, in unfern Büchern, in unfern Schriften, in den Worten der Greise, in den Ergießungen der Jugend, in den Ueberlegungen des reifem Alters, im Gesetze Moses, dem Text und den Commentaren, im Talmud, in den Erinnerungen, die für das jüdische Volk bis zur Schöpfung des Universums hinaufreichen, haben wir dort irgend etwas gelesen, erfahren, wahrgenommen, was mit der wilden und barbarischen Vorschrift Aehnlichkeit hätte! „Von euch vergossenes Menschenblut wird eure Feste reinigen, das ungesäuerte Brot wird, mit Christenblutt benetzt, ein wohlgefälliges Opfer für euern Gott fein!" Noch ein Wort: Seit fast 1250 Jahren hat der Jslamismus im Orient, in der Stadt Damaskus seine Fahne aufgepflanzt. Während dieser langen Reihe von Jahrhunderten sahen die Juden nie jene einfältige Anklage gegen sich erheben. Kaum beginnen die Christen ihren Einfluß in diesen Gegenden fühlbar zu machen-, so erwachen augenblicklich die Vorurtheile des Occidents auch im Oriente! Welche traurige Veranlassung zu schmerzlichen Betrachtungen! Französische Christen, wir sind eure Mitbürger, eure Brüder. Ihr habt der Welt das Beispiel der mildesten, der reinsten Dutt düng gegeben. Dient uns zum Schilde, nachdem ihr uns zur Stütze gedient! Möge vor Allem die französische Presse mit dem edeln Eifer, der ihren Ruhm bildet, die heilige Sache der Zivilisation und der Wahrheit aufnehmen. Es ist eine schöne Aufgabe, dieihr so wohl steht und die sie so edel erfüllt. Cremieux,-.Advocat, Mceprasident des Centralconsistoriums der französischen Israeliten." Türkei. Der Österreichische Beobachter hatte am 11. April die Vorfälle in Beyrutnach den levantifchen Zeitungen sehr ausführlich und besonders grell geschildert, nimmt aber am 12. April seine Angaben durch folgende Nachricht zurück: „Amtliche Berichte aus Beyrut vom 15. Marz berichtigen die in unserem gestrigen Blatte angeführten Angaben der smyrnaer Blatter über den angeblich an dem würdigen Vorsteher des spanischen Klosters zu Damaskus, Pater Thomas (so hieß der erste Vertheidigec dieser Anklage und war auch Pater. Red.) begangenen Mord dahin, daß die That keineswegs noch erwiesen, die Thater nicht ausgemittelt sind, und die von der Localbehörde zur Beaugenscheinigung der in den Abzugskanälen des jüdischen Stadtviertels aufgefundenen Knochen bestellten Aerzte und Chirurgen erklärt haben, es seien diese Knochen älterer und überdies Thierknochen." Deutschland. 17. April. In keinem Lande Deutschlands herrscht ein solcher Abstand zwischen politischen und religiösen Leben, zwischen leiblicher Befreiung und geistiger Knechtschast, als hier in Kurhessen, und dieser unselige Abstand wird durch das unwissende Rabbinat, durch dessen maaßlose Heuchelei und Versinsterungssucht mit jedem Tage größer. In keinem Landchen in Deutschland sind die Juden so früh und so ganz emancipirt worden, in keinem Lande zeigt die Ständeversammlung bei jeder Gelegenheit ein solches Wohlwollen gegen die Juden, als hier (z. B. jetzt erst bei der beantragten Aufhebung des beschrankenden Gesetzes über den Hände! ausländischer Juden), und doch steht in keinem Lande die Gemeinde in religiöser Beziehung tiefer, in keinem Lande Deutschlands wird der Cultusfortschntt vom Rabbinate so gehemmt, als hier, und zwar von einem Rabbinate, das ohne Ahnung von einer Wissenschaft des