Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1840)
- Article
- Pesth: Schilderung jüdischer Zustände in Ungarn
- Date
- 1840-04-18
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
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m und Memungszersplitterung, die der hellstrahlende Zeitgeist unter den Bauleuten gebracht/ wird mit dem Mörtel der Spitzfindigkeiten daran noch immer fortgekleistertrenovirt, getüncht und verbessert, und dem Zeremoniell und Focmglauben täglich neue Altäre und Pagoden errichtet. Hier findet man noch bei allem Fortschritte fast in jeder Gemeinde eilt Bet ha-Midrasch, größtentheils fondict, und sogenannte Talmudvereine, wo von Unterrabbinen täglich'Abends nach den Geschaftsstunden vor verheiratheten Individuen ein Abschnitt des Talmuds und der Halacha vorgetragen wird. Versteht sich, nur leichthin und oberflächlich, ohne sich in tiefere und zu weit führende Forschungen und Debatten einzulassen. Hier sehen wir noch, je nach Verhaltniß der Gemeinden, größere oder kleinere Jeschibot, ein Umstand, der in Polen gar nicht stattsi'ndet. Beinahe jeder Rabbine halt es für unerläßliche Pflicht, ein Auditorium von mindestens 10—15 Jüngern um sich zu versammeln, denen er täglich talmudische Vortrage halt, und die ohne jedwede geregelte Richtung blos in den Tag hinein ihrem schranken- und endlosem Studium leben, um kein sonstiges Wissen, um keine etwaige zeitgemäße Bildung und um keine Folgezeit sich kümmernd: so daß jene, denen Glück, Verhältnisse oder Protektion nicht zu einem kärglichen Rabbinate verhelfen, zu unbrauchbaren, unbeholfenen und immerwährenden Bettlern und elenden Jammerbildern werden. Nun wäre dieses Treiben, individuell betrachtet," auf die allgemeine Zeitbildung noch nicht von solch schädlichem und gefährlichem Einflüsse, wenn diese sogenannten, in den Mantel chasidaifcher Pietät gehüllten Jünger, die in Nihilismus sich auflöfenden Grundsätze' stockrabbinischer Orthodoxie nicht weiter verbreiteten und in die Häuser, in welchen sie Zutritt habem, wo sie gleich dm einstigen französischen Ablm's als Gewissensmthe gelten, hineintrügeu. — Irr diesen Kreisen, trotz aller rühmlichen Fortschritte der Neuzeit, gilt es, ein Apologete des wahrlich aller Schutzrednerei so leicht überhobenen Maimonides zu sein, für das größte Bravourstück des Scharfsinns. Da werden die fimpeln, geraden und gelauterten Worte, dieses Geistes auf der Drehmaschine der Spitzfindigkeit so lange gedeutelt, gedrechselt und gedreht, bis ein. Widerspruch darin ergrübelt wird; dann wird das Locomotiv des Geistes erst recht in Bewegung gefitzt und jeder Bachur wird zum Archimedes, zum geistigen 'Bosco, um den Faden der Ariadne aufzusinden, und die Antithese, deren Widerspruch nur Hypothese, durch wieder eine Hypothese auszugleichen. Ja, man kann es versichert 'sein,' kein Bachur wählt irgend ein talmudisches Sujet zu seinem, zeitweiligen Studium, bevor er nicht die in das Gebiet seines Thema's fallenden Stellen des Marmuni genau nachgefchlagen, sich überzeugt und die Gewißheit hat, daß ein' Widerspruch, als' aufzulöfindes Problem, darin aufzugabeln wäre; ist. dies nicht der Fall, schreitetet er zu einem andern. So spielen sie mit dem edlen Geiste, der edlen Zeit und ihrem dies- und jenseitigen Lebensziele. Bemerkungen dieser Art sind es, welche die heilbringende Saat des Güten zu Keime und Gedeihen bringen mögen; die Journalistik sei der Boden, auf welchem diese Saat emporschieße, zu deren Forderung auch der „Orients das seinige beizutragen gewiß keinen Anstand nehmen wird. — Wohlthätigkeitssinn ist ein Punkt, der sich aufs Schönste und Lobenswürdigste bei den Jsraelitengemeinden in Ungarn allenthalben bekundet. Fast jede nur namhafte Gemeinde hat ein Krankenhaus, sogenanntes Hekdesch, für Fremde im Orte erkrankende Arme eingerichtet,' welches durch jährliche Beiträge unterhalten wird; jede zählt mehrere. Vereine und Innungen, vertheilt an sogenannte Orchim, nach Maßgabe Ihres Charakters, Geld, versorgt sse am Sabbat und Festtagen mit Kost und erhält die bei den Rabbinen studirende arme Jüngerschaft. Hier herrscht beinahe überall noch der schöne, löbliche und gewiß beibehaltungswürdige Brauch aus der grauen Vorzeit im Judenthume, daß zur Purim- und Neujahrszeit von jedem bemittelten Hausvater, je nach Verhaltniß seines Vermögens, Geld an die Hausarmen ausgetheilt und ins Haus gesendet .wird. Ein patriarchalischer, an die fromme alte Vätersitte mahnender Brauch, der aber leider in großem Städten bei manchen Vornehmerl und Begüterten, die durch das Schwimmen mit der Modernität des luxuriösen Zeitgeistes von dem gestrandeten Schisse des armen Judenthums abgekommen, durch Jndifferentismus und unverantwortliche Apathie langst in Vergessenheit gerathm. Es ist dieser Brauch um so löblicher und von desto löblicherem Einflüsse, weil er an die Scheidegrenzen zweier Jahressaisons oder Kurse fällt, wo die Hausarmuth den ihr so schwer fallenden Wohnzins zu erlegen, Osterbedarf anzuschaffm, und die auf einander folgenden, jeden Erwerb und Verdienst hemmenden Festtage zu bestreiten hat. — Möge dieses beherzigenswürdige Wort den entsprechenden Anklang finden, auf daß es diesen Brauch befestige und begründe, wo er besteht, und erneuere, wo er vergessen! — Auch haben hie und da die Lichtpunkte einer bessern, zeitgemäßen Aufklärung in Ungarn sich zu zeigen begonnen. Für Ritus und Liturgie ist im Allgemeinen noch sehr wenig geschehen; denn im Ganzen ist Pesth noch immer der alleinige Ott, wo mit einem wohlorganisirten Chore gebetet und deutsche Predigten, gänzlich nach dem neuen Wiener und Prager Bethaufi eingerichtet, gehalten werden. (Fortsetzung folgt.)' Druck von I. H. Nagel. Verlag von T. ■£♦ Fritzsche.