Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1840)
- Article
- Pesth: Schilderung jüdischer Zustände in Ungarn
- Date
- 1840-04-18
- Page
- 123 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360093-2360110-2362290--0411-2362328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
123 sondern Förderung des Staatsinteresses sei. In Begehung auf den zweiten Beschluß wurde die politische Gerechtigkeit, und-ebenso auch der Vortheil des Reichs geltend gemacht, indem man nachwies, daß die Ausschließung der Juden von Besitzthum und Gewerben dieses Volk zwar dem hartem Drange zurückgegeben, nichtsdestoweniger aber den Erfolg ihrer Bemühungen nicht vereitelt, vielmehr jeden Bürger und Edelmann in vieler Hinsicht von ihnen abhängig gemacht habe. Man erwartet mit Recht, daß die Betriebsamkeit und die großen Fonds dieser Nation nun mittels der Kanäle der Industrie durch das Königreich strömen, und dieselbe, von aller Selbstsucht frei, gemeinsamer an das Vaterland schließen werden. Auch die Magnaten, wozu man wegen der Gesinnungen eines Theiles der Klerisei keine unbedingte Hoffnung hatte, schloffen sich Ln einer vor Kurzem gehaltenen Sitzung dem Beschlüsse der Stande an, so daß die allerhöchste Sanction nur noch erhofft wird. Unter den Prälaten leuchteten viele wieder durch echt christliche Duldsamkeit hervor, welche Andersglaubende nicht zu berauben, nur zu belehren gebietet. In diesem Sinne und vom Standpunkte gemeinsamer politischer Gerechtigkeit sprach namentlich der oft gerühmte csanader Bischof Lonowics^ (L. Z.) Pesth, 15, 2CpriL Ungarn ziehet jetzt alle Blicke durch seine so ritterlich und human erledigte Emancipa- Uonsftage, durch das treffliche Aufstreben der jüdischen Gemeinden, so sehr auf sich, daß die Leser des Orients gewiß es nicht ungern sehen werden, wenn ich hier einen ausführlichen, das ganze Leben der jüdischen Gemeinden umfassenden Bericht -mittheile. Dieser Bericht, den ich anfangs in Briefform geschrieben, habe ich zu diesem Zwecke in diese publicistische Form umgegossen, um seinem Inhalte eine größere Verbreitung zu geben. Alles Schöne und Große in Natur und Wissenschaft tragt in sich den Stoff seiner früher oder spater sich entfaltenden allgemeinen Anerkennung. Es möge ein Gebiet noch so beschränkt in dem Umfang seines Kreises, die Peripherie einer Komunität noch so unbedeutend und klein sein, sie wird immer, relativ betrachtet, große Gestalten und Koryphäen aufzuweisen haben, die als seltene Meteore an dem Horizonte ihres Kreises auftauchen, und die, ihres verdienstlichen Wirkens wegen, dm glänzenden Erscheinungen der Vor- und Mitwelt würdig sich anreihen. Solche Erscheinungen sind es, welche die Kultur und den Fortschritt des menschlichen Geistes,^ den Aufschwung der inteUectuellen Kraft in Wissenschaft, Kunst und Leben aufs entsprechendste beurkunden, und diese sind es, welche die Beachtung und Aufmerksamkeit der Mitwelt mit vollem Rechte in Anspruch nehmen, deren Wirken und Charakter, wo von ausgezeichneten Persönlichkeiten die Rede, deren Zwecke, Erfolge und Resultate, wo es um wohlthätige Anstalten, Stiftungen, Institute, Innungen und Brüderschaften sich handelt, als strahlende Vor- und Musterbilder besprochen, der Gegenwart vorgeführt und der späten Nachwelt ausbehalten zu bleiben verdienen. Gern öffnen ihnen die Annalen der Menschheit ihre Pforten, und die Geschichte hat noch immer Blatter für sie in das Buch der Verewigung sie einzutragen. — Noch ist aber, bis auf die Neuzeit, kein Gebiet mit so wenig Umsicht, mit so indifferenter Lauigkeit und rücksichtsloser Unbeachtung, sowohl in Hinsicht feiner ausgezeichneten Persönlichkeiten, als in Betreff seiner innern und äußern Gestaltung, seiner scientisischen und praktischen Stellung behandelt und abgefertigt worden, als das Judenthum. Nur der rege, wissenschaftliche Umschwung, den die Neuzeit Allem gegeben, hat auch diesen mit der Eisesdecke der Erstarrung längst umhüllten Strom aufgewühlt, und der spähende Forscherblick des Zeitgeistes hat hier Schätze historischer Momente wahrgenommen und aufgefunden, die als reiche Quellen eines verdienstlichen Studiums und Forschens sich ihm repräsentiren. — Ich werde Ihnen, so weit weine Hülssquellen reichen und es vermögen, Alles e/i detail berichten, und mich bemühen, es so angenehm und kurz als möglich darzustellen. Zu einer Zeit, in welcher aufgeräumt werden soll, muß Alles, das Geringe wie das Wichtige, das Bestehende wie das Neue, die Revue passiren und ins Auge gefaßt werden. Besonders wenn dies in einem Gebiete geschieht, in welchem die Apathie Alles ohne Prüfung und Untersuchung in den Kasten der Verworrenheit geschleudert, und manche Perle-, der historischen Verwahrung würdig, ewiger Vergessenheit preisgegeben. Um so achtsamer und vorsichtiger geht der Spatere zu Werke und besieht mit scharfgeschliffener, mikrologischer Doppelbrille jedes Körnchen der sich vorsindenden Fakten, um ja der historischen Saat einer folgenden Zukunft das nicht vorzuenthalten, was die indifferente Vergangenheit der Gegenwart versagte. Und darum muß auch die Neuzeit im Judenthume, wo obiges im strengsten Sinne der traurige Fall ist, von Allem ohne Ausnahme einzeln sprechen, und eine dankbare Folgezeit mag dann sichten und ausscheiden, und das Bemerkens, werthe herausnehmen. Wenn wir das Judenthum im Allgemeinen von religiösem Standpunkte aus betrachten, so ist es zunächst Polens nur Ungarn, wo es noch in seiner alterthümlichen, verjährten, aber auch nervigen und markigen Urkraft, fest an seinem talmudischen Palladium haltend, und nur mit langsamen und schweren Schritten dem , Laufe der Zeit nachgehend, dasteht. Hier sehen wir allenthalben den talmudischen Satzungsthurm von Babel noch in seiner autorisirten Sanktion des grauen Alterthums unerschüttert vor uns, von welchem der verknöcherte und verzwergte Thurmwart des Rabbinismus die Gesammtheit überschaut, und mit weithin tönendem Sprachrohre dle geweiheten Orak.elsprüche Rabina's und Rab Asche's verkündet. Und trotz aller Wirren