Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 15 (11.4.1840)
- Article
- Nothwehr gegen drei Recensenten meines Buches
- Date
- 1840-04-11
- Page
- 237 (sequence 2)
- Language
- German
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Nochwehr gegen drei Recensenten, von Dr. Delitzsch. Z38 237 Jakob und Iefeh Toar, der Rabbot, dann des Talmud selber, d. h. mehrerer Masichtot sowohl des babylonischen, als des jcrusalemischen, fort. Ich kann keck behaupten, daß es keine Partei der jüdischen Literatur giebt, mit deren Idiom, Inhalt rmd Geiste ich mich nicht vertraut zu machen gestrebt hatte, selbst die Supercommentarien des Talmud und den Sohar eingeschlossen. Mit welcher Gier und Begeisterung ich damals den ungeheuren Stoff zu bewältigen suchte; mit welcher Hast und Selbstverlaugnung ich jede Gelegenheit ergriff, den Kreis meines Wissens zu erweitern; mit welcher Unruhe und Bibliornanie ich in dem Bücherstaube jüdischer Bouquinisten wühlte, die Custoden der öffentlichen Bibliotheken belästigte und alle Berufsreisen benutzte, um zugleich meine Privatbibliothek zu bereichern: dies wissen die, welche Gelegenheit hatten, mich in meinem damaligen unaufhaltsamen Streben, das fast in ein ebenso geistlich als körperlich mir gefährliches Extrem entartete, genauer zu beobachten. Auch die, welche mir ferner stehen, aber ein geschärftes Auge besitzen, können die Wahrheit des Gesagten unschwer aus mannigfachen Symptomen jenes meines ersten in diesem Fache geschriebenen Buches erkennen. Die jüdische Literatur zahlte damals weder so viel Bearbeiter noch so viel Freunde, als jetzt; es ist offenbar, daß sie seit sieben Jahren in Riesenschritten vorausgeeilt ist, und manche Äußerungen, die ich mit vollem Rechte in der Vorrede meines Buches gerhan, würden bei dem jetzt so regen Interesse zu den wahnwitzigen gehören. Es gab damals nur zwei, freilich selbst bis jetzt noch unübertroffene Leistungen, welche in Behandlung ihres littraturgeschichtiichen Stoffes Solidität der Geschichte, Scharfsinn der Kritik und Lebendigkeit der Charakteristik vereinigten, die Biographien S. I. Ra paPorts (erschienen seit 1828) und Die gottesdienstlichen Vortrage der Juden von Dr. Zunz (1832). Das letztere Werk ist das einzige, in dem bis dahin eine ganze große Literaturmasse, nämlich die Midrasch- Literatur, geschichtlich gesichtet, kritisch analysirt und getreu geschildert war. Angezogen durch die Lectüre der maurischen und italischen Dichter (vorzüglich des Tachkemoni), entwarf ich den Plan, wo möglich, auf ähnliche Weise eine andere Literaturmaffe, die der jüdischen Poesie, zu arbeiten. Ich las Alles, was in diesem Fache mir zugänglich war, nicht bloß die Titel, sondern die Bücher; ich scheute keinen Kostenaufwand, mit eine vollständige Sammlung der poetischen Druckwerke anzulegen; ich schaute mich sorgfältig nach allem in diesem Fache bereits Geleisteten um, aber ich weiß bis jetzt noch von keiner das Literaturgebiet, das ich beschritten, umfassenden Arbeit. Es ist daher eine unverantwortliche Mystification, wenn Dr. Jost seinem Publikum meine Aeußerung, es gäbe keine Vorarbeiten und ich habe keine vor mir gehabt, als eine illusorische verdächtigt. Die Aufsätze S. Cahens und des gelehrten Deutschen S. Munck konnten mir bei meinen schon tiefer eingedrungenen Studien nicht mehr als einige Aufmunterung gewähren, indem sie die Theilnahme für meinen Stoff vorbereiteten. Das Essay on Hebvevv Poetry von P. Sarchi, der, wie ich jetzt aus De Sola's Mitteilung weiß, aus Mantua war, eine Zeitlang in London lebte und in Paris verstorben ist, kannte ich nur aus dem Urtheile Anderer als eine geschmackvolle, aber geschichtlich völlig ungenügende Arbeit. Meinen Plan, die jüdische Poesie von ihren ersten Ausgangen bis auf die Jetztzeit zu verfolgen, ihren pragmatischen Zusammenhang mit der nationalen und universalen Geschichte aufzuweisen, ihre reichen Produkte periodisch zu ordnen Md nicht blos bibliographisch aufzuführen, sondern nach ihrer Außen- und Innenseite zu charakterisiren, fand ich nirgends verwirklicht, auch nicht einmal in der Idee vorgebildet. Jedoch ich bin weit entfernt, mir die Verwirklichung diefes Planes zuzuschreiben; ich habe bis jetzt nur den ersten Band einer Formenlehre der jüdischen Poesie geschrieben, und dieser einen /Einleitenden geschichtlichen Vorentwurf" bekgegebm, um das Interesse für jenen so abstrusen Gegenstand zu wecken. Dieser Vorentwurf ist mir freilich unter der Hand gewachsen, aber ich habe keineswegs in ihn Alles, was mir zu Gebote stand, ausgeschüttet, wie meine schriftlichen Collecraneen leicht Jeden überzeugen könnten; ich habe zudem die Formen -er Poesie, die ftylistkschen und metrorhythmischen, durchgängig als Gesichtspunkt festgehalten, und, wie ich noch jetzt überzeugt bin, in meinen aus langer Lectüre hervorgegangenen Anschauungen mich nicht betrogen. Ich verweise in meinem Buche öfter auf eine größere Geschichte der jüdischen Poesie, die ich zu liefern gedenke — einen Plan, den ich auch jetzt nicht völlig aufgegeben habe und den ich auszusühren gedenke, wenn ich zuvor den zweiten Theil der Metrik geliefert haben werde. Es ist, wie mich ein Ueberblick über meine bis jetzt gepflogenen Studien lehrt, nichts verloren, daß dies noch nicht geschehen; eine Metrik der mittelalterlichen jüdischen Poesie erfordert eine vertrautere Kenntniß der gleichzeitigen arabischen, als ich bis jetzt mir zutrauen konnte und mir aneignen mochte. Die O r'i g i n a l i t ä t meines Buches: Zur Geschichte der jüdischen Poesie, das eine über all mein Erwarten günstige Aufnahme gefunden, ist auch bis auf Dr. Jost allgemein anerkannt worden. Sämmtliche christliche Gelehrte, die es ihrer Beurtheklung gewürdigt haben, geben ihm das Zeugnis; der Neuheit (ich erinnere an die Recensionen C. Crügers in der Börsenhalle und W. Menzels in der Morgenzeitung, so wie an die Excerpte im Ausland); der gelehrte und sachkundige Recensent in den Blättern für literarische Unterhaltung (1837, Nr. 317 — 319), der frei von dem Verdachte aller gedungenen Lobhudelei ist, sagt deutlich, daß ich „auf einem von Vielen kaum geahnten Gebiete eine neue Bahn gebrochen habe." Der ebenso erfahrene als anspruchlose 2C. M artinet i)at offen bekannt, daß er, wenn mein Buch früher erschienen wäre, seine Chrestomathie anders eingerichtet und reicher ausgcstattet haben würde. Auch jüdische Gelehrte der verschiedenartigsten Richtung, wie L. P h i l ip p so n, S. Pleßner, I. L. Saalschutz u. 2t. haben mir öffentlich jenes Verdienst zugcsprochen; briefliche Urtheile, die mir von den größten Kennern der jüdischen Literatur zugekommen sind, will ich übergehen, weil ich nicht weiß, in wie weit ich sie mit Bewilligung letzterer öffentlich machen kann, und weil ich gern auch selbst den Schein selbstgefälliger Prahlerei vermeiden möchte. Wenn ich ein Lob für mein Buch, als Ganzes betrachtet, in Anspruch nehme, so ist es das der Ursprünglichkeit, da ich mir bewußt bin, lieber zu schweigen, als Bekanntes zu wiederholen. Der geschichtliche Stoff war freilich ein gegebener, aber ein Chaos; manche Partien der Literatur, auch der poetischen, fand ich bereits beleuchtet, aber nicht im Zusammenhänge. Das bereits Vorhandene habe ich mir zugeeignet, das noch Dunkele gelichtet, das Vereinzelte aneinandergefügt, das Ganze auf die Staffel pragmatischer Geschichtschreibung erhoben und durch eine getreue Schilderung , belebt durch ein anmuthiges Colorit, einem Publikum vorgeführt, das ebenso durch Mannigfaltigkeit des Materials als Reiz der Darstellung gewonnen werden mußte. Dieses Letztere ist mir, wie faktisch vorliegt„ nicht mißlungen. Die Literatur der jüdischen Poesie ist seitdem wetteifernd angebaut worden, und wenn auch ein L. Dukes in seinen Ehrensäulen und Denksteinen die Nennung meines Namens umgeht, so bekennt doch Dr. Kr afft, der erste, der mit gehöriger Sprachmeisterschaft die jüdische