Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1840)
- Article
- Kandia: jetziger und früherer Zustand ...
- Date
- 1840-03-28
- Page
- 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 fluß gewesen sein auf die Abweisung der Mystik. Unter mehren berühmten Familien zeichnete sich aus die der Kapsoli, von denen Mose am Ende des 15. Jahrhunderts durch Freisinn und Selbstständigkeit hervorragt und mit Isaak Kolon in heftigen Streitgerieth, Elija aber als Rechtslehrer und Historiograph und als Gegner Mose Alaschkar's bekannt wurde; ferner die Familie Kasani, aus der Samuel als Nabbine, Gegner der Kabbala und Arzt am Ende des 16. Jahrhunderts und dessen Sohn Mose bekannt sind *). Einen bedeutenderen Ruf erlangte Saul ben Mose Kohen Aschkenasi. Einer deutschen Familie entsprossen, aber geboren in Kandia 1469, beschäftigte er sich von früher Jugend an mit philosophischer Forschung, ward nach der Rückkehr Elija bei Medigo's nach Kandia (Anfang 1491) dessen eifriger Schüler und Anhänger und mit ihm Gegner der Kabbala, sowie denn auf seinen Antrieb Elija das treffliche Büchlein Bechinat Ha-Dat anftrügte, das er mit einem scharfen Nachworte begleitete; als kurz darauf (1493) sein Lehrer starb, reiste er nach einigen Jahren (1496) nach Konstantinopel, trat daselbst mit mehren dorthin aus Spanien und Portugal geflüchteten Juden, namentlich mit David Jachia und Elieser Eltanßi in Verbindung und verfaßte einzelne philosophische Schriften, und im Jahre 1506, wo er bereits in sein Vaterland zurückgekehrt war, knüpfte er einen gelehrten Briefwechsel an mit dem damals in Venedig sich aufhaltenden Isaak Abrabanel. Diese Familien alle aber stehen zurück hinter derjenigen, welcher unser Held angehort und die der Nachwelt mehre bedeutende Namen hinterlassen hat; es ist die der d et Medigo. Sie war gleichfulls eine deutsche Familie, und der erste, der nach Kandia einwanderte, etwa am Ende des 14. Jahrh., hieß Juda, er hatte drei Söhne, Abba I. (Ha-Saken), der eine deutsche Synagoge in Kandia baute, Mejuchas (der kinderlos starb) und Schemarja, welcher den Beinamen Jkriti, der Kretenser, erhielt und einen bedeutenden Ruf als Philosoph hatte; von diesem ist auch ein philosophisches Werk vorhanden unter d. T. Cheber Jsch we-Jschto, die Verbindung des Mannes mit seinem Weibe, das heißt wahrscheinlich der Form mit dem Stoffe. Schemarja hatte einen Sohn, Namens Mose Abba, und dessen Sohn war der berühmte Elija bei Medigo, auch bekannt unter d. N. Elija Cretenfls. Geboren in der Mitte des 15. Jahrh., hatte sich Elija mit großem Eifer und Talente der damaligen Philosophie ergeben und gelangte nach der Richtung der Zeit, wo selbst berühmte Staatsmänner philosophische Disputationen als eine höchst wichtige Angelegenheit betrieben, zu großem Ansehen, so daß er, der Jude, in Padua öffentlich (ehrte und von dem Senate zu Venedig einst zum Schieds- 1) Mazrcf la-Chokhmah 4 a und 25 b. richter in einem philosophischen Streite gewählt wurde; allein dadurch zog er sich auch den Haß der Partei zu, gegen welche er entschied, und da er durch den Tod seines Schülers Pico Grafen von Mirandola auch seinen Beschützer verlor, kehrte ec um 1490 nach seiner Vaterstadt zurück, unterrichtete auch dort Juden und Christen in Philosophie und starb nach einigen Jahren 1493, in frühem Mannesatter, und die angesehensten Christen der Stadt begleiteten seine Bahre. Außer, mehren streng philosophischen Schriften, in denen er Jbn-Roschd's und Maimuni's Grundsätze vertheidigte und Levi ben Gerschon widerlegte, und von denen mehre in lat. Sprache noch handschriftlich aufbewahrt werden, verfaßte er auch nach seiner Rückkehr nach Kandia eine philosophischreligiöse Schrift zur Vermittelung zwischen Religion und Philosophie unter dem Namen: Bechinat Ha-Dat, Prüfung des Gesetzes. Sein Hauptbestreben in dieser Schrift geht dahin, Religion und Philosophie aus einander zu halten, und indem er jener ihre Wahrheit zugiebt, will er für diese das Recht freier Forschung bewahrt wissen, da sie zwei verschiedenen Gebieten angehörten und die aus ihnen gewonnene Erkenntniß nach ganz verschiedenen Methoden erlangt werde. (Schl, folgt.) Deutschland. Beelin, im Februar. (Verspätet.) Unter den hiesigen neuesten Ereignissen im Gebiete der Synagoge ist wohl keines von größerer Wichtig- und Bedeutsamkeit, als die theilweise wiederhergestellte Ordnung beim öffentlichen Gottesdienste. Die Einführung eines geregelten Choralgcsanges, der rabbinisch-gesetzlichen Amtsbekleidung des Vorbeters. Alles dieses zeugt von dem regem Interesse für die Religion und bekundet auf's deutlichste das lebhafte Streben, die Synagoge wiederum zum Tempel der Erbauung (leider noch nicht der Belehrung) zu machen. Wenn nun aber dieses löbliche Streben von einem geringen Häuflein Idioten, die vielleicht von dem zelotischen Eifer eines fanatischen Schwärmers geblendet sind, verkannt und in Folge dessen gegen die getroffenen Synagogaleinrichtungen noch immer höheren Orts Beschwerde führen, so verdienen diese gewiß nicht unsere Verachtung, sondern vielmehr unser tiefstes Bedauern, und es wäre gewiß der Tendenz dieser Blatter angemessen, eine nähere Erörterung über die gesetzliche Kleidung des Vorbeters beim Gottesdienste anzustellen, damit dieselbe höheren Orts vorgelegt werden könnte, und dadurch allen anderweitigen Klagen und Beschwerden der Zugang versperrt werde. Ja, es steht sogar zu erwarten, daß unser weises, einsichtsvolles Ministerium durch dergleichen Erörterungen veranlaßt, in der Zukunft die äußern Einrichtungen des Gottesdienstes nach der Einen, den talmudisch-gesetzlichen Bestimmungen entsprechenden Form für die ganze Monarchie ft'xirt, und so aller Willkühr in Cultus-Verbesserungen ein