Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 10 (7.3.1840)
- Article
- Süsskind von Trimberg, der jüdische Minnesänger
- Date
- 1840-03-07
- Page
- 145 (sequence 1)
- Language
- German
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Lrteraturblatt des Orients. Berichte, StrrdteN und Kvitiken für jüdische Geschichte und Literatur. Leipzig, den 7. Marz 1840» SüMnd von Trimberg, der jüdische Minnesänger. Frühester Anschluß der nationaldeutschen Singkunst. — Die 'gemischten Ehen (Schluß). — Sendschreiben S. I. Rapaport'ö. — Studium der hebräischen Denkmäler bei den italienischen und galizischen Juden. -- Literarische Skizzen und Berichte. Schriften über Philo. Jurid. Schriften über d. jüd. Recht m Oesterreich. Jbn-Esra's Jesed Mora, die 49 Midot. — Literarische Ankündigungen. — m m. Süsskliul tou Trimberg, der jüdische Minnesänger. ach von Hagen von Fr. Delitzsch. Die jüdische Poesie ist ebenso einzig in ihrer Art, als das Volk, dessen Gedanken und Gefühle, Kampfe und Leiden sie reslektrrt. So wie das Geistesleben dieses Volkes seit dem Eril in einer endlosen Fermentation, in einem der Unstetheit der äußerlichen Lage entsprechenden Wechsel begriffen ist, in dem auch das scheinbar Feste oft zerrinnt und nirgends ein unabänderliches Substrat des Glaubens und der Ueberzeügung erscheint: so spricht die jüdische Poesie die Sprachen aller civilistrten Völker, sie spiegelt alle Perioden und Phasen der Culturgeschichte in sich ab, sie geht mit protmscher Behendigkeit von einer Verwandelung zur andern über und weiß ihr zähes und hochtrabendes Nationalgefühl bald zuverläugnen, bald zu verbergen, bald unter erpreßten Seufzern oder erkämpften Jubeln geltend zu machen. Ich habe schon an einem andern Ort darauf hingewiesen, daß sich im 15. und 16. Zahrh. eine jüdisch-deutsche Vollsliteratur bildete, die freilich nicht reines Deutsch, sondern jenes chaotische Mixtum der jüdischen Umgangssprache redete, die aus hebräischen , maurischen, romanischen und nordeuropäischen Grundstoffen, nach dem Wanderzuge des vertriebenen Volkes von West nach Ost, zu einem barocken Gebilde sich krystalljsirt hat. Alle abendländische Schwänke, Mährchen- und Sagenbücher roulirten damals unter den Juden des Reichs, gedruckt mit jüdisch-deutschen Lettern, ausstaffirt mit poffirlichen Holzschnitten und in dem jüdisch-deutschen Jargon, das kaum eine Sprache, vielmehr das Agglomecat vieler Sprcrchbruchtheile zu nennen ist, die Geschichten wiedererzählend, die zum großen Theil, wie aus der liisciplina derlei den Gestis Romanorum und dem Speculum Mundi zu ersehen ist, aus dem Morgenlande eingewandert waren und nur im Munde der Abendländer sich anders costümirt hatten. Es ist aber von höherer Bedeutung, daß die jüdische Poesie schon im Mittelalter einer glänzenden Periode nationaldeutscher Singekunst sich angeschmiegt hatte, und daß sie damals die deutsche Sprache in ihrer natuckräftigen und kindlichen Form w.itredete, während sie später über ihrem Jargon, dem Erzeugnisse der häufigen Vertreibungen und Einwanderungen, die deutsche Sprache in ihrer Wörterentwickelung zu verfolgen vergaß und erst sehr spät (Ende des 18. Jahrh.) dieselbe, nachdem sie sich selbst unähnlich geworden war, wiederaneignete. Während nämlich die erloschene hebräische Poesie der Pajthanim nur hie und da noch einmal, jedoch mit längst. geschwächter Kraft, aufstackerte, größtentheils um in elegischen Tönen über erfahrene Unbill zu klagen; während die jurisdiktionale Scholastik die Schriftkolosse der Talmude bis zu den Poskim herab auf das Leben überzutragen suchte und so bis in verschwimmende Fernen erweiterte; während als Reaktion gegen diesen tobten ceremonielleu Empirismus die Kabbala wir ihren schwärmerischen Fantasien und theurgischen Zauberkünsten das südliche Deutschland umrankte — war von dem südlichen Frankreich aus, von wo die Geheimlehre zu den süddeutschen Juden herbeikam, zugleich die deutsche Nationalpoesi'e wieder befruchtet worden, sie l\i% wetteifernd mit der provenMalischen, auf ritterlichen Burgen und bei fürstlichen Hoflagem sich wieder vernehmen, und machte sich zu einem unentbehrlichen Gaste aller Feste und Lustbarkeiten. Das südliche Deutschland, bald auch Franken und Thüringen, war bald reichlich versorgt mit wandernden Sängern, armen und reichen, adelichen und bürgerlichen, welche, begünstigt und gepflegt von den Großen, nach Förderung ihrer Kunst, nach Nahrung ihrer Fantasie und nach Belohnung ihrer Geschicklichkeit all ihr Dichten und Trachten richteten. Je« der sieht leicht, daß ich mit diesen Andeutungen die ges nugsam historisch geschilderte und romantisch gemalte 10