Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1840)
- Article
- Berlin: Statistik der Juden in Preußen
- Date
- 1840-03-07
- Page
- 77 (sequence 2)
- Language
- German
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77 geschäst: zahlreich ist hier die Judenschast Zwar nur besonders in den vormals pfälzischen Landestheilen; aber auch in den Kreisen, worin weniger Juden ansaßig sind, lebt doch der größte Theil von ihnen auf dem Lande. Das Verhältnis worin die Wohnsitze der Juden vertheilt sind, ist besonders wichtig für die Verbesserung ihres sittlichen Anstandes. Wo sie vereinzelt und zerstreut unter einer christlichen Bevölkerung leben, nehmen sie zwar die äußeren Formen ihrer Umgebung an, aber damit ist eine Annäherung in Bezug auf die Ansichten und Meinungen, welche ihr Urtheil und ihre Handlungen leiten, nur in den seltenen Fällen verbunden, worin auf anderem Wege' bereits eine gute Bildung erlangt werden konnte. In dieser Beziehung wirkt das zerstreute Wohnen einzelner Judenfamilien unter einer christlichen Bevölkerung unverkennbar nachtheilig, der Elementarunterricht darf sich keinesweges auf eine Uebung im Äuffassen, Ordnen und Mittheilen gewöhnlicher Lebensverhättmsse durch Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen beschranken, sondern er must auch ein starkes Rechts- und Pflichtgefühl wecken, nähren und vor- Verirrungen bewahren. Dieses ist, wenigstens im früheren Lebensalter und überhaupt aus einerniederen Bildungsstufe, nur möglich, wenn die Sittenlehre aus religiösen Glauben gegründet wird. Der Elementarunterricht kann daher einer sehr engen Verbindung mit dem Religionsunterrichte durchaus nicht entbehren) und es folgt hieraus nochwendig, daß die Elementarschulen für verschiedene Religionspartheien jedenfalls in soweit getrennt sein müssen, als dieselben eine wesentlich verschiedene Grundlage ihres- Glaubensbekenntnisses haben. Kann auch der häusliche Unterricht in gebildeten Familien den öffentlichen einigermaßen ersetzen, wiewohl er schon durch seine Einseitigkeit diesem unleugbar nachsteht: so bedarf die große Ueberzahl der Ungebildeten doch jedenfalls der öffentlichen- Elementarschulen schon deshalb, damit die Regierung die Ueberzeugung erlange, daß allen Kindern wirklich ein fruchtbarer Elementarunterricht ertheilt wird. Wo die Judenfamilien vereinzelt unter den Christen wohnen-, mangeln die Mittel, eigne Elementarschulen für ihre Kinder anzulegen; selbst Unterstützungen der Negierung wie freigebig sie auch' bewilligt werden wollten, können hierzu nicht ausreichen. Der Besuch christlicher Elementarschulen ersetzt den Mangel eigener Anstalten für die Juden keineswegs; die Verpflichtung dazu kann vielmehr bei den wohlwollendstem Gesinnungen der Regierung nur zu leicht Erbitterung und eher Entfernung, als Annäherung und Verträglichkeiterzeugen. Sind die Schulpflichtigen Kinder, wie sich weiter oben ergab, vom Anfänge des sechsten bis zum Ende des vierzehnten Lebensjahres beinah ein Fünftheil aller Lebenden: so hat eine Gemeinde, von 250 Mitgliedern schon ohngefahr 50 schulfähige'Kinder, deren. Anzahl so. gewiß, eines eigenen Lehres bedarf, daß zu einer Schule, für eine solche- Gemeinde jedenfalls Rath geschafft werden muß, selbst wo die Kräfte der Gemeinde dazu durchaus unzureichend sind. Indem der bei weitem größte Theil der Juden in den östlichen und mittleren Provinzen des preußischen Staats in Gemeinden von einem solchen Umfange lebt, die Möglichkeit besonderer Elementarschulen für denselben gegeben. Die beträchtliche Anzahl der Judengemeinden von mehr als 500 Mitgliedern in den vier Regierungsbezirken, welche allein fünf Neuntheile aller Juden im preußischen Staate enthalten, erweitert die Erwartungen von den Fortschritten der sittlichen Bildung, welche den Juden in diesem Landesrheile möglich werden, indem sie die Möglichkeit eben so vielen besser eingerichteter Elementarschulen mit Sonderung der Kinder nach Geschlecht und Lebensalter eröffnet.- — Sehr allgemein, und nicht blos den Juden besonders eigen ist die Neigung zum Kleinhandel, überhaupt zu einer Einmischung zwischen dem Erzeuger und Verzehrer, um> durch eine nicht selten entbehrliche Vermittelung zwischen beiden einen Erwerb zu gewinnen, der schon durch das Bewußtsein einer überlegenen Gewandtheit angenehm wird: aber zu verkennen 'ist nicht, daß einige Völker ein besonderes Geschick dazu, und eine vorzügliche Ausdauer dabei besitzen; namentlich dürsten den Juden eigenthümliche Anlagen hierzu-, nicht wohl streitig zu machen sein. Jahrhunderte haben diese Anlagen zu großer Fertigkeit in ihrer Anwendung entwickelt, da die Juden nur erst in sehr neuen Zeiten die Fähigkeit Grundstücke zu besitzen und zünftige Gewerbe zu treiben erlangten, und bis dahin fast nur allein auf die Vermittelung zwischen dem Erzeuger und Verzehrer, durch Handel, Makler- und Wechftlge sch aste angewiesen waren. Dienste solcher Art werden mit den Fortschritten der Bevölkerung und Gewerbsamkeit immer gesuchter: aber das Bedürfnis wird bei der vorherrschenden Neigung sie zu leisten dennoch stets durch das Anerbieten überwogen. In der Bewerbung um Gewinn aus solchen Diensten entscheidet nun das Uebcrgewicht der durch Uebung ausgebildeten Anlagen in solchem Maaße für die Juden, daß daraus eine Vervielfältigung solcher Dienste entsteht, die gemeinschaftlich wird: denn jedes Eindringen zwischen Erzeuger undVerzehrer, das nicht durch deren eigenes Bedürsniß erzeugt wird, nährt einen lästigen Diener auf beider Kosten. Wo dieJuden in zahlreichen Gemeinden beisammen wohnen, entsteht indeß bald die Unmöglichkeit, sich allein von solchen Diensten zu nähren, vorausgesetzt, daß eine gute Polizei weites Umherfchweiftn außer den Wohnsitzen und offenbar widerrechtliche Handlungen verhindert. Es erwächst alsdann für die Juden selbst die Nothwendigkeit, anderen Erwerb zu suchen:-sie begannen in Polen schon längst. Handwerk zu (reiben, und diese Richtung ihrer Thatigkeit wird zunehmen mit der Gelegenheit, sie bei jüdischen Meistern zu erlernen. So lange nämlich Handwerkerlehrlinge der Regel nach , nicht blos-zum Er-