Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1840)
- Article
- Jerusalem: Zustände der Juden daselbst
- Date
- 1840-02-15
- Page
- 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 — recht wohl; mit der außren Reinlichkeit herrschte hier innere Lauterkeit und anspruchslose Zufriedenheit. Ich lernte an Herrn Bergmann und den Seinigen solche Menschen kennen, denen das Bürgerrecht im Lande der Väter schon in ihrem Innern verliehen ist. Wir konnten heute nur kurze Zeit bleiben, da wir die fromme Sitte und Stille des mit Sonnenuntergang beginnenden Sabbates im Hause des gewissenhaften ernsten Rabbinens durch unsren Besuch nicht stören wollten. Dagegen wiederholten wir spater unfern Besuch öfter, und ich lernte hier, so wie. durch die Gegenbesuche in unserm Pilgerhause mehrere der ausgezeichnetsten und gelehrtesten deutschen Rabbinen von Jerusalem kennen. Ich fasse das, was diese Bekanntschaft mir zu bemerken gab, schon hier kurz zusammen. Im Allgemeinen darf man den deutschen, nach Palästina ausgewanderten Israeliten das Zeugniß geben, daß der Zug der sie dahin führte ein sehr achtenswerthec, Theilnahme erregender war. Es sind die Hoffnungen Israels, der noch immer fortbestehende Glaube an das ihren Matern gegebene Wort der Verheißung, was ihnen den Muth verlieh, alle Vortheile und Bequemlichkeiten des Vaterlandes zu verlassen, und sich freiwillig in ein Loos der harten Entbehrungen und mannigfaltigen Gefahren zu begeben. Unter ihnen fand ich nicht bloß eine große Zahl vorzüglich gelehrter, sondern auch frommer Männer, welche durch eifrigen Gottesdienst und anhaltendes Gebet bei Tag und Nacht zu dem Tröste Israels zu gelangen hoffen, und dieses Trostes als eines nahen warten. Auch der Freund jenerv tieferen Erkenntnisse, welche durch uralte Ueberlieferung bis zu den jetzt Lebenden Israeliten gekommen sind, namentlich der kabbalistischen Studien, würde unter den gelehrten Rabbinen von Palästina Meister treffen, deren Belehrung ihm von höchstem Werthe sein könnte. Was jedoch höher zu schätzen scheint denn Alles: man findet unter den Israeliten von Palästina so manche, welche mit Ernst in den Propheten und andren Schriften des alten Bundes forschen und diese von Herzen lieb haben. Der treffliche Beurtheiler von Lord Lindsays Reiseberichten in einer vielgelesenen englischen Zeitschrift macht die Bemerkung: „daß vor allen andern Landern unser deutsches Vaterland der Sitz- und Ausgangspunkt jenes modernen, liberalen Judaismus sei, an welchem der eigentliche, göttlich-prophetische Charakter des altgläubigen Judenthums sich ganz verwischt hat. Mit dem Glauben an einen göttlichen Ursprung der Verheißungen und Zeugnisse des,alten Bundes, fällt dann auch die Hoffnung auf eine göttliche Wiederbelebung des erstorbenen Stammes hinweg: an ihre Stelle ist das Streben nach einer politischen Regeneration, auf dem natürlichen Wege der jetzigen, europäischen Völkerbewegungen getreten. Während deshalb. der altgläubige Israelit noch immer fottfahrt zu Gott zu beten, daß der Stern Jakobs über seinem Volke aufgehen, daß der Trost erscheinen möge; während sein großes Festgebet mit den Worten schließt: „Jahr das da kommt, o führe uns nach Jerusalem," entfernte dagegen der neuere Liberalismus aus seiner Liturgie die Bitte um die Zukunft des Mesias und um die Wiedererlangung dessen, das den Vätern versprochen und bisher ein Ziel des fortwährenden Heimwehes des ,ut alle Lander der Erde zerstreuten Volkes war. Aber so richtig auch das Negative erscheinen mag, was in jener Bemerkung über den modernen, deutschen Judaismus liegt, der jene göttlichen Wahrheiten verkennt und verläugnet, die selbst dem Talmud noch als feste Basis unterlagen, so, darf dennoch auf. der andren Seite nicht übersehen werden, daß, wie der Verfasser zugleich bemerkt, der geistige Aussatz der falschen Freiheit und des Unglaubens nicht das ganze, sondern nur einen Theil des israelitischen Volkes ergriffen habe. Namentlich in Deutschland,, wo diese Art der Gegensätze auch nach andern Seiten hin in ihrer größten Scharfe sich hervorzurufen und zu bestärken pflegt, ist zugleich der alte Glaube der Vater und das Aufmerken auf das Wort der Vec» heißung in einer Starke und Lebendigkeit wieder erwacht, wie kaum anderswo. Die meisten jener Israeliten, die in unfern Tagen im Glauben und fester Hoffnung, daß der Herr sich Zions einst wieder erbarmen werde, nach Palästina zogen, kamen aus dem Lande, in dem nach der Aeußerung unsers edlen Engländers, der moderne Judaismus entsprang, welcher solcher Hoffnung spottet, und aus jenem, in welches die Ansteckung zunächst sich verbreitet, aus Deutschland und aus Polen." Merkwürdiges Erwarten eines neuen, großen Tages der Geschichte, welches auf einmal so viele Völker: Beduinen und .Türken, Israeliten und Christen in Süden wie im Norden bewegt! Konstarrtiuopel, 21. Jan. Die Abstellung des Hacadsch (&TD)- ist eine weitere Entwickelung der Reformen im Verwaltungsweg^ Wie die Pforte den dadurch entstehende Ausfall zu decken denke, darüber hat sie sich noch nicht ausgesprochen. Wir fürchten aber, daß ihre Hoffnungen auf die Wirkung dieser Maaßregel nicht ihre volle Erfüllung finden; denn das Pcincip, welches Rajas und Muselmänner im türkischen Reiche scheidet, liegt tiefer, als daß es durch den Haradsch erreichbar wäre. 'Der Haradsch ist schon im Koran begründet. Es ist dies die . Karte, wodurch dem Raja bestätiget wird, die Kopfsteuer für das laufende Jahr bezahlt zu haben, und diese Kopfsteuer war bei der ursprünglichen Einrichtung das Aequivalent, welches nicht muselmännische Unterthanen statt des Waffendienstes, wozu sie nicht zugslassen wurden, dem Staate darbrachten. In den letzten Zeiten betrug diese Steuer 60, 30 oder 15 Piaster für den Kopf, nach Maaßgabe/ als der Raja der wohlhabe^ den, Mittlern oder armen Klaffe angehörte. Kein Raja war ausgenommen von diesem -Beitrage, der jährlich ent-