Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 4 (25.1.1840)
- Article
- Das Buch Kuzari
- Date
- 1840-01-25
- Page
- 58 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeled Sekunim. Lebensskizze Ahron Chorin's. Seine Schriften. 62 61 O'Äj?) ich, oder Kind des hohen Alters u. s. w. (Fortsetzung.) Ich sah wohl ein, daß ich durch Unterfertigung des Compromisses nur mir selbst meinen Untergang bereite; doch mich ängstigte der Gedanke, daß ich im Falle der Weigerung den Kredit bei meinen Religionsgenossen verlieren könnte Es wird heißen, dachte ich, daß ich mich von den Vorschriften der Religion lossagte; daß mein Werk die Feuerprobe nicht bestehen könnte, und so wäre mein Streben für Beförderung ihres Wohls vergebens. Lange kämpfte ich mit mir selbst, welchen von beiden Uebeln ich als dem Mindern den Vorzug geben sollte , als plötzlich ein Strahl der Hoffnung mein Herz durchdrang. Meine unbefugten Richter, nicht fähig, ein ordentliches Dokument zu schreiben, reichten mir einen Bogen Papier, und drangen dar-- auf, da es schon spät in der Nacht war, das Compromiß selbst aufzusetzen und zu unterfertigen,- welches sodann auch von meinen Gegnern geschehen sollte, um sodann den folgenden Morgen ans Werk gehen zu können, und den Frieden herbeiäusühren. Ich konnte es mit Zuversicht voraussetzen, daß diese Männer, unbekannt mit Allem, was außer dem Bereiche des Talmuds liegt, auch nicht wissen werden, daß ein Compromiß in Alba ungültig sei. — Ich nahm daher den mir überreichten Bogen Papier, schrieb darauf das Wort „Compromiß" und meine Namensfertigung, reichte ihn meinen Gegnern, welche sich gleich unterfertigten, und so wurde ich für diesen Tag von dieser mir peinlichen Sitzung befreit. Am andern Tage, um den Vorgang imposanter zu machen, wurde die Sitzung dieses Tribunals, welchem auch einige von den Vorstehern der dortigen Gemeinde beiwohnten, im Gemeindehause,, was an die Synagoge stößt, gehalten. Der große Raum des Vorhofes war mit Gassenbuben gefüllt, die mich schon beim Eintritt mit den ihnen eigenen Lästerungen und lärmenden Hohn begrüßten. Auf meinem bei dem Eintritte in den Saal gemachten Gruß, erfolgte keine Erwiederung. Eine feierliche, Grauen erregende Stille herrschte einige Minuten. Der Altofner Rabbi war abwesend, und der Aszader Rabbi hatte den Vorsitz. Dieser unterbrach endlich mit einer drohenden Stimme die Stille, indem er mir zurief: Im Rathe dieses heiligen Gerichtes wurde einstimmig und unabänderlich beschlossen, daß in wie ferne du nicht die Irrthümer, die du im Rosch Amana ausgesprochen, widerrufst, dir zum Zeichen deiner Entehrung der Bart abgeschnitten werden soll. Und wirklich stand schon jemand mit einer Scheere in der Hand bereit, nur dm Befehl abwartend, dieses Enturtheil zu vollstrecken. Keine Vorstellung, keine Bitte: man soll mir die Stelle im Rosch Amana nur bezeichnen, wo ich mich gegen die Grundsätze der Religion vergangen habe, fruchtete etwas. Er hielt mir das von mir unterschriebene Compromiß vor das Gesicht, mit den Worten: „Hier ist Grund genug." Zugleich winkte er dem Manne zu, welcher dazu bestellt war, mir den Bart abzuschneiden, welcher schon Miene machte, sich mir zu nahen. Um der öffentlichen Brandmarkung zu entgehen, schrieb ich einen Aufsatz des Inhalts: Ich bereue das Buch Rosch Amana herausgegeben zu haben; sodann wurde mir.geschieden, daß ich entlassen sei, und das Urtheil rücksr'chtlich meiner künftigen Existenz,, mir seiner Zeit zugestellt werden würde. ** Die Sensation, welche die schnell verbreitete Kundmachung dieses Ereignisses unter meinen Freunden und Feinden machte, läßt sich kaum beschreiben. So sehr sich letztere des vermeintlichen Sieges freuten, so unbegreiflich war es jenen, wie ich so unvorsichtig handeln konnte, mich in einem Netze fangen zu lassen. Viele derselben, auch mein alter Vater, seligen Andenkens, meine ganze Familie waren besorgt, wie ich diese so ergreifende Gemüthsbewegung ertragen würde. In diesem schrecklich auf Herz und Gemüth einwirkenden Zustande'-empfand ich die Kraft des schuldlosen Bewußtseins, die Macht des Vertrauens auf das Obsiegen der Wahrheit. Nicht nur, daß diese mich stärkte, mit stiller Ergebung, mit Geduld die Leiden zu ertragen; sie stärkte mich, meinen Vater, meine Familie, tmb meine Freunde zu trösten, ihnen Muth einzuflößen, daß sie eben aus die unüberwindliche Macht der Wahrheit vertrauten, und sich beruhigten. In einem Rekurs an die hochlöbl. königl. Statthalters, bewies ich durch legalisirte Belege: 1) Daß der oberwähnte, am 8. August 1805 ausgestellte Aufsatz hinsichtlich des in Frage stehenden Werkes Rosch Amana, wirklich vom Alt - Ofner Rabbi aufgesetzt, und auf seine Anordnung von seinem Schreiben zu dem Behufe rein überschrieben wurde, daß ihm der Alt-Ofner Rabbi in der dazu bestimmten Sitzung eigenhändig unterfertigen werde. 2) Daß das Compromiß in der Nacht vom 1. auf den 2. September in Alba unterfertigt worden sei. Diesem zu Folge erließ die hochlöbl.' königl. Statthalterei den Befehl, daß die vom Alt-Ofner Babbi gefällte Sentenz Null und nichtig sey; zugleich, daß mir vom löbi. Araber Comitate, wegen der von meinem Widersacher am 8. September 1804 zugefügten öffentlichen Beleidigung, hinlängliche Satisfaction rücksichtlich der dießfalls verursachten Kosten, Schadenersatz zuerkannt werde. Die Untersuchung, zur Ermeffung der Expensen und der Satisfaction verzog sich bis den 2. Mai 1807, wo ich, mein Gegner und die Vorsteher der Gemeinde von der hiezu vom Comitat bestimmten löblichen Commission, zur Vernehmung des diesfälligen Gerichtsspruches berufen worden. Ich erbat mir bei dieser Gelegenheit die Erlaubnis, an meinen Gegner eine Ermahnungsrede zu halten. Ich stellte ihm das Sträfliche seines Benehmens, die schädlichen Folgen der Zwietracht, und die schreckliche Wendung, die dieses Ereigniß hätte nehmen können, auf die sanfteste Art vor. Der gute Mann, der nur von einigen Nabbinen verleitet wurde, und nun sein Vergehen bereuete, wurde ergriffen. Kaum bemerkte ich die Thrane, die in seinem Auge zitterte, die Reue die sich in seinen Zügen malte, als ich ihm zurief: Nun höre Gottes Worte. So spricht der allgütige Vater! Wie, verlange ich denn des Sünders Untergang? wahrlich nein. Das ist mein Verlangen: Er bekehre sich und lebe glücklich. Gott siehet deine Neue und verzeihet dir, auch ich verzeihe dir und verzichte auf Satisfaction und Expensen. Dann wendete ich mich an die gegenwärtige Commission mit der Bitte: Auch Euer Hochgeboren bitte ich um Verzeihung für den reuigen Bruder, und es wird uns auch einst unser Allvater in Gnaden aufnehmen! — So endigte dieses Erergniß. Aufgefordert' von einer ansehnlichen Gemeinde in Deutschland, gab ich (Dessau 1818) die hebräische Abhandlung, betitelt: DEMI (Wahrheits-Eifer) heraus, worin ich mit einleuchtenden überzeugenden Gründen aus der heiligen Schrift und dem Talmude bewies: wie es nicht nur erlaubt, sondern Pflicht sey, die Gebetsformeln von unwürdigen Zusätzen, von jenen Geburten einer Esyttlob vergangenen finstern barbarischen Zeit zu reinigen, und bie Gebete nach Umständen in der Landessprache zu verrichten.