Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1840)
- Article
- Egypten: Kairo
- Date
- 1840-01-11
- Page
- 11 (sequence 3)
- Language
- German
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haben keine anderen Subsistenzmittel, als die ihnen von den Oberen der Synagoge ettheilten Almosen. Habsucht ist ganz besonders ein Charakterzug der Juden in Egypten, mehr als der in andern Landern, wo sie weniger bedrückt sind. Sie vermeiden auf daS sorgsamste, mit Benutzung aller ihnen zu Gebote stehenden Mittel, den Verdacht, im Besitze großen Reichthums zu sein. Aus diesem Grunde kommt es, daß sie öffentlich eine so lumpige Figur machen, und das äußerliche Aussehen ihrer Häuser vernachlässigen. Sie sind im Allgemeinen streng m Ausübung ihrer Religionssatzungen, und obgleich listig in Handelsgeschäften, sind sie doch ehrlich in Erfüllung ihrer Eontrakte. Viele der egyptischen Juden sind Ssarraf's^) (Banquiers oder Geldverleiher); andere sind Ssairafi's, und als Männer von strenger Rechtlichkeit geschätzt. Einige sind Gold- und Silberschmiede; andere treiben den Handel von Kleinkrämern oder Obsthändlern u. s. w. Wenige der Wohlhabenderen sind Engroisten.^ Außer diesem Theil 1l. S. 343 —348 gegebenen'Berichte finden wir in dem trefflichen Wecke des geistreichen und gelehrten Britten noch folgende Notizen: Die egyptischen Juden sprechen,, wie die muslimischen Egypter, Kopten und Syrer, mit wenigen Ausnahmen, keine andere Sprache als nur die ar a b i sch e, welches auch die allgemein angenommene Sprache der hier ansässigen Fremden ist. Die Nubier sprechen unter einander ihre eignen Mundarten (I, 26). Der koptische Patriarch, das Haupt seiner Kirche, entscheidet geringere Rechtshändel unter seinem Volke in der Hauptstadt, und der untere Klerus hat dieselbe Berechtigung an andern Orten, jedoch kann an den Kadhi appellirt werden. Ein von einem Kopten beleidigter Muslim kann sein Recht bei dem Patriarchen oder bei dem Kadhi suchen; ein Kopte hingegen, welcher Rechtshülfe gegen einen Muslim sucht, muß sich an den Kadhi wenden. Die Juden befinden sich in ganz ähnlicher Lage (j, 151). — Wir hören, daß Lane sein mit höchster Akribie, abgefaßtes Werk durch eine abermalige Reise nach Egypten dem Ideale der Treue und Vollständigkeit noch näher führen wolle; möchte er auch die Zustande und Sitten der jüdischen Bevölkerung, die er bis jetzt nur aus oberflächlicher Berührung kennen gelernt zu haben scheint, in einer gründlichen Schilderung seinem malerischen Werke einverleiben. © AlexadLren. In keiner Stadt des Orients begegnet der Reisende einer solchen Anzahl fränkischer oder europäisch gekleideter Juden als hier, namentlich seit der selbstständigen Herrschaft Mehemed Ali's, und leicht könnte ein oberflächlicher Rcisebeschreiber die Meinung 4) Dieses Wort ist in die englische Sprache übergegangen: Shrott's, best von den Geldwechslern zu Calcmta, wie such das englische N a b o b aus Indien stammt (das arabisch pl. NuvYivab, der Statthalter, Unter- oder Mcerichter). aussprechen, daß alle diese äußerlich Europaisirten nur Einwanderer aus dem Occident seien. Dies ist aber nicht der Fall; es sind im Gegentheil seit der Selbstständigkeit Egyptens mehr Juden als sonst früher ausgewandert; die Häufigkeit der fränkischen Tracht bei dm Juden ist leider nur eine Folge der grenzenlosen Tyrannei des egyptischen Pascha. Die Europäer werden bekanntlich, da sie unmittelbar unter dem Schutze der europäischen Consuln stehen, von der heimischen Tyrannei verschont, und die Juden, bis jetzt oft der härtesten. Tyrannei ausgefttzt, scheueren weder Mühe noch Geld, um solche Nachweise der europäischen Abkunft irgend wie zu erhalten, welche ihnen denn ein kräftiges Mittel gegen Bedrückungen waren. Die Consuln christlicher Staaten verhalsen theils aus Menschlichkeit und Liebe, theils aus Eigennutz zu solchen Scheinen, vorzüglich schon deshalb, weil ihr Anhang dadurch vermehrt wurde. Diese durch die Tyrannei Hervorgerufene List, deren sich die wohlhabenden und reichen Juden bedienten, brachte in einigen Jahren eine Lücke in das Erpressungssystem, so daß der Pascha verordnen mußte, daß alle Neueuropäer nur dann als solche betrachtet werden sollten, wenn sie mit der Legitimation ihres fränkischen Ursprunges auch das fränkische Eostüm anlegten, weil er sie sonst dem christlichen Schutze entziehen werde. Die meisten legten natürlich die europäische Tracht an; denn sie wollten sich lieber dieser für sie freilich sehr unbequemen Kleidung bedienen, als der schändlichsten Bedrückung und Erpressung ausgesetzt zu fein. So hat die Tyrannei eine große Anzahl egyprischec Juden europaisict, deren Kinder jetzt schon Schrift und Sprache drc Europäer erlernen, und gegen ihren Willen die meisten Juden daselbst lder Civilisation näher gebracht. Italien. Italien ist das Land der Gleichgültigkeit gegen jeden geistigen Fortschritt, und vorzüglich in den jüdischen Gemeinden daselbst ist von dem früheren geistigen Leben keine Spur mehr übrig. In früherer Zeit war es nächst Spanien, spater nächst Holland, das Land der jüdischen Wissenschaft, der Hochschulen, der ausgebreitestm Gelehrsamkeit, jetzt sonnt es sich höchstens in den geborgten Strahlen germanischer Bildung und das ist schon für dasselbe ein Gewinn, wenn es in dm Strudel der germanischen Geistcsbewegung unwillkührlich hineim gezogen wird. Die Städte Italiens, die zunächst unsere Beachtung verdienen, sind Livorno, Mailand- Verona, Mamtua, Modena, Padua, Parma, Venedig, Nom und Triest, und gern geben wir dem Leser eine geordnete Reihe von Skizzen, so weit einheimische Correspondenzen und Zeitblätter es uns bieten, um die Kraft des modernen Geistes der deutschen Juden in seinem Einflüße aus Nachbarländer nachzuweisen. 2*