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Im deutschen Reich · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März 1922) · p. Seite 86

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
28 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März 1922)
Article
Seine Jüdin [Rezension]
Date
1922-03-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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36 Im deutschen Reich semitismus verseucht war. Selbst zur Zeit, da Lueger den „kleinen Mann" durch judenfeiudliche c^chlagworte zu politisieren suchte, drang der Haß gegen die jüdischen Wiener nie über die Schwelle qualmiger Wahlversammlungslokale und drang niemals — auch das weiß Herr Bartsch genau — in die Reihen der österreichisch-ungarischen Armee, in der alle Einjährigen Reserveoffiziere und ungezählte Juden Stabsoffiziere, mitunter Generäle wurden. In diesen Kreisen waren auch Mischehen an der Tagesordnung — denn der k. und k. Offizier war meist arm —, und wenn solche Geldheiraten auch oft belächelt wurden, so wäre es doch niemandem eingefallen zu behaupten, daß sie unfehlbar zu schweren Ehekatastrophen führen müßten, weil zwischen den Rassen der Gatten ein unüberbrückbarer Abgrund klaffe. Und hätte Herr Bartsch, als er noch die Uniform trug, etwa im Offiziers kasino von den Wiener Mädchen wegwerfend als von einer minderwertigen Menschengattung gesprochen, bei der er Schönheit, Klugheit und vollends geistige Kultur nur als Ausnahmequalitäten gelten läßt — er wäre von seinen Kameraden gründlich ausgelacht, ja als geistig nicht ganz normal befunden worden. Heute spricht er so. Er tut es durch den Mund seines Romanhelden, des Oberleutnants Christoph Hebedich, den sein tiefer Katholikenglaube in mystische Grübelei und Versonnenheit treibt, der ein schwerlebiger, wortkarger, verschlossener Mensch ist und sich eines Tages leidenschaftlich in eine Freundin seiner Schwester verliebt, die dem Judentum angehört. Ueber diese Liebe ist niemand erstaunter als er selbst. Daß eine Angehörige des „fremden Spreuvolkes" ihm mehr als ethnologisches Interesse zu entlocken vermag, obwohl ihm die Schwester versichert, daß Grete eigentlich keine Jüdin mehr und bereits „verarisiert" sei — darüber kann er sich kaum fassen, und einmal fragt er, während er ein .Kruzifix in der Hand hält, ob auch Grete „auf diesen hier mit demselben entsetzten Grauen, dem nieverstehenden Haß schaut, wie die Juden sonst alle . . . Hand aufs Herz, Herr Bartsch! Wann haben Sie je mit eigenen Ohren eine christusfeindliche Aeußerung eines Juden, einer Jüdin gehört? Wie vereinen Sie solch hetzerische Verlogenheiten — denen zahllose ähnliche Ihres Buches angereiht werden könnten — mit Ihrer einstigen Offiziersehre? Oder haben Sie auch diese der Literatur geopfert, wie den Offiziersrock? Der Oberleutnant Hebedich und das tatsächlich völlig „verarisierte", sonst aber sehr kluge und reizvolle Fräulein Grete Lobes werden ein Paar. Und dank der strebsamen Rührigkeit Gretes macht der unbeliebte, menschenfeindliche Offizier bald Karriere. Daß der Autor hier um den Preis belächelnswerter Unwahrscheiulichkeiten den Einfluß Gretes, die selbst alte Generäle wie die Puppen forträumt, absichtlich übertreibt, um den Leser sagen zu lassen: So weit also reicht die Macht einer Jüdin! — sei nur nebenbei bemerkt. Die Ehe ist anfangs glücklich und ihr entspringen drei Töchter. Doch Hebedich bleibt im Tiefsten seiner Frau immer verborgen und unergründlich. Seine Seele erschließt sich ihr nie, und nur ihre immer wieder auflodernde Leidenschaft und ihre Bewunderung für den angesehenen, erfolgreichen Mann täuscht sie darüber hinweg, daß diese Ehe in Wahrheit keine ist. Die Rasfeukluft zwischen beiden schließt sich niemals, und um sie offen zu lassen, läßt Bartsch seinen Zärtlich geliebten Helden die gröbsten Taktlosigkeiten begehen, seiner Frau 'stets ihr Judentum vorwerfen, nach den jüdischen Zügen im Antlitz der Kinder spähen und im Selbstgespräche gestehen: Sie hat-in mir nie den Goi, stets nur den. Menschen gesehen: ich in ihr nur die Jüdin. Ist es erstaunlich, daß ein Mann, der sich so zu seiner Gattin, zur Mutter seiner Kinder stellt, Mutter wie Kinder schließlich verliert?

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