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Im deutschen Reich · 1921-11-01 · Heft 11 (November 1921) · p. 338

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
27 (1921)
Issue
Heft 11 (November 1921)
Article
Der Roman als Kampfmittel
Date
1921-11-01
Page
338 (sequence 2)
Language
German
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338 Im deutschen Reich dem die Maske vom Gejicht gerissen wird, durch manch feinen, ein überrajchendes Eindringen in die jüdische Psyche ossenbarenden Zug. wenn die alte Großmutter im Lehnstuhl den lauschenden Kindern von den Pogromen ihrer Jugendzeit erzählt, und diese leuchtenden Auges versprechen, dem Beispiele der Vorfahren getreu eher das Schlimmste zu erdulden, als dem Glauben untreu zu werden —: Triumphe des Judentums, Höhepunkte seiner Geschichte, bei deren Berührung nur ein versteinertes Herz kalt bleiben kann. Nicht ganz frei — die Vergleichs- Momente liegen auf der Straße — ist auch gelben von aus Liebe zu seinem Gegenstände entspringender Einseitigkeit, doch schildert er seine Juden nicht entfernt so engelhaft, wie sie dem umschleierten Auge des andern ohne Ausnahme als teuflische Nachtgeburten, als Auswüchse der Hölle erscheinen. Man erkennt sogar, wie Felden bemüht war, die Farben zu mischen, da er neben so edeldenkenden Juden wie den Loebs, denen Friedrich Kramer sein Lebensglück verdankt, jüdisches Protzentum, wie es von vornehmen Glaubensgenossen unbedingt verabscheut wird, aufmarschieren laßt. «Die Sünde wider das Volk" spielt im Elsaß in der Zeit zwischen den nachsiebziger Tagen und heute. Auch Rudolf Herzog hat in seinen neuen, unangenehm national und völkisch gefärbten Roman, der in etwas gesuchter Sprache dichterisch frei beginnt, letzte Begebenheiten zum Greisen deutlich hineinverwoden. Ich kann mich damit nicht befreunden, weil wir als Menschen trotz unserer erhabenen Stellung in der Schöpfungswelt nicht zeitlich erhaben genug über den Dingen stehen, die sich noch stündlich weiterentwickeln. Bei Felden hoben wenigstens Schauplatz und chrono« logische Folge einen (wiederum der Tendenz untergeordneten!) Sinn und Zweck, ja es ist sogar das Große an dem Roman, daß sich hieraus ein bewegter politischer Hintergrund mit scharf umrissenen, konsequent entwickelten Parallelen ergibt. Wie das preußische Regime nach 1870 dazu beitrug, auch unter gut deutsch gesinnten Elsässern Franzosensreunde zu züchten, so werden jetzt die Juden, die für den deutschen Boden mehr als einen Blutstropfen vergossen haben, und deren hervorragende Kräfte das Vaterland zum Wiederaufbau braucht, durch den Lügenfeldzug gewissenloser oder irregeleiteter Nationalisten Deutschland entfremdet — in beiden Fallen eine Sünde wider unser Volk, das damit zugleich im Auslande an Ansehen verliert. Und noch eine dritte Parallele, vielleicht die wichtigste, ließe sich den Feldenschen hinzufügen. Erleiden nicht die Deutschen in der Welt das gleiche wie die Juden heute von ihren deutschen Volksgenossen? Und ist nicht der deutsche Jude doppelt zu leiden verurteilt? Sollte das Gefühl deS Schmerzes, aus nichtigen Ursachen befehdet zu werden, nickt manchen „deutschblütigen" Hetzer umstirnmen, und sind nicht auch die Beweggründe — Mißgunst, Angst des Schwächeren — vielfach die gleichen? Den tragischen Ausklang seines Buches kann ich Felden nicht zum Vorwurf machen, er scheint mir durch den logischen Aufbau geradezu geboten. Weit entfernt, jede Hoffnung auf Besserung, die ja in dem Buche als solchem lebt, auszuschalten, schildert der Verfasser nicht, wie sich alles in einer besseren Zukunft gestalten soll, sondern welche verderblichen Folgen Lüg und Trug und Hetzerei für uns alle, christliche wie jüdische Deutsche haben. Friedrich Kramer, den wir liebender Anteilnahme voll durch alle Seiten des Romans begleiten und in dessen geradem Sinn sich etwas von FeldenS eigenen Anschauungen zu spiegeln scheint, stirbt als Opfer der großen Sünde wider das deutsche Volk.

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