Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 11 (November 1921)
- Article
- Der Zarenmord und die Juden
- Date
- 1921-11-01
- Page
- 321 (sequence 2)
- Language
- German
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Ter Zarenmord und die Juden 321 Feuer geworfen. Solcher Reliquien gab es viele, sie wurden als ,Heiligcnblut" verehrt und taten große Wunder, gaben den Ortschaften den Namen (der sich vielfach bis auf den heutigen Tag erbalten hat), man wallsahrtete zu ihnen aus weiter Ferne, und die betreffenden Kirchen und Ortschaften zogen daraus riesige Einkünfte. Die Reformation, die diesem ganzen Komplex von Glaubensvorstellung den Boden entzog, hat mit allen derartigen Prozessen endgültig aufgeräumt, und vor etwa 45 Jahren entdeckte der geniale. Breslauer Botaniker Ferdinand Cohn, einer der Begründer der modernen Mikrobiologie, den Pilz, der an lange eingeschlossenem Teig blutrote Flecken erzeugt und die Gegenwart des Blutes Christi in der geweihten Oblate bezeugte, das ihr die Juden in ihrer bodenlosen Verworfenheit und Mordgier ' abzuzapfen liebten . . . ganz reckt. Aber die 39 verbrannten Berliner Juden und ihre unzähligen Vorgänger sind nicht wieder lebendig geworden. Vor unseren Augen bildet sich jetzt eine ähnliche Legende, keimt und sproßt und breitet sich aus: von fleißigen Händen gepflegt, ver.zwei'gt sie sich überall hin, schlägt immer Liefere - und festere Wurzeln und ist im Begriffe, sich zu einem mächtigen Baum auszuwachjen, dessen Früchte vielleicht noch auf Jahrhunderte'hinaus unseren - Nachkommen das Leben verpesten werden, wenn wir nicht rechtzeitig die Keime ersticken und die Wurzeln mit kräftiger Hand ausreißen. Das. ist die Legende, daß es die Juden sind, die die Revolution, insbesondere den Bolschewismus gemacht, daß es die Inden sinddie den Zaren und seine Familie ermordet haben. Waren wir bisher das „gottesmörderische" Volk, so sollen wir fortab als das königs mörderische Volk vor der Welt dastehen, denn „wir" haben den vornehmsten Träger des monarchistischen Prinzips in Europa auf die grausamste Weise ermordet. Der Titel des „gottesmörderischen" * Volkes gründete sich ebenfalls auf eine Legende, unter der noch unsere leiblichen Großväter arg zu leiden batten; noch heute kann es einem Juden, allerdings nur in entlegenen Gebirgsgegenden passieren, daß ihm zugerufen wird: „Ihr habt Ünsern Gott gepeinigt und gekreuzigt!" Sonst aber ist in dem größten Teil der Christenheit dns Bedürfnis nach dem Glauben, daß nur ein leidender, getöteter und auferstandener Gott die Menschheit erlösenkönne, stark in den Hintergrund getreten. Aber ein ermordeter Monarch ist heutzutage ein sehr wertvolles Requisit in den Händen aller, die mit der Entwicklung der Dinge seit dem Weltkriege nicht zufrieden sind. Sind die Mörder eines Monarchen Juden, so ist der Ermordete ein um so wertvollerer Kampfgenosse gegen die Revolution, denn dann ist er nicht das Opfer der Wut seines eigenen Volkes, sondern der „internationalen jüdischen Verschwörung zum Sturze, aller Throne und Altäre". So wurde der arme Nikolaus II. zum Opfer der Juden erhoben. Es grassieren mehrere Broschüren und Flugschriften,- auch in deutscher Sprache, die teils offen, teils versteckt die Ueberzeugung in der Welt befestigen wollen, daß die Ermordung des Zaren ein ,Z?erk der Juden" gewesen sei, eine unabwendbare Konsequenz der russischen Revolution und des Bolschewismus, die'ja auch vou niemandem anders, als von den Juden bewerkstelligt worden find. ‘ Schon int Sommer 1918 versicherten antisemitische Blätter und Flugschriften» unter den Mördern des Zaren seien 80 Prozent Juden gewesen. Diese Nachricht wurde von Paris aus verbreitet. Ms man schließlich erfuhr, daß es im ganzen sieben oder acht Schergen gewesen sind^ die im Aufträge der Bolschewistenregierung Nikolaus und seine Familie Niedergeschossen, da war. es denn ziemlich . heikel, gerade 80 Prozent Juden herarrszudividieren. Man kam schließ- Die Legende vom .gorrer» mörderisch^«* Bott. Dke moderne Legende vom »körrigSNörderisches*. SotL