Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 11 (November 1921)
- Article
- Der Zarenmord und die Juden
- Date
- 1921-11-01
- Page
- 320 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316921-2359001--32302-2359060- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
320 Fm bciüfdhen Reich Der Zarenmord nnb die Juden. (Jüdische Rundschau.) Gefährttche Legenden und idre Zühlebigkeil. — Die Legenden vom jüdischen Dlurnrua! und von der jüdischen Hofircnschändung. — Die Legende vorn ^gotteSmörderischen* Vol». — Die moderne Legende vorn „röniysmörderischen" Volk. Wie fi?rnf Irrveu, die üverdaupr nie exisr^e..en» en Zaren und seine Familie ermordet haben. — Die Legende ar. der fr.. nb» reise von Sibirien nach London. — Juden und Bolschewisten und fein Ende. — Jenny oder Prosoroff? — Ter berühmte russische StaarZmaun Roditscbew gegen die Legendenbildung. — Wie die Juden in die Arme ver Revolution gehetzt wurden. — Ter Widerstand der Juden gegen die Revolution.' — Ueberhandnahme deS politischen Mordes in Teuischl-and. — Sind hie Glaubensgemeinschaften für die Verbrechen einzelner ihrer Mit» glieder verantwortlich? — Die Juden bilden hier eine Ausnahme! — Der Kampf gegen die Dummheit. Gefährliche Le. Was sich nie und nirgends zugetragen, das veralLeL nimmer, ^ÄviateU^E nein, es hat eilt zähes, unzerstörbares Leben, trotzt dem berühmten Zahn der Zeit und der auflösenden Kraft kritischer Analyse, gleich wie . jenes fabelhafte Metall, von dem die Chemiker träumen, dem keine zersetzende Säure etwas anhaben können soll. Man denke an' die Blutbeschuldigung, die zum erstenmal wahrscheinlich gegen Ende des 12. Jahrhunderts in England oder in Rordfrankreich aufgetaucht", ist, seither all diese Zeiten hindurch so unendlich viele Opfer gefordert hat und noch in unserer Zeit ab und zu auftaucht oder richtiger: aufgebracht wird und in weiten Kreisen lebhaften Anklang findet.. Oder man denke an die Zwillingsschwester dieser Beschuldigung, nämlich jene der Hostienschändung, die fast gleichzeitig mit der andern aufgetaucht ist. Als vor sieben- oder achthundert Jahren gegen unsere Vorfahren zum erstenmal Gerüchte verbreitet wurden, daß sie sich auf verbrecherischem Wege geweihte Hostien beschafften und sie mit' Messern und ähnlichen Instrumenten bearbeiteten, um - den in der keinen zarten Oblate gegenwärtigen Leib Christi zu peinigen Und ihm Blut abzuzapfen, ahnten sie nicht, wie viele Ströme von Bluthund. Tränen das kosten würde, hielten es wohl gar für eilien schlechten Spaß. Aber noch im Jahre 1510, also sieben Jahre vor Luthers Auftreten, wurden in Berlin 38 Juden und eine Jüdin deswegen verbrannt, in jener Gegend, wo jetzt die Frankfurter Allee-sich hinzu ht. Ein langwieriger, Aufsehen erregender- Prozeß hatte statt" ' gesimden, eine große Anzahl .von Zeugen hatten feierlichst beschworen,: mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie die Juden in einer versteckten 'Kellerecke bei unheimlich flackerndem Kerzenschein gebeugt dasaßen über dem heiligen Mehlplättchen (von der Größe und der Dicke eines Zehnpfennigstückes) und - mit scharfen, schweren Messern unbarmherzig darauf losstachen und sich' herzlich weideten-an den Martern Christi, bis' Ströme von Blut hervorbrachen und gar nicht aufhören wollten, so daß' die ruchlosen Peiniger Christi sich entsetzten und den- Gegenstand ihrer perversen Lust zu-vergraben'und zu ertränken suchten, aber vergebens; schließlich ließen sie ihn 'eine weite Reise machen, um ihn loszuwerden. Neununddreißig Menschen wurden deswegen verbrannt, bei lebendigem Leibe, im Jahre 1510 zu Berlin, sieben Die Legenden Jahre bevor ' Luther seine Thesen an das Tor - der Wittenberger vom jüdischen Kirche heftete. Darauf wurden sämtliche- Juden' aus der -Mark' bev^üii^tn Brandenburg ausgewiesen, ihr Vermögen konfisziert,.' der Ritterschaft HoftienschÄlwurden die Summen, die-sie ihnen schuldete, erlassen. Das scheint drrvg. der letzte Prozeß dieser Art gewesen zu sein. Denn ein Menschenalter darauf erklärte die Reformation den ganzen Glauben an blutende Hostien für sündhaften Aberglauben. In einer großen nrecklen-, öurgischen Kirche wurde eine derartige Reliquie, nämlich' eine aus den Händen der Juden errettete' zerstochene Hostien als „Schandgötze" ir4: