Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Article
- Die Not der Schwestern
- Date
- 1921-09-01
- Page
- 267 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Not der Schwestern 267 Untersuchen wir zunächst, weshalb auf einmal die Schwestern in Hellen Scharen die Vereine verlassen! Gleich nach dem Krieg war es der verderbliche Einfluß der Kriegsarbeit, welcher eine Anzahl wenig gefestigter, aber ehrgeiziger Schwestern dazu brachte, der strengen Ordnung des Mutterhauses den Rücken zu kehren und sogenannte selbständige Stellungen zu übernehmen. Heutzutage will alle" „sozial* tätig sein, jedes Mädchen will unabhängig sein und der staunenden Mitwelt zeigen, was es leistet. Da kann man freilich nicht in Vereinen bleiben, deren ganze Arbeitseinteilung darauf hinzielt, die Leistung des Einzelnen verschwinden zu lassen. Es rächt sich jetzt, daß man entgegen allen gutgemeinten Warnungen die Anforderungen an die Vorbildung für den Pflegeberuf überspannt hat, und die Berufsverbände, welche diese Anforderungen andauernd erhöhen, schaffen künstlich unzufriedene Menschen. Schon bei der Gründungsversammlung des deutschen Verbandes jüdischer Krankenpflegerinnenvereine Hai der Verfasser darauf hingewiesen, daß die christlichen Mutterhäuser ihre Schülerinnen zu einem sehr erheblichen Teil aus dem Dienstbotenstand nehmen, und daß das Bestreben einzelner Vereins- Vorstände, besonders gebildete Mädchen der Krankenpflege zuzusähren, auf die Dauer keinen Erfolg verspricht. Wer die Krankenpflege als Lebensbcrus ergreift, muß dem Umstand offen ins Gesicht sehen, daß er eine dienende und keine leitende Stellung autritt; die künftige Schwester muß wissen, daß ihr Beruf ein allgemein geachteter und geschätzter ist, daß aber diese Wertschätzung nur durch Selbstentäußerung und Verzicht auf selbständiges Handeln gewonnen wird. Die Schwester, welche nicht mehr sein will als bescheidene Helferin des Arztes, wird von selbst zu einer gern gesehenen Mitarbeiterin; die Schwester, die sich darauf beschränkt, dem Kranken zu dienen, wird seine oft genug schwärmerisch verehrte Führerin zur Gesundheit; die Schwester aber, die behandeln will, hat ihren Beruf verfehlt. Die Gewohnheit einzelner Vereine, den älteren Schwestern une besondere Bezeichnung oder äußerliche Abzeichen zu geben, ist eine llebertragung militärischer Gewohnheiten auf eine Gemeinschaft, die mehr wie jede andere Gleichheit ihrer Glieder erfordert, sie entsprang einer rein aufs Aeußerliche gerichteten Anschauungsweise, die freilich auch heute noch nicht überwunden ist. Auch nicht eine einzige Schwester bleibt wegen solcher Dinge beim Beruf, wenn sie innerlich nicht mehr an ihn gebunden ist. Die Fehler der Auswahl, die in früheren Jahren begangen wurden, können aber heute nur mehr insoweit gutgemacht werden, als man den neuen Schülerinnen klar und deutlich sagt, was die Krankenpflege voraussetzt, und so von vornherein keine falschen Hoffnungen erweckt. Es verlassen heutzutage aber auch manche Schwestern die Vereine, die sich bisher darin wohlgesühlt haben und von ihrer Arbeit durchaus befriedigt waren. Was sind ihre Gründe? Das leidige Geld. Der D.D.J.K. hat ja im vorigen Jahr die Gehälter wesentlich erhöht. Aber die Teuerung schreitet unaufhaltsam vorwärts, Handel und Industrie bieten imgier höhere Gehälter und die Ver-